Eröffnung Lessingtage mit "Mothers"

AUDIO: Lessingtage am Hamburger Thalia Theater starten hochpolitisch (4 Min)

Stand: 01.02.2026 09:22 Uhr

Die Lessingtage im Hamburger Thalia Theater sind am Samstag mit dem Stück „Mothers – A Song for Wartime“ gestartet. Matthias Lilienthal hat das Festival kuratiert. Er gilt als Provokateur und Fachmann fürs Verstörend-Hochaktuelle.

von Peter Helling

19 Frauen und ein Mädchen stehen in scheinbar privater Kleidung auf der Bühne im Thalia Theater und singen ein ukrainisches Frühlingslied – eines, das die Herzen erwärmen, das Hoffnung wecken soll. Aber dieses Theaterstück hat nichts von einem idyllischen Chorkonzert mit Volksmusik.

Zerrissene Melodien erschüttern

Die Melodien werden zerrissen. Kaum eine der Frauen lächelt. Ihre Gesichter sind angespannt. Eine Trommel zerfetzt jede Harmonie. Die Frauen blicken direkt ins Publikum, halb anklagend, halb verzweifelt. Es ist ein Chor von Überlebenden – von geflüchteten Frauen aus der Ukraine und Belarus. Heute leben sie in Polen. Und in diesem erschütternden Stück „Mothers – A Song for Wartime“, also „Mütter – ein Lied für Kriegszeiten“ wird aus Musik: Anklage, Klage, Trauer.

„Die Mütter und Kinder sind die, die ganz viel leiden und eigentlich nichts dafür können. Jetzt müssen sie irgendwo hier leben, wo auch immer. Das haben die ganz gut rübergebracht“, bemerkt eine Besucherin. Außerdem sei im Stück deutlich geworden, dass Frauen weit gefährdeter seien im Krieg durch Vergewaltigung. Das werde gern verdrängt. Eine andere Besucherin beschreibt die Situation als dramatisch: „Die Geschichte wiederholt sich. Die Geschichten sind die gleichen, leider.“

Im Foyer des Thalia Theaters hängt ein Werbebanner für die Lessingtage.

Studierende gründen eine WG im Thalia Theater – nur ein Teil des Programms, das sich Theatermacher Matthias Lilienthal ausgedacht hat.

Schlicht inszeniert mit verstörenden Momenten

Die polnische Regisseurin Marta Górnicka hat das Stück ganz pur und schlicht inszeniert. Der vielleicht verstörendste Moment ist, als eine Frau einem Mädchen mit Filzstift eine Telefonnummer auf den nackten Rücken schreibt, eine Videokamera rückt ihr ganz nah. Es ist eingeübte traurige Realität im Krieg, für den Fall, dass das Kind verloren geht.

„In einer Krisensituation muss man pragmatisch werden“, sagt eine Zuschauerin. Eine andere fand das Stück sehr berührend: „Man muss immer wieder daran erinnert werden, was wirklich geschieht“, erklärt sie. Ein Besucher bezeichnet die Inszenierung als „sehr eintönig“, das habe das Thema umso eindringlicher gemacht.

Beschämend und anklagend

Immer wieder steht eine Frau auf, erzählt kurz von der eigenen Flucht, beginnt, eine Melodie zu singen. Die Frauen haben eine ungeheure Kraft, sie verweigern die Rolle als Opfer. Stattdessen zeigen sie ihre Verwundung, verwandeln sie in Widerstand.

An einer Stelle singen die Frauen ein Lied mit der fast mitleidigen Textzeile: „Ach, Europa“. Europa, was bleibt davon? Eine fast spöttische Melodie? Das Stück rückt einem schmerzhaft nah: Man fühlt sich im warmen Festivalsitz des Thalia Theaters fast ertappt, ja beschämt. „Was macht eigentlich ihr?“, wollen die Frauen sagen, „was macht Europa? Mal wieder die eigenen Wunden lecken?“ Dieser Chorgesang, der eher lautes Sprechen ist, klagt an.

Personen sitzen in einer Sofaecke

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „Postpopulismus“ durch das Programm am Hamburger Thalia Theater.

Plattform für schmerzhafte Wahrheiten

Es fällt fast schwer, nach diesem Stück zu sagen: „gelungener Auftakt der Lessingtage“. Dabei war es das, denn es zeigt, dass dieses Festival eine Plattform bietet für schmerzhafte Wahrheiten und gebrochene Wirklichkeiten. Dass Kunst aufrütteln kann. „Ich habe Lessing für mich verstanden als einen, der mir zeigte: So wie die anderen kultivieren zu hassen, kann man auch kultivieren, Mensch zu sein, nicht zu hassen, Empathie zu empfinden. Das ist für mich Lessing“, sagte die Journalistin und Autorin Jagoda Marinić in einer engagierten Eröffnungsrede nach vor dem Stück. Im Nachhinein klingt die wie ein inhaltlicher Prolog. „Wir wissen, wie es geht, sich autoritären Kräften zivilgesellschaftlich entgegenzustellen“, so Marinić.

Ermutigung zur Empathie

Es ist eine Ermutigung zur Empathie, nicht nur mit Menschen, die nebenan leben, sondern auch in weiter entfernten Ländern. Ob in der Ukraine, in Belarus, oder in den USA. Dieses Gefühl für eine Gemeinschaft, für geteilte Verantwortung und geteilte Menschlichkeit, dafür wirbt die Rednerin mit Nachdruck.

Lessingtage mit Brisantem, ungeschöntem Theater

Dass der Theatermacher Matthias Lilienthal, der als Provokateur gilt, diese Ausgabe der Lessingtage kuratiert, verspricht auch weiter brisantes und ungeschöntes Theater. Am Ende dieses Abends gibt es Standing Ovations.

Zwei Männer kommen sich auf der Bühne im Liegen nahe

Die Inszenierung von Luise Voigt zeigt fast körperlich, wie eine Autokratie die Menschen deformiert und landet damit mitten in der Gegenwart.

Darsteller auf der Bühne

Nach der Premiere von Tschechows „Die Möwe“ am Thalia Theater 2025, zieht das Stück weiter ins Schauspielhaus Hamburg.

To My Little Boy Schweinchen Tubber tobt über die Bühne

Der großartige Abend am Thalia Gaußstraße von Karen Jeß über Überforderung mit der Gegenwart beinhaltet Humor, einen Antihelden und ein riesiges Plüschschwein.

Eröffnung Lessingtage mit "Mothers"

Aufrüttelnd: Lessingtage starten mit Stück zu Ukraine-Krieg

Beim Festivalauftakt am Hamburger Thalia Theater rückt der Krieg mit „Mothers – A Song for Wartime“ schmerzhaft nah.

Datum:
31.01.2026, 18:00 Uhr
Ende:
15.02.2026
Ort:

Thalia Theater

Alstertor

20095

Hamburg

Spezielle Hinweise:
Weiterer Spielort: Thalia Gaußstraße, Gaußstraße 190, 22765 Hamburg

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