An manchen Tagen staut sich der Verkehr rund um das Waldstadion, wie viele Frankfurter den „Deutsche Bank Park“ noch immer nennen, besonders stark. Wenn Bundesliga-Spiele stattfinden, aber auch in der Spielpause im Sommer hält das Phänomen an. Dann beginnt die Konzertsaison und große Namen kommen nach Frankfurt, die Zufahrtsstraßen zum Stadion und die Wohnviertel des Stadtteils Niederrad sind verstopft.
Viele auswärtige Konzertbesucher kennen sich mit den Verhältnissen rund um das Stadion nicht aus. Dass die Besucher mit ihren Autos die Straßen überlasten, hat es schon in den Sechzigerjahren gegeben. Das Thema ist aber besonders akut, weil die Frankfurter Stadtverordneten vor knapp einem Jahr den Grundsatzbeschluss für eine Multifunktionsarena am Waldstadion gefasst haben. Sie soll bei Eishockey- und Basketballspielen 13.000 Zuschauern Platz bieten, bei Konzerten 15.000. Das wird erst dann zur Herausforderung, wenn Veranstaltungen parallel im Waldstadion und in der neuen Arena stattfinden. Eine Machbarkeitsstudie geht davon aus, dass dies an etwa 15 Tagen im Jahr der Fall ist.
Verkehrsdruck im Süden Niederrads
Es gibt also gute Gründe, sich die Ausgangslage genauer anzuschauen, und zwar anhand der Auswertung von Navigationsdaten. Sie zeigen, was die Menschen in Niederrad aus eigener Anschauung beklagen: Die Verkehrsbelastung steigt gerade bei Konzerten in den Wohnvierteln stark an.
Eigentlich sollen Schranken verhindern, dass Autos in die Straßen im Süden Niederrads fahren. Weil sie nicht mit Personal besetzt sind, werden sie allerdings oft umfahren. Lässt sich die Belastung mit Zahlen belegen? Der niederländische Navigations- und Kartenanbieter Tomtom verfügt über die Daten von Navigations- und Mobilfunkgeräten. Daraus errechnet er regelmäßig die Staubelastung von Städten und veröffentlicht sie im gerade wieder vorgestellten Traffic-Index. Die Auswertung lässt sich aber auch kleinräumig vornehmen. In diesem Fall wurden zwei Flächen betrachtet: der ganze Stadtteil Niederrad ohne das Lyoner Quartier und lediglich der südliche Teil, an dessen Zufahrten vor Veranstaltungen die Schranken heruntergelassen werden.
Stau-Niveau mehr als verdoppelt
Drei Termine im Waldstadion während der vorigen Sommerferien lieferten die Daten für den Ernstfall: Das Konzert von Linkin Park am Dienstag, 8. Juli, das der Stray Kids am Dienstag, 15. Juli, und der Auftritt der Imagine Dragons am Montag, 21. Juli. Neben der Durchschnittsgeschwindigkeit und der Fahrtzeit gibt Tomtom das Stau-Niveau an. Der Wert in Prozent zeigt den Unterschied zwischen freier Fahrt unter optimalen Bedingungen und der tatsächlich gemessenen Zeit. 100 Prozent heißt, man braucht für eine Strecke doppelt so lange.
Das Stau-Niveau liegt natürlich auch ohne ein Konzert nicht bei null, wie der Vergleich mit den entsprechenden Wochentagen ohne Konzert zeigt. An einem typischen Dienstagnachmittag im Mai oder September stieg es im Berufsverkehr durchschnittlich auf bis zu 60 Prozent im ganzen Stadtteil. Niedriger fiel es für die ebenfalls zum Vergleich herangezogenen Dienstage in den Ferien mit 43,1 Prozent aus. Als Linkin Park ins Waldstadion kam, erhöhte sich das Stau-Niveau dagegen in den kritischen zwei Stunden vor Konzertbeginn, wenn die Besucher anreisen, auf 115,8 Prozent.
Betrachtet man nur die Wohnviertel im südlichen Teil Niederrads, fällt der Unterschied noch größer aus, denn hier herrscht an gewöhnlichen Wochentagen weniger Durchgangsverkehr. Das Stau-Niveau zwischen 16 und 18 Uhr lag in den Ferien bei weniger als 30 Prozent, außerhalb davon mit 33,3 Prozent nur wenig darüber. Doch beim Linkin-Park-Konzert erreichte es mit 116,1 Prozent sogar einen knapp höheren Wert als für den ganzen Stadtteil. Die Schranken verfehlen offenkundig ihre Wirkung.
Konzerte verursachen mehr Verkehr als Fußball
Die Daten zeigen, dass auch nach dem Konzert zwischen 22 und 24 Uhr deutlich mehr los war als sonst. Das Stau-Niveau erreichte 62,6 Prozent für ganz Niederrad und 97,2 Prozent nur im südlichen Teil. Sonst liegt es um diese Uhrzeit zwischen 16 und 22 Prozent.
Beim Auftritt der Imagine Dragons am 21. Juli waren die Werte nicht ganz so extrem. Mit 78,2 Prozent in den zwei Stunden vor Konzertbeginn waren sie für ganz Niederrad aber ebenfalls niedriger als südlich der Triftstraße, wo das Stau-Niveau 107,4 Prozent erreichte. Das Konzert der Stray Kids am 15. Juli lieferte die Ausnahme von der Regel. Auch hier gab es Stau, der Wert war aber für den ganzen Stadtteil mit 99,7 Prozent höher als in den südlichen Wohngebieten mit 78,1 Prozent.
