Woran man guten Stil erkennt, war lange eine Frage der Dekade. Von Prêt-à-porter bis Protestmode lieferte jede Zeit ihre eigene Antwort. Heute trägt diese Logik nicht mehr. Und guter Stil beginnt wieder dort, wo Kleidung auf Körper, Material und Proportion trifft.
Woran erkennt man einen gut gekleideten Menschen? Blickt man im Schnelldurchgang auf die Geschichte der postmodernen Mode zurück, hatte jede Dekade ihre eigene Antwort. Die Sechziger definierten sie über Anstand und eine neue Lust am Objekt selbst. Mode war bis dahin exklusiv gewesen, nun entstand Prêt-à-porter: Designerware von der Stange, demokratisiert, ohne banal zu sein.
In den Siebzigern war Rebellion guter Stil. Das bewusste Brechen von Regeln, Nonkonformität und ästhetischer Eigensinn machten jemanden modern. Die Achtziger führte das zu Überzeichnungen, schrillen Farben und scharfen Silhouetten. Die Neunziger reagierten mit Ruhe: Reduktion, Purismus, einer Rückkehr zum Handwerk, Tragbarkeit. Das kurbelte den Konsum an und ließ Designer zu Stars und Häuser zu Legenden werden, sodass in den Nullerjahren das Logo am lautesten schreien konnte. Celebrity-Kultur, It-Pieces und Fast Fashion ließen den Markt pulsieren.
In diesem Klima wurde der Laufsteg zunächst zur gut gemeinten Fashiondemo, siehe Chanel, wo die Models Protestschilder hochreckten. Ironische Mode machte sich breit. Dann schrieb man sich aktivistische Botschaften auf die Brust, und mündete schließlich in einer antikapitalistisch geprägten Identitätskrise. Ein Look aus rückständigem Feminismus mit unförmigen Gewändern, Debatten über indoktrinierte Schönheitsideale, und Genderneutralität dominierte die Laufstege.
Und die Zwanziger? Die stehen vor daraus resultierenden oder ganz neuen Problemen: Selbst große Häuser leiden unter krisenbedingt eingeschränkter Kaufkraft. Schnell rotierende Kreativdirektionen verwischen Markenidentitäten. Die Superkraft der Algorithmen belohnt den Einheitslook. Neue Ideen zeichnen sich nur noch äußerst selten ab. Stattdessen werden die hauseigenen Archive ausgeschlachtet. Unternehmerisch erfolgreich sind Klassiker, die über Jahre hinweg eine Formsprache kultiviert haben, Entwürfe der vergangenen Jahrzehnte, die gebraucht gekauft werden, wo sie auch noch günstiger sind.
Was in allen Epochen eher als nebensächlich betrachtet, aber schon immer das verlässlichste Zeichen für guten Stil war: Wer es drauf hatte, das Outfit mit seiner Art, mit seinem Verständnis dafür, zum Leben zu erwecken und es dann auch noch etwas weniger konform arrangierte, der war stets gut angezogen. Wer Kleidung einfach nur trug, weil sie gerade Mode war und sie nicht verkörperte, sah darin immer schlecht gekleidet aus.
Wenn Kleidung ihren Halt verliert
Auch all die Debatten über Schönheitsideale der vergangenen Jahre bleiben nicht folgenlos. Designer – ein paar Namen ausgenommen, unter anderem Saint Laurent – richten sich zunehmend nach einem Zeitgeist, der Schönheitsideale kritisiert, aber gleichzeitig besessen davon zu sein scheint. Bei der Kundschaft wird Geschlecht, Körperform, Identität permanent neu verhandelt. Körper gelten als variabel, veränderbar, reversibel, Körperteile werden aufgeblasen, ausgestopft, an- und dann wieder abmontiert. Die Kleidung auf dem Laufsteg soll diese Beweglichkeit begleiten, kommentieren oder absichern.
