Spitzenpolitiker der Union fordern die Deutschen auf, mehr zu arbeiten. Bei „Hart aber fair“ nimmt man das zum Anlass, über die Arbeitsmoral der Bevölkerung und die Frage der Leistungsgerechtigkeit zu diskutieren.

„Kein Aufschwung, Jobs in Gefahr: Wer muss jetzt mehr leisten?“, fragt Louis Klamroth seine Gäste. Die ARD-Sendung in der TV-Kritik.

Ein Ministerpräsident, der Fleißnoten vergibt

Zu viele Krankheitstage, zu wenig Arbeit: Geht es nach der CDU, sollen die Deutschen mehr Einsatzbereitschaft zeigen, damit die Wirtschaft wieder wächst. Passenderweise ist an diesem Abend mit dem neu gewählten Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Sven Schulze, ein CDU-Politiker aus dem selbst ernannten Land der Frühaufsteher zu Gast.

„Sind bei Ihnen im Land die Leute alle schon fleißig genug?“, möchte Klamroth von ihm wissen. Entweder entgeht Schulze der offensichtlich sarkastische Unterton, oder er überhört ihn bewusst. Jedenfalls lässt er sich zu einer scheinbar netten Antwort hinreißen: In Sachsen-Anhalt wie in ganz Deutschland, sagt Schulze, seien die Menschen „sehr fleißig“.

Das wäre Klamroths Gelegenheit gewesen, reinzugrätschen. Die Absurdität der Situation ist schließlich mit Händen zu greifen: Da sitzt ein Wahlkämpfer, der die AfD im Nacken hat, und ihm fällt nichts Besseres ein, als den Fleiß seiner Bürger zu bewerten? Ob er sie lobt oder tadelt, ist nebensächlich. Die Frage bleibt: Sollte sich ein Spitzenpolitiker anmaßen, Fleißnoten zu vergeben? Doch Klamroth fragt nicht nach.

So hat Schulze Gelegenheit, sich zunächst halbherzig von Teilen seiner Partei zu distanzieren. „So eine Debatte zu führen und pauschal zu urteilen, das ist total falsch“, befindet der Ministerpräsident mit Blick auf den Begriff der „Lifestyle-Teilzeit“. Dennoch sei die Debatte wichtig, stellt er kurz darauf klar. Was denn nun? Erneut verzichtet Klamroth auf eine Nachfrage.

Bloß keine zu deutliche Distanz

Etwas später in der Sendung traut er sich dann doch, das Offensichtliche anzusprechen: „Kann es sein, dass die CDU mit dieser Debatte ziemlich vielen fleißigen Menschen vor den Kopf gestoßen hat?“, möchte Klamroth von Schulze wissen. Der setzt zu einer Antwort an, doch der Unternehmer David Zülow und die Kindheitspädagogin Sophie Brauer sind schneller. „Ja!“, rufen beide beherzt.

Applaus brandet auf, Schulze kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er könnte jetzt einfach zustimmen, sich beim Publikum – und vielleicht auch anderswo – beliebt machen. Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl würde ihm eine deutliche Abgrenzung von der Bundespartei vermutlich eher nutzen als schaden. Schulze entscheidet sich für den subtileren Weg. Er distanziert sich, ohne das Wort „CDU“ in den Mund zu nehmen.

Man müsse sehr aufpassen, „wie man eine Debatte führt“, sagt der Ministerpräsident. „Ich hätte so ein Wort niemals genutzt“, bekennt er in Anspielung auf die „Lifestyle-Teilzeit“. Wer eine solche Diskussion anstoße, müsse sie sachlich führen, und mit derlei „Vokabeln“ erreiche man eher das Gegenteil.

Außerdem stellt der CDU-Politiker klar: „Politik hat sich nicht in solche Themen einzumischen.“ Man darf hoffen, dass diese Einsicht bis zu Merz und Söder durchdringt.

Kühnert im Habeck-Modus

Geht man nach Amt und Würden, ist Schulze mit Abstand der wichtigste Gast in der Sendung. Trotzdem wird er von einem Ex-Politiker überstrahlt. Kevin Kühnert, einst als rebellischer Juso-Chef bekannt geworden und später zum SPD-Generalsekretär aufgestiegen, zog sich im Herbst 2024 überraschend aus der Politik zurück. Seitdem mied er öffentliche Auftritte weitgehend.

Nun sitzt Kühnert, der mittlerweile beim Verein „Finanzwende“ tätig ist, wieder im grellen Licht eines Talkshow-Studios. Der Rollenwechsel vom Politiker zum Interessenvertreter scheint ihm erstaunlich leichtzufallen.

Mit Kritik an der Union hält sich Kühnert weitgehend zurück. Als es etwa um die Teilzeit-Debatte geht, betont er ein wenig altklug: „Der Ton macht die Musik.“ Von „allgemeiner Wählerbeschimpfung“, wie „Table.Media“-Journalistin Helene Bubrowksi das Gebaren der Union nennt, ist bei ihm keine Rede. „Ich versuche mir den Parteipolitiker wirklich abzutrainieren und einfach nur Beobachtungen dabei zu machen“, erklärt Kühnert sein Rollenverständnis.

Bisweilen gerät er dabei in den Habeck-Modus. Es sei die Frage nach dem „Wofür“, die viele „verminte Debatten“ durchziehe, sagt er: „Wofür sollen wir uns mehr anstrengen?“ Politik müsse ein Bild von der Zukunft zeichnen, wenn sie Menschen davon überzeugen wolle, mehr zu leisten.

Der neue, alte Kühnert

Als es um die Erbschaftssteuer geht, lässt der neue Kühnert den alten doch noch zum Vorschein kommen – nicht als Parteipolitiker, aber als streitlustiges Rhetorik-Talent.

Kühnert gerät mit David Zülow aneinander, einem Elektrotechnik-Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen. „Wenn einer nicht mit Geld umgehen kann, dann ist es der Staat. Das steht so sicher wie das Amen in der Kirche“, ist Zülow überzeugt.

„Egal, wie viel Geld sie in den letzten Jahren reingeworfen haben“, empört er sich mit Blick auf Steuern, „am Ende des Tages sind weder die Arbeitsbedingungen einer Erzieherin besser geworden noch die Einkommenssituation.“ Seine Schlussfolgerung: Das Geld „versackt irgendwo“, weshalb sich der Staat bei der Erbschaft am besten heraushalten solle.

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„Das ist jetzt in vielen Bereichen der Ausführung schon das, was man als Polemik auch begreifen darf“, setzt Kühnert zu einer Gegenrede an. Erneut in Habeckscher Manier begibt er sich in die Rolle des Politikerklärers, führt den Zuschauer ein in die Welt des Erbschaftssteuerrechts und konstruiert genüsslich sein Argument.

Was Bülow fordere, so Kühnert, sei nichts anderes als eine Besserstellung von Erben gegenüber einfachen Arbeitnehmern. „Das ist zutiefst ungerecht, es konzentriert Vermögen und sorgt dafür, dass wir Superreiche am langen Ende produzieren“, ruft der ehemalige SPD-Generalsekretär. Vielleicht ist er in seiner neuen Rolle wieder mehr der Alte, als er es im Spitzenamt je sein konnte.