Und wie sieht es bei einem Bundesliga-Heimspiel aus? Am 4. Oktober war Bayern München zu Gast, ein echtes Schlagerspiel, das um 18.30 Uhr angepfiffen wurde. Trotz ähnlicher Uhrzeit ist der Vergleich nur eingeschränkt möglich, weil es sich um einen Samstag nach einem Feiertag handelte. Nimmt man aber den gesamten Zeitraum von Anreise, Spiel und Abreise zwischen 16 und 24 Uhr und stellt ihn dem gleichen Zeitraum der Konzerte gegenüber, so zeigt sich: Das Stau-Niveau im gesamten Stadtteil war bei den Konzerten mit Werten zwischen 68,1 Prozent bei den Stray Kids und 83,9 Prozent bei Linkin Park höher als beim Bundesligaspiel mit 58,4 Prozent. Der Süden des Stadtteils wies auch hier einen höheren Wert auf, nämlich 77 Prozent.
„Sie erwarten konkrete, nachvollziehbare Lösungen.“
Die Verkehrsbelastung lässt sich auch an der Durchschnittsgeschwindigkeit ablesen. Sie ging zum Beispiel in den zwei Stunden vor dem Linkin-Park-Konzert im Vergleich zu einem normalen Dienstag in den Ferien von 24,7 auf 15,5 Stundenkilometer zurück. Das war der Wert für ganz Niederrad. Auch im südlichen Teil, in dem ohnehin meist Tempo 30 gilt, zeigte sich der Effekt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sank von 23,8 auf 12,7 Stundenkilometer. Der reguläre Verkehr in den Ferien sei zwar insgesamt geringer als in Schulzeiten, stellten die Tomtom-Fachleute fest. Der Effekt werde aber durch die zusätzliche Belastung durch Konzerte deutlich überlagert.
Dem Ortsbeirat, der sich immer wieder mit dem Verkehr befasst, hat der Magistrat jetzt versichert, der Anwohnerschutz in Niederrad sei für ihn eines der „vordringlichsten Themen“ rund um das Stadion. Doch die Bürger seien skeptisch, sagt Ortsvorsteher Christian Becker (CDU). Eine Informationsveranstaltung im vergangenen Jahr habe sie nicht überzeugt. „Sie erwarten konkrete, nachvollziehbare Lösungen.“ Bis es soweit ist, sieht der Magistrat Eintracht Frankfurt als Stadionbetreiber in der Pflicht, heißt es in einem Bericht. Die Zufahrtsschranken nach Niederrad müssten vom Veranstalter besetzt werden. Die städtische Verkehrspolizei solle ihr Personal für die Verkehrssicherheit einsetzen.
Wenn die Multifunktionshalle gebaut ist und parallel Veranstaltungen in Stadion und Halle sind, werden Ordner an Schranken nicht reichen. Die Koordinatoren für das Hallenprojekt haben jetzt die Arbeit aufgenommen. Parallel soll ein Verkehrskonzept erarbeitet werden. Aus Aktionismus einfach ein Parkhaus zu bauen, sei keine Lösung, sagt Heiko Nickel, im Frankfurter Mobilitätsdezernat für die strategische Verkehrsplanung zuständig. „Wir müssen groß denken und alle verkehrlichen Aspekte berücksichtigen – zum Beispiel die Auto-Zufahrtsmöglichkeiten zum Stadion, deren Kapazität nun mal begrenzt ist.“ Ein effizienter Stadionverkehr lasse sich nur mit dem Angebot schneller, komfortabler ÖPNV-Verbindungen sicherstellen. Ziel des Verkehrskonzepts könne es daher nicht sein, eine möglichst hohe Parkplatzkapazität zu schaffen.
Besucher konsequent von Niederrad fernhalten
Lediglich für den Standort Gateway Gardens am Flughafen ist aus Sicht Nickels schon jetzt klar, dass dort unabhängig vom Stadion-Verkehrskonzept ein Parkhaus entstehen könne. Ansonsten lägen potentielle Standorte, um Besucher frühzeitig abzufangen, entlang der S-Bahn-Linien 8 und 9. Eine stärkere Nutzung der Parkflächen in Stadionnähe wie dem Waldparkplatz sei nur mit einer Lösung für den überlasteten Oberforsthauskreisel möglich. Für Nickel ist entscheidend, die Autos der Besucher zu vorgebuchten Parkplätzen wie im Bürogebäude Aculeum zu lotsen und alle anderen konsequent von Niederrad fernzuhalten.
Eine wirklich überzeugende Lösung hänge aber nicht nur von Frankfurt ab. Die automatische Kennzeichenerfassung müsse in Deutschland erlaubt werden. „In zahlreichen italienischen Städten wird die Einfahrt ins Zentrum auf diese Weise kontrolliert“, sagt der Leiter der strategischen Verkehrsplanung. „Mit würfelgroßen Kameras.“ Zugleich würden dort saftige Bußgelder fällig, während es hierzulande gerade einmal 20 Euro koste, wenn man unerlaubt auf einem Anwohnerparkplatz stehe. „Die Leute stellen sich komplett schmerzfrei dorthin, während die Verkehrspolizei nebenan aufschreibt“, sagt Nickel. Es fehle der Anreiz, sich an die Vorschriften zu halten.
Mit bis zu zwölf Mitarbeitern ist die Verkehrspolizei bei Großveranstaltungen unterwegs. Auch sie kann Zahlen liefern: Rund um das Linkin-Park-Konzert stellten die Verkehrspolizisten 346 Verwarnungen aus und ließen drei Autos abschleppen. Bei den Stray Kids waren es nur 104, bei den Imagine Dragons 566. Diese Zahlen liegen allerdings bei Fußballspielen im Durchschnitt höher. Spitzenreiter war das Europa-League-Spiel der Eintracht gegen Ajax Amsterdam mit 807 Verwarnungen und 16 abgeschleppten Autos.