Für Eilige ließe sich die 68. Grammy-Verleihung, die am Sonntagabend in Los Angeles stattfand, in zwei einsilbigen Worten zusammenfassen: „ICE raus!“ Das wollte er unbedingt loswerden, sagte Bad Bunny, noch bevor er Gott danke.
Der puerto-ricanische Superstar hatte gerade den Preis für das beste Música-Urbana-Album für seine sechste Solo-Veröffentlichung „Debí tirar más fotos“ („Ich hätte mehr Fotos machen sollen“) entgegengenommen. Seiner Forderung ließ er ein beherztes Plädoyer für Einwanderer folgen, besonders für solche aus Mittel- und Südamerika: „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Fremden, wir sind Menschen, und wir sind Amerikaner. Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe. Deshalb müssen wir anders sein. Wenn wir kämpfen, müssen wir es mit Liebe tun. Wir hassen sie nicht, wir lieben unser Volk, wir lieben unsere Familien, und genau so müssen wir es tun: mit Liebe.“
„Niemand ist illegal auf gestohlenem Land“, sagt Billie Eilish
ICE, die US-Behörde United States Immigration and Customs Enforcement, war wegen ihrer paramilitärischen Abschiebungsrazzien gegen Latinos heftig in die Kritik geraten, insbesondere nach der Ermordung zweier US-Bürger in Minneapolis. Weshalb auch beim wichtigsten Musikpreis Amerikas mehrere Künstlerinnen und Künstler mit „ICE out“-Ansteckern über den roten Teppich liefen, die R’n’B-Star Kehlani, Justin Vernon vom Indie-Projekt Bon Iver, die Jazzsängerin Samara Joy, Justin und Hailey Bieber, Billie Eilish und ihr Bruder Finneas O’Connell.
„Niemand ist illegal auf gestohlenem Land“, sagte Eilish, nachdem sie den „Song des Jahres“-Grammy für ihre Akustik-Ballade „Wildflower“ gewonnen hatte, der letzten Single aus ihrem bereits im Mai 2024 erschienenen Album „Hit Me Hard and Soft“. Am Ende ihrer Rede fügte Eilish unter dem Jubel des Publikums noch ein „Fuck ICE“ hinzu. Ein Rekordgewinn: Die 24-Jährige ist die erste Dreifach-Gewinnerin in dieser Kategorie.
Trotzdem gehörte der Abend Bad Bunny. Zum Höhepunkt der Gala wurde der 31-jährige ein drittes Mal auf die Bühne gerufen (es gab davor noch einen Grammy für „Global Music Performance“). Mit „Debí tirar más fotos“, einer Hommage an die Geschichte Puerto Ricos und seiner traditionellen Musikgenres, konnte er sich gegen große Namen mit Lady Gaga, Sabrina Carpenter oder Kendrick Lamar durchsetzen – und selbst Geschichte schreiben: Als erster Latino-Künstler in 68 Jahren hatte er in der Königskategorie der Grammys, dem „Album des Jahres“, gewonnen. Ganze 20 Sekunden lang stand Bad Bunny still, hielt sich eine Hand vor dem Mund, um seine Schluchzer zu unterdrücken, während sich die Menschen in der Crypto.com-Arena zur Ovation erhoben.
iVom nackten Bieber bis zum Dalai Lama – Was noch geschah
Kendrick Lamar gewann mit fünf Grammys – unter anderem für „Luther“, sein Duett mit Sängerin und Tourpartnerin SZA – die meisten Trophäen des Abends. Mit insgesamt 27 Grammys ist Lamar nun der meist ausgezeichnete Rapper, vor Jay-Z (mit 25).
Die 25-jährige Britin Lola Young setzte sich mit ihrem Song „Messy“ überraschend in der Kategorie „Best Pop Solo Performance“ gegen ungleich bekanntere Mitstreiter wie Lady Gaga, Chappell Roan und Sabrina Carpenter durch, eine Rede hatte sie erst gar nicht vorbereitet. Ihre Landsfrau Olivia Dean (26) wurde mit dem wichtigen Preis „Best New Artist“ ausgezeichnet. „Ich stehe hier oben als Enkelin eines Einwanderers“, bedankte sich Dean. Damit entschied sich die Grammy-Jury einmal mehr für Soul-Traditionalismus im Sinne von Amy Winehouse und Adele – und gegen eine Pop-Innovatorin wie Addison Rae. Die lieferte dafür mit dem K-Pop-Sextett Katseye einen der aufregendsten Live-Momente der Gala ab.
Nicht weniger aufregend, wenn auch an völlig unterschiedlichen Enden des Spektrums, fielen die Auftritte zweier Grammy-Veteranen aus: Lady Gaga verlieh ihrem Hit „Abracadabra“ sich hinter einer Keyboardburg windend, den Kopf von einer Art Vogelkäfig bedeckt noch einen Extraschuss manischer Energie. Sie gewann für „Pop Vocal Album“ und „Dance-Pop Recording“. Justin Bieber strippte bis auf Boxershorts (seiner eigenen Marke) und schwarze Socken, um den Saal mit einer Solo-Darbietung seines lüsternen Liebesbekenntnisse „Yukon“ zu fesseln. Bieber ging an diesem Abend leer aus. Aber wahrscheinlich war seine Performance, diejenige, von der man noch in einem Jahr sprechen wird.
