In Berlin steht mit dem SEZ-Sport- und Erlebnisbad nicht nur ein weiteres DDR-Erbe vor dem Abriss, sondern auch ein Prestige-Bau, an dem viele West-Firmen beteiligt waren. Nun spricht der Architekt.
01. Februar 2026 um 05:00 UhrBerlin
Ein Artikel von
Maria Neuendorff

Architekt Günter Reiß hat das SEZ in Berlin-Friedrichshain entworfen und geplant. Das Vorzeige-Bad der DDR wurde in einer Broschüre der West-Firma Hochtief dokumentiert.
Maria Neuendorff Zusammenfassung Neu
- Umstrittener Abriss des SEZ in Berlin-Friedrichshain gestartet, Abrissstopp verhängt.
- Architekt Günter Reiß: 112 Firmen beteiligt, 60 nicht aus der DDR; Planung mit Hochtief.
- Reiß floh 1977 in den Westen; sein Beitrag zum SEZ lange geheim gehalten.
- Schweden bauten Beton aus; Edelstahlteile wie Sprungtürme aus Skandinavien geliefert.
- Senat plant rund 500 Wohnungen und eine Schule; Initiativen kämpfen für Teil-Erhalt.
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Mit dem umstrittenen Abriss des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain wird wohl ein weiterer DDR-Prestigebau von der Bildfläche verschwinden. Allerdings wurde das beliebte Spaßbad an der Landsberger Allee größtenteils im Westen geplant. „Insgesamt waren 112 Firmen beteiligt, 60 davon nicht aus der DDR“, sagt Günther Reiß.
Dass er gemeinsam mit seinen Kollegen von der westdeutschen Baufirma Hochtief Ende der 1970er-Jahre das SEZ entworfen hat, wurde lange geheim gehalten.
Zum einen wollten die SED-Oberen nicht an die große Glocke hängen, wie viel Hilfe man sich jenseits der Mauer für das DDR-Vorzeige-Schwimmbad holte. Zum anderen war Reiß Republik-Flüchtling.
SEZ-Architekt flüchtete in den Westen
Geboren 1940 in Sachsen, hatte Reiß an der Technischen Universität Dresden Architektur studiert. Schon vor dem Mauerbau wollte er nach einem Ausflug in den Westen nicht wieder heimkehren. „Doch als ich erfuhr, dass mein Ost-Abi nicht anerkannt wird, bin ich nach Dresden zurückgegangen. Ich wollte ja unbedingt Architektur studieren“, erinnert sich der heute 85-Jährige.
Nach dem Studium ist Reiß unter anderem an den Planungen für die Leipziger Ostvorstadt beteiligt. 1969 kommt er nach Ost-Berlin an die Bauakademie und wird Teil von Hermann Henselmanns berühmter Experimentierwerkstatt an der Karl-Marx-Allee.
Durch seine West-Kontakte gelingt ihm 1977 im Lkw einer Speditionsfirma die Flucht über die Tschechoslowakei und Österreich nach West-Berlin. Auch seine Frau können er und die Fluchthelfer ein Jahr später nachholen. Mit ihr, ebenfalls Architektin, lebt und arbeitet Reiß bis heute in Berlin-Charlottenburg zusammen.
In West-Berlin kann sich der gut ausgebildete DDR-Architekt den Job quasi aussuchen. Er heuert 1977 im Berliner Büro des Esseners Hochtief-Konzerns an. Noch im gleichen Jahr bittet der Chef der Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin, Erhardt Gißke, der in der DDR prominente Bauprojekte wie den Palast der Republik verantwortet, Hochtief um Hilfe bei der Planung eines multifunktionalen Zentrums für Sport und Erholung, das spätere SEZ.

