Kritik „Lady Macbeth“ in Berlin

Schostakowitsch im Nirgendwo

02.02.2026 von Andreas Göbel

Regisseur Barrie Kosky setzt bei seiner Neudeutung von Dmitrij Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Komischen Oper Berlin ganz auf Groteske. Das ist konsequent, lässt aber Entscheidendes unter den Tisch fallen.

Bildquelle: Monika Rittershaus

Audio: Kritik „Lady Macbeth von Mzensk“ in Berlin

Das ist kein leichter Stoff: drei Morde und ein Selbstmord, eine beißende Satire, in der alle schlecht wegkommen. Es gibt keine positive Figur – nicht einmal das Volk, das trinkt und prügelt. Und im letzten Akt geht es ins Gefangenenlager nach Sibirien. Das war bei der Uraufführung ein großer Erfolg. Dann aber besuchte Stalin vor fast 90 Jahren eine Vorstellung, und es kam zu einem vernichtenden Artikel in der russischen Tageszeitung „Prawda“, infolge dessen der Komponist in Ungnade fiel.

Barrie Koskys drastische Inszenierung

Lady Macbeth von Mzensk von Dmitrij Schostakowitsch an der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Monika Rittershaus
Regisseur Kosky verortet die „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Komischen Oper Berlin an einem tristen Ort im Nirgendwo. | Bildquelle: Monika Rittershaus

Regisseur Barrie Kosky greift den Gedanken der Groteske entschlossen auf. Es ist genau der richtige Stoff für ihn und seine spielerische, extrem körperliche, bisweilen drastische Art zu inszenieren. Verortet ist es im Nirgendwo, ein trister leerer Ort, nur hinten eine graue schmutzige Wand. Im letzten Akt tauchen Deckenleuchten die Bühne in eine Atmosphäre wie in einer Tiefgarage, Sinnbild für die hoffnungslose Umgebung, in der die Handlung spielt. Einziges nennenswertes Requisit ist ein großes Bett.

Regisseur Kosky setzt auf Personenregie und Überzeichnung

Lady Macbeth von Mzensk von Dmitrij Schostakowitsch an der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Monika Rittershaus
Kosky setzt in seiner Inszenierung auf Überzeichnung und Personenregie. | Bildquelle: Monika Rittershaus

Kosky setzt ganz auf die Personenregie, Gewalt und Sex sind allgegenwärtig. Ständig, mit wenigen Ausnahmen, ist Bewegung auf der Bühne, und alle ziehen geradezu spielwütig mit. Besonders der hervorragend einstudierte Chor wechselt virtuos die Rollen, von Hochzeitspartygästen bis zu Strafgefangenen. Überzeichnung ist das bestimmende Mittel des Abends, eine differenzierte psychologische Ausleuchtung versucht der Regisseur gar nicht erst. Das ist folgerichtig und trägt die Inszenierung, wenngleich man das Gefühl hat, dass mehr in diesem Stoff angelegt ist, so dass die dreieinviertel Stunden bisweilen etwas eindimensional wirken.

Starke Stimmen an der Komischen Oper Berlin

Sängerisch kann die Komische Oper Berlin hier auf starke Stimmen setzen. Dmitry Ulyanov als widerwärtiger Stiefvater gibt hart und kalt das Ekeltier, das elend an einem mit Rattengift versetzten Pilzgericht stirbt. Sean Panikkar als Draufgänger Sergej schmettert sich nahezu mühelos durch seine Partie. Ambur Braid in der Titelrolle hat Stahl in der Stimme, geht in ihrer vor allem dramatisch zugespitzten Darstellung an die Grenzen des Ausdrucks.

Mehr über Dmitrij Schostakowitsch

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Im Video: Regisseur Kosky über Schostakowitschs Oper

Lady Macbeth von Mzensk | Teaser mit Barrie Kosky | Komische Oper Berlin

Mehr Facetten wären möglich gewesen

Lady Macbeth von Mzensk von Dmitrij Schostakowitsch an der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Monika Rittershaus
Starke Sängerinnen und Sänger überzeugen in der Produktion an der Komischen Oper Berlin. Mehr erlebbare Psychologie hätte mehr Tiefe gegeben. | Bildquelle: Monika Rittershaus

Auch hier dominiert das Groteske, allerdings mit der Folge, dass man den Figuren als Personen, als Charaktere kaum nahekommt – auch das entspricht durchaus dem Ansatz der Produktion. Dennoch, im Monolog des letzten Aktes ahnt man, was möglich gewesen wäre. Ambur Braid lässt für einige wenige Momente doch einmal in die Seele ihrer Figur blicken – schlicht und ergreifend gestaltet und ohne Dauerfortissimo. Etwas mehr stimmlich erlebbare Psychologie hätte noch ganz andere Facetten aufgezeigt.

Zu wenig Tiefenschärfe

Generalmusikdirektor James Gaffigan, dessen Vertrag, wie vor wenigen Tagen bekannt gegeben wurde, bis 2030 verlängert wurde, leistet am Pult des Orchesters einiges. Das ist rhythmisch prägnant, scharf konturiert und brillant, aber auch bisweilen von ungebremster Lautstärke. Auch das ist durchaus ein Gestaltungselement der Oper. Dennoch hätten sich auch hier in der Partitur darüber hinaus andere, lyrischere Momente finden und stärker ausformen lassen können.

So bleibt eine schlüssige, in sich geschlossene Neuinszenierung, wenngleich etwas mehr Tiefenschärfe durchaus möglich und wünschenswert gewesen wäre.

Video: Schostakowitsch vs. Stalin

Bildquelle: Bayerische Staatsoper

Folge 4

Schostakowitsch vs. Stalin

Autor des Textes: Andreas Göbel

Sendung: „Allegro“ am 2. Februar 2026 ab 6:05 Uhr auf BR Klassik.