Ein Pilotprojekt des Stuttgarter Balletts in Marbach bringt Demenzkranke und Angehörige auf neue Weise zusammen. Der Tanz schenkt berührende Emotionen und öffnet neue Perspektiven.

Für ein besonderes Plus sorgte nun ein Pilotprojekt, das auf Initiative der AWO-Demenz-Allianz in Marbach zu Stande kam und das die Wirkung von Tanz auf demenziell Erkrankte erkunden will. „Das war auch für uns ganz neu“, sagt Marieke Lieber. Seit September kamen Betroffene und ihre Begleitpersonen bei acht Workshops zusammen, Ende Januar gab eine Abschlusspräsentation im Martin-Luther-Haus in Marbach Einblicke ins Ausprobierte.

Tanz bringt Menschen auf einer neuen Ebene zusammen

Wer zuschaut, freut sich über das herzliche Miteinander und darüber, wie Tanz Menschen jenseits von ihren Defiziten neu zusammenbringt. „I mog di“, verkündet Seniorin Ursel mehrfach lautstark und macht aus ihrer Sympathie für Adrian Turner, der mit Marieke Lieber die Workshops leitete, kein Geheimnis. Nicht nur deshalb würde der Tanzpädagoge auf jeden Fall wieder ein ähnliches Projekt übernehmen, auch wenn der Dialog mit demenziell Erkrankten, wie die Vorbereitungsstunde vor der Präsentation zeigte, auf einer Tanzbühne Geduld, Einfühlungsvermögen und Spontaneität braucht.

Einfache Bewegungen im Sitzen wie das Erkunden von Blickrichtungen gehen über in einen sehr innigen Pas de deux, für den die Paare ihre ineinander gelegten Hände schweben lassen. „Wir haben über Improvisationen sehr schöne Momente gefunden, bei denen wir spürten, dass da eine Verbindung neu aufgebaut wird, die im Alltag leicht verloren geht“, erläutert Adrian Turner den emotionalen Mehrwert von Bewegung und fügt an: „Das macht diese Workshops wertvoll, wir haben da schon alle ein paar Tränchen geweint.“

Haben Spaß am neuen Miteinander: Seniorin Ursel und ihre Tochter Birgit Foto: AWO-Marbach

Sechs Paare, Ehepartner oder Eltern und ihre betreuenden Kinder, nehmen an der Abschlusspräsentation teil. Die Seniorin Ursel und ihre Tochter Birgit bilden eines der Tandems. Spaß? Den hat die 85-Jährige sichtbar und unterstreicht das auch im Gespräch. „Bewegen, bewegen, das ist für mich alles“, sagt sie. Aber allein zum Seniorentanz? Dafür habe ihre Mutter nicht den Mut aufgebracht, erklärt Tochter Birgit. „Da ich selber sehr gern und in allen möglichen Varianten tanze, habe ich die Initiative ergriffen, als ich über die Tagespflege von diesem Angebot erfahren habe“, sagt sie.

Demenz macht Angst vor Neuem

Die Erkrankung bringe viel Angst vor Neuem mit sich, beschreibt die Tochter eine Einschränkung durch die Demenz. „Aber ich war mir sicher, dass ich meine Mutter mit der Teilnahme nicht überfordere, sondern dass sie viel Spaß haben wird“, sagt Birgit und zieht zum Abschluss ein sehr positives Fazit: „Dieses Projekt hat meiner Mutter schöne Augenblicke und mir Erinnerungen an schöne Augenblicke geschenkt, in denen ich sie lachend und tanzend erlebt hatte.“ Außerdem, fügt Birgit an, durfte sie eine neue Seite ihrer Mutter kennenlernen – eine Seniorin, die kess ist, freche Antworten gibt und alle erheitert. „Das ist zu Hause in den eigenen vier Wänden ganz anders“, deutet sie die bedrückenden Momente dieser Krankheit an.

Adrian Turner von Stuttgart Ballett Jung+ mit besonderen Tanzschülerinnen und -schülern Foto: AWO-Marbach

„Es ist einfach so, dass Tanz etwas Verbindendes hat und deshalb auch die Beziehungen zwischen demenziell Erkrankten und ihren Angehörigen auffrischen kann“, hat Nicole Loesaus beobachtet. Natürlich bemerke man die Einschränkungen. „Doch beide beginnen gemeinsam ein neues Projekt und befinden sich auf Augenhöhe.“ Auf den Weg gebracht hat es die Initiative von Hans-Jürgen Stritter, Ballettfan und Vorsitzender des AWO-Ortsvereins in Marbach, und seiner Frau Inès. „Wir wollten mit dem Projekt den Menschen Mut zusprechen, die in der Familie mit Demenz zu tun haben“, sagt Hans-Jürgen Stritter zu seiner Motivation; dazu gehöre auch, sich mit seinem Anderssein in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Wie man sich ohne Worte ausdrückt

„Wir waren von Anfang an überzeugt davon, dass Tanz besonders geeignet ist, um mit Menschen mit Demenz zu arbeiten“, sagte Nicole Loesaus und fügt an: „Ihr Gespür für Musik und Bewegungsabläufe ist noch intakt, da kann man was abrufen. Tanz ist gut für Flexibilität, Gleichgewicht und trägt dazu bei, sich ohne Worte auszudrücken.“ Auch wenn die Evaluation noch aussteht, hat das Pilotprojekt diese Einschätzung bestätigt. „Wir würden das sehr gern fortführen“, sagt Nicole Loesaus, zur Umsetzung bräuchte es aber neue Förderer.

Vom Schulprojekt zum Tanz für alle

Konzept
Die Arbeit mit demenziell Erkrankten passt zum vielfältigen Angebot von Ballett Jung+. „Wir sind eine Institution, der kulturelle Teilhabe wichtig ist, und versuchen Menschen anzusprechen, die man sonst nicht erreicht“, sagt Nicole Loesaus. Neben Vorstellungsbesuchen von Schulklassen, Familienführungen mit Mini-Tanzworkshops, Fortbildungen für Lehrkräfte, gibt es Ferienangebote und Schulprojekte, die sich intensiv mit Körper und Tanz beschäftigen.

Geschichte
2011 gab es unter dem Titel „Move it“ ein erstes Impulsprojekt des Stuttgarter Balletts. Zum 50. Geburtstag der Kompanie lud der damalige Intendant Reid Anderson Jugendliche zum Selbermachen ein. „Ich bin gespannt, welche Themen junge Leute heute bewegen und wie sie diese – inspiriert durch Cranko, Kylian und Forsythe – in Tanz umsetzen werden“, so Anderson. In der Spielzeit 2021/22 öffnete sich das von Nicole Loesaus geleitete Vermittlungsangebot für alle Generationen und heißt seither Ballett Jung+.