Die Baggerarbeiten am Sport- und Erholungszentrum (SEZ) in Berlin-Friedrichshain haben begonnen. Das ehemalige DDR-Vorzeigebad soll zugunsten von Wohnungsbau abgerissen werden.
Jens Kalaene/dpa
Reiß und seine Kollegen entwerfen erste Pläne mit einzelnen Bereichen wie Schwimmbad, Eisbahn, Restaurants und Bowlingbahn und schicken Skizzen nach Ost-Berlin. Als Anfang 1978 die offizielle Ausschreibung vom zuständigen Außenhandelsunternehmen Limex erfolgt, legt Reiß nochmal richtig los.
„Ich zeichnete Tag und Nacht“, erinnert er sich und zeigt zum Beweis alte Skizzen. Sein Vorteil gegenüber anderen West-Architekten: Er kennt das Gelände, auf dem das SEZ entstehen soll, gut, hat sogar um die Ecke gewohnt. Dazu weiß Reiß um die Normen, Vorschriften und Lieferengpässe in der DDR.
SEZ-Sprungtürme aus Schweden
Hochtief bekommt den Auftrag. Doch Reiß‘s Name darf bei den DDR-Offiziellen nie auftauchen. Auch noch lange nach der Wende heißt es, das SEZ sei von einem schwedischen Architektenteam entworfen worden. „Das stimmt so nicht“, betont Reiß.
Die Schweden hätten nur den Auftrag für den Betonausbau bekommen. „Den haben sie aber richtig gut gemacht“, berichtet der Architekt. Auch die Sauna und Schwimmbad-Teile aus hochwertigem Edelstahl, wie zum Beispiel die Sprungtürme, habe die DDR bei den Skandinaviern bestellt. Für die Montage schickten sie ausgebildete Zimmerer nach Ost-Berlin, die in Container-Unterkünften lebten.
Reiß selbst wird die SEZ-Baustelle niemals persönlich betreten. Als DDR-Flüchtling hütet er sich generell, die deutsche-deutsche Grenze noch einmal ohne Flugzeug zu überqueren.
Er muss sich auf Infos und Fotos seiner Kollegen verlassen. Auch mit Schweden beginnt ein reger Austausch. „Wir haben die Pläne streifenweise per Fax zwischen Berlin und Stockholm hin- und hergeschickt“, erinnert sich Reiß. „Wir mussten sie jedes Mal neu zusammenkleben.“ Es ist der Beginn der Planungskommunikation über Ländergrenzen hinweg.

Auf den Bildern der Initiative „SEZ für alle“, die 2024 in den Schwimm- und Sportanlagen gemacht wurden, zeigt sich das ehemalige DDR-Freizeitparadies noch ganz gut in Schuss.
Susanne Lorenz
Auch die Eröffnung des SEZ nach dreijähriger Bauzeit am 20. März 1981 im Beisein von Staatschef Erich Honecker findet ohne Reiß statt. Den hochgelobten und von den Berlinern heiß geliebten Freizeittempel mit der offenen modernen Glasfassade, in den er so viel Herzblut steckte, kann er erst 1986 das erste Mal selbst betreten. „Mein Vater war gestorben, und ich durfte zur Beerdigung in die DDR reisen.“
Auf dem Rückweg macht er mit seiner Familie einen Stopp Landsberger Allee, Ecke Danziger Straße, damals noch Leninallee/Ecke Dimitroffstraße. „Es war schon 18 Uhr. In das Schwimmbad konnten wir nicht mehr, aber wir bekamen unten in der Bowlingbahn noch etwas zu essen.“
Besuch in der SEZ-Bowlingbahn
Reiß ist bis heute erstaunt, wie genau seine Pläne für die Inneneinrichtung umgesetzt wurden. Von den Lampen in der Bowlingbahn bis zu seinen Farbvorschlägen für die Kaskaden sei alles realisiert worden. „Man hatte nicht das Gefühl, dass es irgendwo einen Material-Engpass gegeben hatte.“ Selbst die Schließanlage für die Garderoben-Schränke stammte aus dem Westen.
Dass das SEZ nach der Wende trotzdem nicht wirtschaftlich weiterzuführen war, sieht Reiß ein. „Es war ein hochsubventioniertes kleines Paradies. Wir hatten damals noch mit 400 Angestellten geplant. Zum Schluss waren es in den Spitzen 1200.“
Das gemeinnützige Anliegen bezeugt auch ein Hochtief-Prospekt über das SEZ, das Reiß bis heute aufbewahrt hat. „Kommerzielle Überlegungen standen im Hintergrund, die erholende, entspannende, sportlich-spielerische Wirksamkeit war entscheidend“, steht darin geschrieben.
Nach der Wende baut Reiß unter anderem Multiplex-Kinos. Auch das Kudamm-Kino Astor hat er zur edlen Film-Lounge umgebaut. Gemeinsam mit dem Cinemaxx-Chef sowie dem damaligen Betreiber des Blub-Spaßbades in Berlin-Neukölln schmiedet Reiß Pläne, das SEZ gemeinschaftlich weiter zu betreiben. Ein Münchener Investor will zudem ein Sportkaufhaus auf dem Dach errichten.
Wohnungen statt SEZ-Spaßbad
Der Berliner Senat verkauft das SEZ 2003 lieber für einen symbolischen Euro an den Leipziger Bauunternehmer Rainer Löhnitz, verbunden mit der Auflage, das Schwimmbad bis 2008 wiederzueröffnen.
Doch der Komplex wird nur sporadisch und partiell zwischengenutzt, verfällt weiter. Es kommt zu jahrelangen juristischen Streitigkeiten über die Nutzung und zum Vertragsbruch und schließlich zur Zwangs-Rückübertragung an die Stadt. Seit sieben Jahren gibt es einen Bebauungsplan des Senats, der die Errichtung von rund 500 Wohnungen sowie einer Schule vorsieht.

