Interview

Standdatum: 1. Februar 2026.

Autorinnen und Autoren:
Verena Patel

Barfuß läuft eine Person vor dem dem Anschwimmen  durch den Schnee.

„Früher liefen wir noch barfuß durch den Schnee“ – wie wir uns erinnern und warum dabei manches ausgeblendet wird, erklärt Neurowissenschaftler Thorsten Fehr im Interview.

Bild: dpa Bildfunk | Patrick Seeger

Es wurde nicht gejammert und das Wetter war sowieso krasser: Warum uns die Vergangenheit oft besser erscheint und was das mit Psychohygiene zu tun hat, erklärt ein Bremer Neurowissenschaftler.

Trauben von Menschen, hunderte, manchmal rennend, Blick gesenkt, aufs Handy, an teils seltsamen Orten: 2016 gab es das öfter. Grund: Pokémon Go, ein neues Spiel, bei dem die Standortsignale des Smartphones genutzt wurden, um Figuren in einer virtuellen Welt gegeneinander antreten zu lassen. Nur einer der Netztrends aus dem Jahr 2016, nach denen sich Userinnen und User gerade zurücksehnen. Und auch Schneesturm „Elli“ rief die Nostalgiker auf den Plan: „Das bisschen Kälte? Früher liefen wir noch barfuß durch den Schnee!“

Warum in der Rückschau vieles schöner oder besonderer erscheint, darüber haben wir mit Thorsten Fehr gesprochen. Er ist kognitiver Neurowissenschaftler und Psychologe und forscht an der Universität Bremen.

Herr Fehr, wir wollen über das Vorurteil, dass früher alles besser war, reden. Warum denken wir eigentlich so?

Der erste Punkt ist schon der Denkfehler: Dass wir so denken. Einige von uns denken so, sie äußern sich dann und dann denken wir manchmal, dass alle so denken, aber das tun wir eigentlich gar nicht alle, weil das hochindividuell ist. Aber manche Menschen tun das natürlich: ‚Früher gab’s mehr Schnee, früher war mehr Lametta etc.‘ Das sind alles Sprüche von Menschen, die sich gerne verlautbaren und die wir alle kennen.

Porträt von Thorsten Fehr

Thorsten Fehr forscht und lehrt an der Universität Bremen. Einer seiner Schwerpunkte ist das Gedächtnis.

Bild: privat

Was läuft da im Gehirn ab? Was passiert da, dass man manche Dinge total ausblendet und nur bestimmte Dinge in Erinnerung bleiben?

Zunächst mal müssen wir hier hervorheben, dass die Erinnerung weniger Fehler hat als richtige Dinge, sonst könnten wir gar nicht existieren. Das heißt also, eigentlich läuft es ganz gut. Aber manchmal passieren eben diese Fehler beziehungsweise Anpassungen. Diese Anpassungen sind durch vieles beeinflusst: durch unsere Umwelt, durch unseren Medienkonsum, durch Freunde und Familie, andere Leute, und auch durch innere Prozesse. Unruhiger Schlaf, schlechter Schlaf, sehr guter Schlaf – durch all diese Prozesse werden unsere Gedächtnisinhalte und Erinnerungen verändert, angepasst oder wie wir so schön sagen: moduliert. Das heißt also: Hier gibt es ein riesengroßes Portfolio an Einflüssen.

Dient das dem Menschen zum Überleben, so zu denken: ‚Früher war es besser‘ oder ‚Früher waren die Leute hartgesottener, konnten mehr aushalten‘?

Natürlich können wir uns auch ermuntern oder ermutigen, zum Beispiel, indem wir sagen: ‚Ach, da müssen wir jetzt durch. Das müssen wir jetzt durchhalten. Komm‘, früher ging das doch auch.‘ Früher gab es immer den Spruch: Nur die Harten kommen in den Garten. Man nennt das Durchhalteparolen. Aber man muss auch sagen: Es dient auch ein stückweit der Psychohygiene. Bei einem gesund sozialisierten und aufgewachsenen Menschen mit einer soliden Psyche hilft das ja auch letztlich der Selbsttherapie. Also zum Beispiel: Durchhaltewillen, Dinge mal durchzuziehen, einen Ausbildungsgang abzuschließen und so weiter. Oder einfach mal zu Fuß von A nach B zu gehen, auch wenn’s kalt ist, und das hilft sehr.

Also mit anderen Worten: Zu verklären, was gestern war, ist gar nicht so schlecht.

Verklären ist vielleicht ein zu starkes Wort. Vielleicht sollte man sagen: In ein gewissermaßen gesundes oder überlebensfähiges Verhältnis rücken, das ist ok. Verklären, das geht in eine extreme Richtung. Verklären kann auch bedeuten, dass man die Dinge fatalistisch deutet. Also: Es spielt keine Rolle, ich konnte mich sowieso nicht in irgendeiner Form mit Einfluss einbringen oder, oder, oder. Das sind natürlich sehr negative Effekte. Aber die positiven Effekte sind, dass ich mir selber helfen kann, eine gesunde Psychohygiene und eine gesunde Psyche beizubehalten.

Ist das eigentlich etwas, das alle Menschen im Laufe ihres Lebens entwickeln, dass sie sagen: ‚Früher, als ich jung war, war das so und so‘?

Wir unterliegen in der Organisation unseres Gedächtnisses natürlich lebenslangen Veränderungen. Ganz früh wird ganz viel in unser Gedächtnis hinein gespeichert. Davon wird auch vieles wieder gelöscht, das wird sozusagen neuronal wieder beseitigt. Das heißt, das ist dann Ballast. Wir straffen sozusagen unser Gedächtnis. Später, vor allem in der Mitte des Lebens, brauchen wir unser Gedächtnis sehr, sehr stark für unseren Beruf, wir sind sehr, sehr stark gefordert. Und später kommen dann eben so Sachen, dass das Gedächtnis nicht mehr so ganz fluide, nicht mehr so ganz flüssig, nicht mehr so ganz einbaubar ist in unser Denken. Und da manifestieren sich manchmal Ideen von der Vergangenheit, die immer schwerer aufzulösen oder anzupassen sind. Das Gedächtnis verändert sich im Laufe unseres Lebens und natürlich auch die Neigung, das eine vielleicht zu dramatisieren und das andere vielleicht zu bagatellisieren.

Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
butenunbinnen.de, Trügerische Erinnerung oder gesunde Reaktion: War früher alles besser?, 1. Februar 2026, 16:06 Uhr