Wie eine blanke, unberührte Leinwand, oder aber wie eine noch unerzählte Geschichte breitet sich das Bühnenbild im Eukitea Theater aus. Heller Vorhang, weißer Boden. Drei Schauspieler betreten den Raum, gekleidet in Grau und Beige und dazu lautlos barfuß. Aber an den Bühnenseiten stapeln sich Bücher: bunte Einbände, dicke Brocken, kleine Bände. Das Schauspiel-Trio wird diese Werke in die Hand nehmen und aus ihren Seiten vorlesen. Mehr noch: Szenen aus Kapiteln spielen und dazu die Lebensgeschichten der Autoren erzählen. Sie werden dabei tanzen, kämpfen, sich umarmen. Die Bücher am Bühnenrand sind Werke von neun Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die in der NS-Zeit verfolgt, verfemt, verdammt wurden. Weil sie frei dachten und so frei leben wollten. Was ihnen gemein ist: Ihre Bücher wurden am 10. Mai 1933 von einer fanatischen Menge öffentlich verbrannt.
Wie sie zur Zielscheibe der Gewalt wurden? Das erzählt dieses Stück „Friedenskinder“, das mit wenigen Mitteln so viel vermitteln will. Regisseur Stephan Eckl und seinem Team gelingt damit eine so packende wie komplexe Aufforderung – zum Lesen und zum Handeln, hier und heute.
Mit Erich Kästnes Frage „Kann man Bücher verbrennen?“ Beginnt das Stück
Josephine Volk, Christian Rodenberg und Valentin Weiß spulen die Zeit zurück, Deutschland in den frühen 1930er-Jahren: „Herzlich willkommen in der Weimarer Republik!“ Dann tanzen sie locker zur Swingmusik und rufen die Schlagworte der Epoche durch den Raum: „Kriegsende!“ – „Frauenwahlrecht!“ – „Massenarmut!“ – „Krise, Krise, Krise“ – „Spaß, Spaß, Spaß“. Aber auch: „Zunehmender Antisemitismus“ und „extremer Nationalismus“. Den Tag, als die Bücher brannten, beschreibt das Trio dann mit den Worten eines literarischen Augenzeugen. Studenten in SS-Uniform versammelten sich am Berliner Opernplatz. Sie kippten Lastwagen-Ladungen von Büchern, die sie als „undeutsch“ verurteilen, auf einen Scheiterhaufen. „Er flammte auf“, so beschreibt es Erich Kästner. Und dann tauchte Joseph Goebbels auf vor dem Feuer, „wie ein Teufelchen vor der Hölle“. Doch bald wird Kästner selbst von einer Frau in der Menge entdeckt: „Seht nur, da steht er, der Kästner“, denn auch dessen Bücher lodern auf dem Haufen. Weil er mit Witz und Widerwillen gegen den Geist und die Gewalt der Zeit stichelte.
Mit dieser Schlüsselszene öffnet sich dieses Stück mit seinen neun Kapiteln. Die Schauspieler leisten Feinarbeit mit Blicken und Gesten. Zuerst stehen da zwei Männer und staunen mit großen Augen über die brennenden Bücher – und nur in der Fantasie entsteht das historische Bild dazu. In den Szenen, die folgen, sitzt oft einer der drei auf einem Hocker und erklärt in wenigen Sätzen das Leben des nächsten Autors. Dann bricht eine gespielte Szene aus. Tanzen, zerren, kommen, gehen, sich abstoßen und anziehen. In der Bewegung bricht die Unruhe der Zeit aus. Je nach Tonfall jedes einzelnen Kapitels.
Gustav Meyrink zählte zu den Autoren der verbrannten Bücher
„Gustav Meyrink wollte den Geheimnissen des Lebens auf den Grund gehen.“ Als Pionier der fantastischen Literatur galt der Romancier in Prag als Bürgerschreck – und den Nazis als Feindbild mit seiner freien Fantasie. Andere wurden konkreter politisch: „Habt ihr den Krieg nicht satt?“, eine Frau legt sich mit einem Rudel von aufmarschierenden, jungen Kriegslustigen an. „Ewiger Friede, ein Widersinn?“, fragte da die Autorin Bertha von Suttner. Für ihre pazifistischen Werke wie „Die Waffen nieder“ erhielt sie noch den Friedensnobelpreis. Doch dann starb sie eine Woche vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, „vor dem sie immer gewarnt hatte“. Auch Stefan Zweig, Österreicher und Jude, war ein Mahner für Freiheit und Frieden: „Wir haben wohl alle manchmal das gleiche Verlangen, einen Augenblick auszuruhen von der Überfülle der Geschehnisse, Atem zu holen in der unablässigen politischen Bestürmung durch die Zeit.“ In diesen Stürmen musste auch die Jüdin Nelly Sachs vor der Verfolgung fliehen, sie schrieb im schwedischen Exil weiter ihre lyrischen Verse: „An Stelle von Heimat / halte ich die Verwandlungen der Welt.“
Der Stoff, den das Eukitea-Theater hier zum Mosaik fügt, mag kompliziert sein. Aber die Inszenierung konzentriert sich auch deshalb auf drei klare Ebenen: Körper, die sich begegnen. Worte, die das Trio zitiert. Und schließlich, was auch maßgeblich den Raum mit einer Stimmung und Ahnung erfüllt: Musik. Fred Brunner hat für jede einzelne Szene, jedes Autoren-Kapitel eine Tonkulisse entworfen. Mal brummt das Unheil elektronisch. Andernmal spielen Violine oder Akkordeon zum Tanz. Zu Beginn swingt der Swing der Weimarer Republik, dann aber knistern die Seiten. Klang- und Musiktheater, das dem Gefühl noch viel mehr Raum gibt.
Das Eukitea-Theater will „Friedenskinder“ an die Schulen bringen
Das Eukitea-Theater will „Friedenskinder“ vor allem auch in Schulen spielen, die Inszenierung mit Vor- und Nachbereitung anbieten – weil Unterrichtsstunden auch nötig sein werden, um die Hintergründe genauer zu erklären. Das Ensemble hat das Stück schon in Potsdam und Berlin aufgeführt, nun folgte in Diedorf, auf der Eukitea-Hauptbühne die Bayern-Premiere. Was hängen bleibt? Bei jedem Zuschauer wird es wahrscheinlich eine andere Szene sein, ein anderer Satz, ein anderes Gefühl. Die trotzigen Worte, die mahnenden und die lebensweisen, die schweren oder die leichteren. Und was im besten Fall bleibt, ist ein Gefühl, selbst handeln zu können.
Vor allem das aktuelle Thema der Flucht habe die Schüler berührt, die „Friedenskinder“ schon gesehen haben – erzählt Josephine Volk. Sie hat dann auch selbst nach den richtigen Worten gesucht, gemeinsam mit Jugendlichen, mit denen sie während der Entwicklung des Stücks gesprochen hat. Mit Volks Zeilen endet „Friedenskinder“: „Heute ist nicht damals – und morgen kann mehr sein, als alles, was gestern war“. Als Kästner vor dem brennenden Stapel stand, fragte er sich: „Kann man Bücher verbrennen?“ Ja, wohl das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Aber nicht die Worte, wenigstens nicht in diesen neun Fällen. Diese Worte leben weiter.
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Veronika Lintner
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Krise
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