Areal des SEZ soll Quartier mit Wohnungen werden
Florian Schuh/picture alliance/dpa
Als Reiß 2019 zur Ostpro-Messe das SEZ das letzte Mal betritt, macht er gleich wieder vor Enttäuschung kehrt. „Die Inneneinrichtung war zum Teil zerstört, die Decken und das hochwertige Hirnholzparkett im ehemaligen Kinderspielbereich herausgerissen.“
Auch die Keramikplatten aus dem Niederlausitzer Klinker- und Ziegelwerk sind weg. „Alles war mit Leuchtstoffröhren erhellt wie auf einer Baustelle“. Nicht nur für Reiß ein Trauerspiel. Denn dass das besondere Flair der Innenarchitektur so wenig erhalten wurde, ist für die Denkmalschützer ein Grund, den DDR-Bau nicht, wie von vielen gefordert, unter Schutz zu stellen.
SEZ-Sportbereiche sind gut erhalten
Die Sportbereiche dagegen sind bis heute gut erhalten. „Ich verstehe nicht, warum die Stadt dort eine Schule samt Sporthalle neu bauen will“, sagt Reiß.
Er hat Pläne in der Schublade, die einen Teil-Erhalt des SEZ in Kombination mit Wohnungsbau möglich machen würden. Zusammen mit anderen SEZ-Fans setzt er sich gegen den Komplett-Abriss ein. Erst am Dienstag (27.1.) fand wieder ein Runder Tisch mit Nachbarn und Experten statt.
Vor ein paar Wochen forderten zudem 150 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von mehr als 60 Universitäten in einem Offenen Brief den Erhalt von Teilen des Spaßbades. Sie sprechen von einem „historischen Ost-West-Projekt“ in Zeiten des Kalten Krieges.

Im SEZ in Berlin-Friedrichshain wurden auch nach der Schließung 2002 jahrelang noch Badminton gespielt. Gerade die Sportbereiche sind noch recht gut erhalten.
Susanne Lorenz
Doch das Außenbecken wurde teilweise schon abgerissen, an einer Straßen-Ecke wurden die ersten Platten abmontiert, bis das Bezirksamt kurz vor Weihnachten doch noch kurzfristig einen Abrissstopp erwirkte. Viel Hoffnung macht sich Reiß trotzdem nicht mehr. „Das Ding ist wahrscheinlich durch.“
Dass das alles eigentlich auch ganz anders laufen könnte, sei ihm im Italien-Urlaub bewusst geworden. „In Rom konnte ich im Sportforum zahlreiche Handwerker auf großen Gerüsten beobachten, die an der imposanten Ruine der alten Caracalla Thermen Restaurierungsarbeiten ausführten, um dieses Bauwerk zu erhalten“, berichtet der Berliner.
Die historische Anlage, vor 1.800 Jahren in einer ärmlichen Gegend am Stadtrand von Rom errichtet, habe bis in das fünfte Jahrhundert neben Schwimmbecken und Thermen, ähnlich wie das SEZ, auch Gymnastik- und Versammlungsräume, Bibliotheken sowie diverse Dienstleistungsbetriebe wie Friseurgeschäfte beherbergt, erklärt der Architekt. Die Thermen konnten 2.000 Gäste aufnehmen. Der Eintritt war frei.
„Das SEZ war täglich für bis zu 15.000 Besucher ein Erlebnis und eine Freude“, sagt Günter Reiß. In diesem historischen Vergleich sei sein Abriss ein sinnloser, gegen die Bevölkerung gerichteter Frevel und die Vernichtung eines Kulturgutes.