Steven Spielberg erhielt einen Grammy für seinen Dokumentarfilm „Music by John Williams“. Damit gehört der 79-jährige Regisseur der exklusiven Gruppe der „EGOTs“ an, jenen nun 22 Künstlerinnen und Künstlern, die außer mit dem Grammy, noch mit einen Oscar, mit den Fernsehpreis Emmy und dem Musical-Preis Tony ausgezeichnet wurden. Zu den Erstgewinnern des Grammys gehört übrigens auch der Dalai Lama, er bekam den Preis für ein Hörbuch.
„Golden“, die Single zum Netflix-Phänomen „KPop Demon Hunter“, holte den Preis für den „Best Song Written for Visual Media“. Kein kriegsentscheidender Grammy – aber der erste für das K-Pop-Genre. Ihren allerersten Grammy gewannen auch die britischen Düster-Veteranen The Cure, im 50. Jahr ihres Bestehens.
Vor drei Jahren war sein Album „Un Verano Sin Ti“ („Ein Sommer ohne Dich“) in derselben Kategorie nominiert worden, als erstes spanischsprachiges Album überhaupt. Damals musste sich Benito Antonio Martínez Ocasio, so Bad Bunnys bürgerlicher Name, gegen Harry Styles‘ „Harry’s House“ geschlagen geben. Jetzt überreichte ihm ausgerechnet der britische Mädchenschwarm die goldene Trophäe. Die beiden Männer umarmten sich innig, während Donald Trump vor dem Bildschirm schäumte.
„Die Grammy-Awards sind das Schlechteste, was es gibt, praktisch unerträglich anzusehen!“, wütete der US-Präsident am frühen Montagmorgen auf seiner Plattform Truth Social. „CBS kann sich glücklich schätzen, dass dieser Müll nicht mehr ihre Sendezeit verschmutzt.“ Dem „talentlosen“ Moderator des Abends, Trevor Noah, drohte Trump „auf viel Geld zu verklagen“, nachdem der einen – noch vergleichsweise harmlosen – Witz auf seine Kosten gemacht hatte. Trumps Grönland-Gelüste erklärte Noah so: Seit dem Tod von Sexualstraftäter Jeffrey Epstein brauche der Präsident „eine neue Insel, um mit Bill Clinton abzuhängen“. Noahs Ankündigung, dass Nicki Minaj – die Rapperin, die sich just als Maga-Anhängerin geoutet hatte – nicht anwesend sei, wurde vom Publikum mit frenetischem Applaus begrüßt.

Lady Gaga trat als wilde Papagena mit Voliere als Kopfbedeckung auf.
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Aber warum fühlt sich der US-Präsident durch einen auf dem ersten Blick eher unpolitischen puerto-ricanischen Rapper und Sänger provoziert? Das mag weniger daran liegen, dass sich Bad Bunny vor der US-Wahl für Kamala Harris ausgesprochen hatte, nachdem ein Komiker auf einer Trump-Veranstaltung krude Puerto-Rico-Witze gerissen hatte. Sondern eher daran, dass der Superstar für ein anderes, der Trump’schen Agenda diametral entgegengesetztes Amerika steht. Und das mit von seit Jahren anhaltenden Streamingrekorden unterfüttertem, größtmöglichem Selbstbewusstsein.
So tritt er im Rahmen seiner Welttournee zum nun ausgezeichneten Album in Lateinamerika, in Australien, in Japan und Europa auf (am 20. Juni etwa im ausverkauften Düsseldorfer Stadion), macht um die Vereinigten Staaten jedoch einen großen Bogen, aus der nicht ganz unberechtigten Angst, die ICE-Schergen könnten bei seinen Shows versuchen Besucher abzugreifen.
Stattdessen lud er seine US-amerikanischen Fans ein, zu einem der 30 Konzerte zu kommen, die er in seiner Heimat Puerto Rico gibt. Einen Auftritt in den USA gibt Bad Bunny allerdings doch, am kommenden Sonntag bestreitet er die berühmte Halbzeitshow beim Super Bowl in Santa Clara, auch dies als erster spanischsprachiger Act. Was Trump dermaßen erzürnte („Absolut lächerlich, habe noch nie von ihm gehört“), dass er nicht nur seine Teilnahme an dem Sportevent absagte, sondern zudem eine alternative Super-Bowl-Show ankündigte, zu der Maga-treue Zuschauer in der Pause umschalten könnten.
Dass die National Football League trotz der Drohungen des Präsidenten nicht einknickte, werten Experten als Beleg für die internationalen Expansionspläne der NFL – Bad Bunny bringt eine weltweite Fangemeinde mit, Trump nicht.