Für Designer entsteht daraus ein kaum einlösbarer Anspruch. Entwürfe treffen auf ständig wechselnde Bedürfnisse, individuelle Sensibilitäten und immer neue Zuschreibungen. Sobald der Körper nicht mehr Arbeitsgrundlage, sondern Diskursgegenstand wird, verliert Kleidung ihren Halt. Auch deshalb hat man sich mal ganz am Anfang auf einheitliche, gesunde Körpermaße auf dem Laufsteg geeinigt – und auf Konfektionsgrößen im Laden.
Gleichzeitig wächst die Distanz zu den Käufern, die sich nicht permanent neu definieren wollen, sondern Stücke erwarten, die Bestand haben. Die Kleidung aus den ursprünglichen Gründen suchen: wegen Form, Material, Tragbarkeit, Dauer.
Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes: Ob bewusst oder unbewusst, leitet der Designer seinen Kunden zu Autonomie an. Zu einem erneuten Interesse an Qualität, Stofflichkeit, daran, wie das Material fällt, wie es sich zu anderen Materialien verhält.
Gekauft werden zwar noch sogenannte Mikrotrends, virale oft alberne Accessoires, aber kaum eine Vision schafft es mehr, der komplexen Gegenwart die passende Garderobe zu geben. Stattdessen trenden haptische Begriffe: Layering, heavy, Detail, bis hin zu spezifischen Anforderungen, wie crisp, soft, beweglich. Selbst die Highstreet ersetzt Pullover aus Poly durch weichen Kaschmir. Bei Männern dreht sich alles um Tailoring.
Guter Stil zeigt sich im Verhältnis von Kleidung zum Körper
Diese neue Herangehensweise setzt etwas voraus, das lange nicht mehr gefragt war: Die Kenntnis der eigenen Proportionen. Ein Blick für Linien, ein Gespür für Volumen, ein Bewusstsein für die eigene Silhouette – oder im Zweifel eben eine verlässliche Adresse für Maßanzüge. Man arrangiert, man drapiert und schließlich wird der Träger sein eigener Designer.
Nicht ohne Grund rücken Stilvorbilder wieder in den Vordergrund die genau das beherrschten. „Wenn ich etwas erreichen will“, sagte Carolyn Bessette Kennedy mal, „dann mit Textur“. Bei der Stillegende, die posthum neu gefeiert wird, wirkten selbst komplett monochrome Outfits aufregend aus, weil sie verstand, Materialien mit Gefühl und Persönlichkeit zu kombinieren: schwarze Lederhose, schwarzer Kaschmirpullover, schwarze Krokostiefel. Das ehemalige Posh-Spice Victoria Beckham wird auf einmal ernst genommen, weil sie den Auftrag einer Modedesignerin, dem Körper der Frau zu dienen, mit skulpturaler Schneiderkunst einlöst. Und auch der Erfolg von Phoebe Philo lässt sich so erklären, deren Materialien so fließend sind, dass sie sich mühelos arrangieren lassen. Ihre Kampagnen sind keine Abbildungen von fertigen Looks mehr, sondern zoomen manchmal fast ausschließlich auf Details.
Die Logik, nach der sich jede Dekade ästhetisch an der vorherigen abgearbeitet hat, ist durch kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen gestoppt worden. Wenn Mode sich gerade überhaupt auf etwas Grundsätzliches einigt, dann auf etwas, das vor dem modernen Prinzip der Trends liegt. In gewisser Weise setzt sie gestalterisch sehr weit zurück an, nämlich in der Antike. Chiton, Himation und Peplos waren variable Systeme. Je nach Bindung, Faltung, Gürtelung entstand eine andere Silhouette. Genau deshalb wirken antike Statuen bis heute so modern: Sie zeigen Kenntnis von Proportionen, von Schwere und Leichtigkeit, von Spannung und Entlastung.
Mode im heutigen Sinn, als Abfolge von Trends, als etwas, das ständig etwas Neues behaupten muss, funktioniert gerade nicht mehr. Wer sich davon freimacht, ist am Ende einfach nur noch gut gekleidet.