Rolf Obendorf mag es sauber und ordentlich. Ob bei ihm in der Wohnung, im Treppenhaus oder vor der Haustür. „Ich möchte nicht auf einer Müllkippe leben“, sagt der Achtundsechzigjährige; er wünsche sich den Blick auf ein sauberes Umfeld. Als der frühere Beamte vor fast 20 Jahren in die Frankfurter Innenstadt, an die Straße Im Trierischen Hof zog, sei es dort ordentlich gewesen. Auch wenn sich nur einen Steinwurf entfernt Tönges- und Fahrgasse und vor allem Frankfurts zentrale Einkaufsmeile, die Zeil, mit der Konstablerwache befinden.

Ein Treffpunkt für die Ausgehszene sei die Gegend immer gewesen, sagt Obendorf, „aber es war sauberer und ruhig, das benachbarte Parkhaus Konstablerwache war nachts geschlossen“. Doch in den folgenden Jahren zog es immer mehr jüngere Menschen an den Abenden und Nächten in die Innenstadt. „Eskaliert ist es während der Corona-Zeit“, sagt Obendorf, und bis heute sei es nicht besser geworden.

Irgendwann hat Obendorf den Dreck nicht mehr ertragen. Er begann „jede Menge Mails an die FES zu schreiben“, die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH, die für die Straßenreinigung und damit für die Sauberkeit in der Stadt zuständig ist. Darin beklagte er die zu kleinen und viel zu wenigen Papierkörbe, in die nicht einmal ein Pizzakarton passte, forderte mehr Leerungen und häufigere Intervalle der Straßenreinigung. Obendorf hat die Stadt auf die Missstände überhaupt erst einmal aufmerksam machen wollen. Denn längst hatte sich die Fahrgasse, auf die er aus seinem Schlafzimmer schaut, zur zentralen Laufachse zwischen Konstablerwache und Mainufer entwickelt.

Eine Kreuzung wie ein „Schlachtfeld“

Lokale und Kioske seien dort nichts Neues, sagt Obendorf. Doch inzwischen gebe es praktisch alle 50 Meter eine Anlaufstelle, an der sich die meist junge Kundschaft mit Essen und Getränken in To-go-Verpackungen versorge, und zwar die ganze Nacht hindurch bis in die frühen Morgenstunden. Die Kreuzung von Tönges- und Fahrgasse gleiche morgens häufig „einem Schlachtfeld“, sagt er. Und wo getrunken werde, „wird später uriniert“. Obendorf schaltete den Ortsbeirat ein. Claudia Gabriel, Leiterin der Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“, kam zum Ortstermin.

Dauerschandfleck: An dieser Stelle an der Straße Im Trierischen Hof liegt häufig illegal abgelagerter Sperrmüll. Rolf Obendorf versucht, hier noch ein wenig aufzuräumen, und informiert dann die Stadtreinigung.Dauerschandfleck: An dieser Stelle an der Straße Im Trierischen Hof liegt häufig illegal abgelagerter Sperrmüll. Rolf Obendorf versucht, hier noch ein wenig aufzuräumen, und informiert dann die Stadtreinigung.Peter Jülich

Obendorf ist kein notorischer Nörgler, keiner, der nur meckern will, auch kein Denunziant. Doch inzwischen wünscht er sich, dass die Stadt „mit mehr Nachdruck“ gegen Müllsünder und Wildpinkler vorgehe, „Exempel statuiert“ und Bußgelder verhänge. „Die Stadt Frankfurt wäre reich, wenn sie endlich alle Vergehen ahnden würde“, sagt er und: „Ja, ich finde, die Stadt Frankfurt sollte manche Plätze mehr überwachen.“ Als die Stadt im vergangenen Jahr an der vis-à-vis von Obendorfs Wohnhaus gelegenen Staufenmauer, der mittelalterlichen Stadtbefestigung, einen kleinen grünen Platz anlegen ließ, um die Frankfurter Innenstadt wieder ein Stück mehr an den Klimawandel anzupassen, waren es Anwohner wie Obendorf, die die Stadt aufforderten, die Fläche einzuzäunen und nachts abzuschließen.

