Der Warnstreik im Nahverkehr trifft am Montag die Pendler in Frankfurt besonders hart. Wenn U-Bahnen und Straßenbahnen nicht fahren wie an diesem Morgen, bietet sich normalerweise neben den Bussen die S-Bahn als Alternative an. Doch ein Schienenbruch am Knotenpunkt Konstablerwache führt dazu, dass auch die S-Bahn-Linien S1, S2, S5 und S6 verspätet oder unterbrochen sind. Die S7 fährt wegen Bauarbeiten zwischen Hauptbahnhof und Stadion schon seit Freitagabend nicht.

Die S-Bahn-Station Galluswarte ist um acht Uhr deutlich voller als an anderen Tagen. Die Menschen stehen am Bahnsteig und warten, um in die City oder Richtung Messe zu fahren. Ein Mann, der aus Mainz pendelt und in Frankfurt für einen Kreditdienstleister arbeitet, wollte eigentlich zur Taunusanlage und ist genervt. Es werde sich zwar niemand in seiner Firma beschweren, wenn er zu spät komme, sagt er. Aber alles, was er jetzt nicht schaffe, müsse er heute Abend nacharbeiten. „Deshalb hält sich mein Verständnis für die Streikenden in Grenzen.“

Busse für manche keine Alternative

Eine Steuerberaterin, die neben dem Mann wartet, pflichtet ihm bei. „Ich glaube, man kann die Forderungen der Gewerkschaft auch anders durchsetzen“, sagt sie: „Ich kann auch nicht einfach streiken und meine Mandanten nicht mehr beraten.“ Die S-Bahnen und Busse seien keine wirkliche Alternative für sie. „Vor allem die Busse kommen immer zu spät oder gar nicht. Ich hoffe, mein Auto kommt bald wieder aus der Werkstatt.“

Am Bahnsteig hört man aber auch andere Stimmen. Ein jüngerer Mann sagt, er sei als Arbeitnehmer solidarisch mit anderen Arbeitern und habe viel Verständnis dafür, dass die Fahrer auf diese Weise bessere Arbeitsbedingungen erreichen wollten.

Die Gewerkschaft Verdi hatte für Montag zum Streik im Nahverkehr aufgerufen. In Hessen galt dies nach den Worten von Verdi-Gewerkschaftssekretär Philipp Schumann für 4500 Beschäftigte. In Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Gießen, Marburg, Kassel und dem Kreis Groß-Gerau war der Nahverkehr stark eingeschränkt. Erst vor knapp einem Jahr kam es vor dem Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst zu Warnstreiks. Diesmal geht es um die im Manteltarifvertrag geregelten Arbeitsbedingungen wie Ruhezeiten, Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit sowie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit.

Ratlos am U-Bahn-Gleis

Im Hauptbahnhof sieht man an diesem Morgen viele Menschen, die ein Fahrrad oder einen E-Roller dabeihaben. Ein Mann mit Rad berichtet, er sei aus Heidelberg angereist und müsse dringend zum amerikanischen Konsulat, um ein Visum zu beantragen. Das Fahrrad habe er für die Strecken mitgebracht, die er nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen könne. Zum Grund der Arbeitsniederlegung hat er eine klare Meinung: „Ich komme aus der Schweiz, und die Menschen dort arbeiten deutlich mehr als in Deutschland. Streiks gibt es dort kaum.“

Weil wegen eines Warnstreiks U-Bahnen und Straßenbahnen nicht fahren, sind die S-Bahnen wie hier am Frankfurter Hauptbahnhof überfüllt.Weil wegen eines Warnstreiks U-Bahnen und Straßenbahnen nicht fahren, sind die S-Bahnen wie hier am Frankfurter Hauptbahnhof überfüllt.Janek Stempel

An der Konstablerwache halten mehrere Linien von S-Bahn, U-Bahn und Bus. Die S-Bahnen sind so voll, dass niemand mehr hineinpasst und viele auf den nächsten Zug warten müssen. Zu den U-Bahn-Gleisen, an denen keine Züge halten, verirren sich nur wenige Menschen. Eine verzweifelte Frau ist darunter, die unbedingt zu ihrer Arbeitsstelle in einer Radiologie-Praxis muss. Sie telefoniert und eilt dann wieder nach oben. Auch ein Brite, der heute in Deutschland angekommen ist, steht hier und ist von der Situation offenbar überrascht.

Später trifft man noch auf Studenten, die versuchen, zur Uni zu kommen. Eine junge Frau, die Friedens- und Konfliktforschung studiert, hat von dem Streikaufruf gehört und steigt aufs Fahrrad um. Auf die Busse, die in Frankfurt trotz des Streiks fahren, habe sie sich nicht verlassen wollen: „Ich hätte gar nicht gemerkt, ob sie streiken oder nicht, weil sie immer sehr unzuverlässig sind.“ Grundsätzlich finde sie es gut, dass Arbeitnehmer für ihre Rechte kämpften. Sie hält jedoch das japanische Modell für besser. „Dort fahren die Busfahrer auch dann noch, wenn sie streiken“, sagt sie. „Aber sie kassieren dann von den Passagieren kein Geld für Tickets.“ So ließen sie die Menschen nicht im Stich und setzten die Arbeitgeber trotzdem unter Druck.

Unterdessen meldet die lokale Nahverkehrsgesellschaft Traffiq, dass viele Stadtbusse in Frankfurt überfüllt seien. Da der Warnstreik in der Nacht zu Dienstag enden soll, rechnet sie für Dienstag wieder mit normalem Betrieb im Nahverkehr. Am Nachmittag teilt auch die Deutsche Bahn mit, die gebrochene Schiene sei repariert.