Es ist bundesweiter Verdi-Streik im Nahverkehr, und so fährt in ganz Deutschland auch keine Straßenbahn. In ganz Deutschland? Nein. In Berlin fahren die Straßenbahnen kreuz und quer durch die Stadt. Aber es sitzt außer dem Fahrer niemand drin. Es darf auch niemand einsteigen.

Es gilt die Parole: Geh‘n Se weiter, hier jibt et nüscht zu sehen, wir müssen die Oberleitungen daran hindern, wieder zu vereisen, nachdem wir sie in mühevoller Handarbeit eine Woche lang abgeschrubbt haben, und so fahren wir wie Emma, die Lokomotive, durch Lummerland von Weißensee bis Moabit und zurück, eine Runde nach der anderen. Wir nennen dit „Betriebsfahrt“.

Die leeren Züge fahren an den großen staunenden Augen der Menschen vorbei, die womöglich glauben, bei minus acht Grad und Dauerfrost würde sich vielleicht doch irgendjemand erbarmen, anhalten und die Türen aufmachen: „Komm‘ Se rin, is ja zu kalt für de Oma!“

Aber nein. Da könnte ja jeder kommen und einsteigen, um zur Arbeit zu fahren. Die Gewerkschaft Verdi kämpft um bis zu zwölf Prozent höhere Löhne für ihre Klientel mit den bombensicheren Jobs im Nahverkehr, und da kann es keine Ausnahme geben, kein Pardon und schon gar kein Zurückweichen vor den sturen Arbeitgebern.

Aber halt, wer sind noch mal die Arbeitgeber? Genau, die Kommunen, die gerade Zeter und Mordio schreien, weil sie wegen ausufernder Sozialausgaben schon mit 30 Milliarden im Minus sind; also wir alle, wir Fahrgäste, Steuerzahler und ach so „fleißigen“ Arbeitnehmer, wie der Herr Laumann von der CDU betont.

Eigentlich ist Berlin gefühlt immer uff „Betriebsfahrt“, das heißt: Man steht da, und es kommt nix. Es passiert nix, bis auf die bunten Verdi-Fähnchen, die im eisigen Wind vor dem Roten Rathaus wehen, dazu die unvermeidlichen Trillerpfeifen und die kämpferischen Plastik-Leibchen, die sich über den kleinen, aber zum Kampf entschlossenen Bäuchlein von Gewerkschaftssekretären und Gleichstellungsbeauftragt*innen wölben.

„Der Insulaner verliert die Ruhe nicht!“ Das Lied von Edith Schollwer zu Zeiten der Berlin-Blockade 1948/49 kennt fast jeder, der sich noch an die Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter und Willy Brandt erinnern kann, und irgendwie passt dieses lustige Lied der Aufmunterung auch heute noch.

Aber irgendwann verliert der eine oder andere Berliner doch die Ruhe. Als Linksterroristen jüngst für fast eine Woche die Strom- und Wärmeversorgung für 100.000 Einwohner unterbrachen und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner erstmal Tennis spielen ging, immerhin mit der Bildungssenatorin, seiner Lebensgefährtin, da war es mit der sprichwörtlichen Berliner Gelassenheit – „Kannste nüscht machen!“ – dann doch vorbei.

Der Bürgermeister als Bittsteller

Und angesichts des Berliner Dauerfrostes und notorisch vereister Gehwege verloren nicht nur Tausende Berliner ihren Halt und landeten im Krankenhaus – nein, sie verloren auch ein bisschen die Fassung, als sie hörten, wie der Regierende Bürgermeister geradezu darum bettelte, die famosen Mitglieder des Abgeordnetenhauses mögen doch bitte, bitte kurzfristig das gesetzliche Salzstreuverbot aufheben.

Hohn und Spott ergossen sich über den obersten Tennisspieler der Hauptstadt, der in stoischer Ruhe und voller Überzeugung weiter für die Olympia-Bewerbung Berlins 2036 ficht und auch noch eine Weltausstellung ausrichten will. Immerhin sollen beide Veranstaltungen im eisfreien Sommer stattfinden.

Doch die Berliner haben einen ganz anderen Traum. Ein mutiger Regierender Bürgermeister müsste sich eigentlich hinstellen und an die Adresse der Gewerkschaftsfunktionäre sagen: Unter den aktuellen Wetterbedingungen ist ein Streik des gesamten Nahverkehrs unverantwortlich und buchstäblich menschenfeindlich.

Es wird ein Traum bleiben. Und so fahren leere Straßenbahnen durch Berlin, während die Leute frierend über die vereisten Gehwege ihrem Arbeitsplatz entgegenrutschen. Dit ist Berlin.