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In Abu Dhabi soll von Mittwoch an weiterverhandelt werden.In Abu Dhabi soll von Mittwoch an weiterverhandelt werden. © GIUSEPPE CACACE

Der Diskurs im digitalen Raum und Meinungsverschiedenheiten in der Elite deuten darauf hin, dass in Russland die Zweifel am Einsatz in der Ukraine wachsen.

An der Front hätten beispiellose Zahlungsverzögerungen begonnen, die Kämpfer müssten auf Prämien für Sturmangriffe und Verletzungen Monate warten, schreibt der Telegram-Kanal „Insider Black“. Die neue Logik des Verteidigungsministeriums sei zynisch: „Je länger man Auszahlungen verschleppt, umso mehr Leute werden demobilisiert oder kommen um.“ Und der Kanal „Insider T“ verweist auf eine Schätzung des Bloggers Jurij Podoljaka: Bis zum Jahresbeginn seien in der Ukraine bis zu 415 000 Russen gefallen; Gesprächspartner in den Eliten hielten diese Zahl noch für untertrieben, bewerteten sie aber pragmatisch: Wenn es bei solchen Verlusten nicht einmal gelungen sei, den Donbas ganz zu erobern, müsse man zur Realisierung aller Ziele, die Wladimir Putin formulierte, weitere Hunderttausende Leben opfern.

Im Dschungel der russischsprachigen Telegram-Medien macht sich ein neues Label bemerkbar: „Insider-T“, „Insider Black“ und „Insider Elites“; der Kanal „Polkownik Tschernow“ verbreitet ähnliche Inhalte. Sie alle sind nüchterner als die hurrapatriotischen Militärblogger, streuen anonymes Exklusivmaterial ein – etwa über einen angeblichen Versuch des Rüstungsmagnaten Jurij Kowaltschuk, seinen Kumpel Putin zu einem behutsamen Ausstieg aus dem Ukraine-Feldzug zu überreden.

Der rechtspatriotische Sender „Zargrad“ behauptet, diese Kanäle arbeiteten für den Exoligarchen Michail Chodorkowskij; auch liberale Fachleute schließen nicht aus, der ukrainische Geheimdienst stecke dahinter. Allerdings verbreiten die Kanäle immer wieder Narrative, die einzig dem Kreml nutzen. So behauptet „Insider T“, Russland zerstöre diesen Winter ukrainische Heizwerke nur so gezielt, weil Kiew vorher seine Forderung ignoriert habe, die Angriffe auf russische Raffinerien und Öltanker zu beenden. Und mit insgesamt 540 000 Abonnent:innen ist die „Insider“-Kritik am Generalstab oder an Gebietsgouverneuren beim Publikum erfolgreich. Auch kremlnahe Medien zitieren sie. „Ihre Hauptbotschaft lautet: Diese Armeeführung ist unfähig, den Krieg zu gewinnen“, sagt der liberale Militärexperte Jurij Fjodorow. Er hält es für möglich, dass die Kanäle mit Offizieren oder GRU-Militärgeheimdienstlern in Verbindung stehen.

„Partei der Atempause“

Es habe sich eine nicht organisierte, aber beträchtliche Meinungsgruppe gebildet, die bezweifle, dass Putins ursprüngliche Ziele erreichbar seien – der Vormarsch bis zur polnischen Grenze und die faktische Liquidierung der Ukraine als Staat. „Dort fragt man sich, warum man weiter große menschliche und finanzielle Reserven in den Feldzug steckt, während Europa sich langsam daranmacht, sein Potenzial zur militärischen Eindämmung Russlands auszubauen.“ Und man glaube, es sei an der Zeit, diese Reserven umzuwidmen, um eine effektivere Armee zu schaffen. Fjodorow nennt diese Meinungsgruppe auch „Partei der Atempause“, weil sie danach einen neuen Einsatz, vielleicht gegen Europa als Hauptfeind, in Betracht ziehe.

Niemand weiß, wie weit diese Ansicht sich in den Eliten verbreitet hat. Aber schon 2025 gab es Anzeichen, dass man dort zumindest verschiedene Ansichten hat. Im Oktober verneinte Putins außenpolitischer Berater die Aussage des Vizeaußenministers Sergej Rjabkow, die Verhandlungsimpulse des August-Gipfels von Anchorage seien aufgebraucht. Und zu neuen Direktgesprächen mit den Ukrainern nominierte der Kreml statt Putins eher für Propaganda zuständigem Geschichtsberater zwei Geheimdienstoffiziere; Mitte der Woche soll es in Abu Dhabi weitergehen. Der exilierte Gefangenenrechtler Wladimir Ossetschkin, der auch die Sicherheitsorgane beobachtet, sagt, der Staatschef fürchte eine Wiederholung der Prigoschin-Rebellion von 2023. „Er weiß, dass die Sicherheitsleute jedes Zugeständnis als Schwäche betrachten, reicht deshalb die Verantwortung für Gespräche über Zugeständnisse an die Ukraine nach unten weiter.“

Und die Generäle hätten die Bombenattentate auf ihre Kollegen im Raum Moskau satt; auch sie wollten Frieden und Sicherheit für sich und ihre Kinder.