Raucher-Angebot: Rolf Obendorf hat extra Gläser mit der Aufschrift „Für Zigarettenkippen“ aufgestellt, damit sie nicht alle auf der Straße landen.Raucher-Angebot: Rolf Obendorf hat extra Gläser mit der Aufschrift „Für Zigarettenkippen“ aufgestellt, damit sie nicht alle auf der Straße landen.Peter Jülich

Obendorf hat nicht lange zusehen können, wie es um ihn herum schmutziger wurde. Er ist aktiv geworden. Seit fast zwei Jahren ist er einer der mehr als 600 FES-Sauberkeitspaten, alles Frankfurter, die wie Obendorf ehrenamtlich unterwegs sind, weil ihnen Frankfurt und die Sauberkeit der Stadt am Herzen liegen. Obendorf hat schon parallel zu seinen ersten Mails an die FES damit begonnen, in seinem Quartier Kippen und Müll aufzulesen. Mindestens drei- bis viermal in der Woche, aber in jedem Fall einen Tag am Wochenende und gerne auch noch einmal beim Abendspaziergang greift er zu Eimer und Müllzange, geht seine Straße und weitere in der Nachbarschaft ab, um Kippen, Verpackungen, aber auch den ein oder anderen mutwillig abgerissenen Scheibenwischer aufzulesen. „Ich habe schon immer vor meiner Haustür gekehrt, gemacht und getan“, sagt er, „bin immer schon Hausmeister gewesen, ohne Hausmeister zu sein.“ Nun ist sein Radius nur bedeutend größer.

Das Kippenproblem ist auch an seiner Straße besonders ausgeprägt. Dort befinden sich die Hinterausgänge der Lokale, Geschäfte und Praxen der Fahrgasse, die mit Vorliebe von den Rauchern unter den Angestellten genutzt werden. Obendorf hat inzwischen alte Marmeladengläser, versehen mit der Aufschrift „Für Zigarettenkippen“, an den Ausgängen platziert. Auf die Frage, ob sein Angebot angenommen werde, antwortet er: „Nicht ganz.“ Viele nutzten sie, aber längst nicht alle.

Und die großen Lachgaskartuschen, die er nach den Wochenenden zahlreich findet, reiht er neben seiner Mülltonne auf, damit die FES sie gesondert mitnehmen kann und sie nicht in der Presse des Müllfahrzeugs explodieren. „Die Kartuschen ärgern mich richtig“, sagt Obendorf. Warum gebe es auf die nicht eine Pfandpflicht? Jeder Kiosk in seinem Umfeld verkaufe sie.

Fehlendes Umweltbewusstsein

Manchmal könnte Obendorf auch noch an anderem verzweifeln. „Da steht ja schon wieder ein kaputtes Schränkchen vor der Tür“, sagt er. Ein klarer Fall für den Sperrmüll, der in Frankfurt unentgeltlich abgeholt wird, wenn man denn das Schränkchen anmelden würde. „Warum die Leute nicht ein besseres Umweltbewusstsein haben“, fragt sich der Sauberkeitspate. „Gerade auch die jungen Leute.“

Dann geht Obendorf weiter bis ans Ende der Straße, wo sich ein riesiger Berg nicht angemeldeter und damit illegaler Sperrmüll befindet. Den gebe es dort immer, sagt er. Wenn die FES ihn abräume, liege wenige Stunden später wieder etwas dort.

Entmutigen lässt sich Obendorf dennoch nicht. „Es gibt auch Menschen, die zu mir kommen, sich bei mir bedanken“, sagt er. „Das ist dann auch wieder schön.“ Und fit halte ihn sein ehrenamtliches Engagement außerdem, es entspanne ihn sogar. Sauberkeit sei schon immer sein Thema gewesen. „Ich bin so erzogen worden, ich kann nicht anders.“ Sagt es und greift zu Eimer und Müllpicker, um noch einmal zu schauen, ob alles in Ordnung ist. „Wir sind doch eigentlich eine Weltstadt“, sagt Obendorf. Und dann dieser Dreck. „Das geht doch nicht.“