Die Kaulitz-Zwillinge werden im Dezember „Wetten dass…?“ moderieren. Darüber sind nicht alle glücklich. Was aber sicher ist: Der Kosename, den sie am liebsten benutzen, wird noch ein bisschen populärer
Man wähnte sich im Dry January, wo sich eine von Meditation und Abstinenz erzeugte bleierne Friedlichkeit übers Land legt. Aber anscheinend spaltet die Entscheidung, dass Bill und Tom Kaulitz im Dezember eine Sendung „Wetten, dass ..?“ moderieren dürfen, die Gemüter. Thomas Gottschalk hat sich schon 2024 in einem Podcast mit Mike Krüger, mit dem er vor Jahrhunderten den Film „Supernasen“ drehte, gegen die Zwillinge aus Loitsche bei Magdeburg ausgesprochen – aber ihm dürfte vermutlich jede Nachfolgeregelung gegen den Strich gehen. Außer vielleicht Cher, die einzige Frau in seinem Leben, die er ernst nehmen konnte …
Aber vielleicht hat der viel gescholtene öffentlich-rechtliche Rundfunk hier mal die Zeichen der Zeit erkannt. Die Tokio-Hotel-Zwillinge sind das, was man heute ragebait nennt, eine Art Köder, mit dem man Reaktionen beim Publikum auslöst. Die können negativ oder positiv sein, was zählt ist die Heftigkeit der Emotion. Und die Nominierung von Bill und Tom erzeugt fiebrige Erwartung und Verachtung. Das sind sie seit Jahrzehnten gewohnt, und man kann sagen: Die Rechnung geht auf. Zwei Typen auf Instagram haben schon mal vorgefühlt, wie so eine Sendung heute aussehen könnte: Tom sagt nuschelnd deutsche Musikacts an, die allesamt Coverversionen von Tokio Hotel spielen müssen. Und Bill wiehert über seine eigenen Scherze. Vielleicht am treffendsten: die Begrüßung des Publikums „Sehr geehrte Mäuse“.
Sie sind vielleicht die prominentesten Prominenten, die mit Nagetieren um sich werfen. Aber nicht die einzigen. In der aktuellen Staffel von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ lungert auch der Sänger Gil Ofarim im Dschungel herum. Als ihn seine Co-Darstellerin Ariel Hediger über seine Hotellobby-Affäre ausquetschen will („Hast du Reue?“) verliert er irgendwann die Geduld und raunzt Ariel an: „Mäusele, wie alt bist du?“ Das mag angesichts seiner nicht immer glanzvollen Vergangenheit nur ein Detail sein, aber wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: Von dem Spruch wird er sich nicht mehr erholen.
Während die Kaulitz-Brüder mit ihrem Gemause die ganze Welt und vor allem einander mit konsequenzloser Zärtlichkeit überschütten, klingt das „Mäusele“ des Gil Ofarim wie aus den Hochzeiten der ZDF-Hitparade: mit dem Staub von Jahrzehnten und für einen Musiker erstaunlich taub gegenüber den aktuellen Regeln für den Umgang zwischen Männern und Frauen.
Überhaupt sind ja Tiernamen aus der Mode gekommen. Kein Autokonzern würde ein neues Modell heute Panda, Mustang oder gar Käfer nennen. Besser technische Bezeichnungen, die genauso austauschbar sind wie die Wagen selbst. Selbst unter Liebenden ist es nicht ganz einfach. Jedes Raubtier klingt nicht mehr hot, sondern toxisch (gilt auch für Tiere mit Hörnern oder Geweihen). Ein nett gemeintes „Hase“ oder gar „Spatz“ macht das Gegenüber klein und ohnmächtig, ist also eine verbale Unterwerfungsgeste. Was vermutlich noch geht: Tiere, von denen die wenigsten Zeitgenossen wissen, wie sie sich ernähren, wie sie sich fortpflanzen, wie sie mit Gegnern umgehen und wie sie riechen, zum Beispiel Otter oder Belugawal, Honigdachs oder Okapi. Die so titulierte Person wird sich vermutlich nicht beschweren, allenfalls kopfschüttelnd das Weite suchen. Aber das ist in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie doch schon ein schönes Ergebnis.