„Ich wurde quasi reingeboren“, erzählt Robin Rösslein und lacht. Der Stuttgarter kam Ende Januar vor 31 Jahren zur Welt – und damit mitten in der Faschingszeit. Schon als er gerade laufen konnte, trug er Kostüm und erlebte seine ersten Faschingsumzüge in Stuttgart und der Region gemeinsam mit seiner Familie. Auch seine drei Jahre jüngere Schwester Alicia wuchs wie Robin mit dem jährlichen Faschingstrubel auf.

All das kommt nicht von ungefähr, denn die Mutter der beiden ist unter Stuttgarter Narren keine Unbekannte. Anita Rösslein ist seit 1987 beim Stuttgarter Fasching aktiv. Anfangs stolperte sie eher durch Zufall in die Szene, wurde von Bekannten auf ein Event mitgenommen, wie sie erzählt – der Grundstein ihrer steilen karnevalistischen Karriere war gelegt.

Auch eher durch Zufall wurde sie vor Jahren zur Prinzessin des Stuttgarter Vereins Schwarze Störche ernannt, durchlief dann einige Stationen im Verein, wurde später dessen erste Präsidentin. Mittlerweile hat sie zudem das Amt der Präsidentin des Fest-Komitees Stuttgarter Karnevalsvereine inne und vertritt die elf Stuttgarter Gesellschaften.

Seit der Geburt dabei – Fasching in Stuttgart als Familiending

„Der Fasching hat unsere Familie in gewisser Weise zusammengeführt“, erzählt Anita Rösslein. Denn auch ihren Mann, mit dem sie heute in Bad Cannstatt lebt, lernt sie einst über eine Faschingsveranstaltung in der Region kennen. „Er kam aus Berlin und hatte mit Fasching eigentlich nichts am Hut“, erinnert sich die Stuttgarterin. Über sie kam er zu den Schwarzen Störchen und trat später dem dortigen Elferrat bei. „Sogar bei seinem Heiratsantrag später waren Karnevalisten dabei“, erzählt Anita Rösslein und lacht.

Aus der Ehe gehen ihre zwei Kinder Robin und Alicia hervor. Beide sind mittlerweile erwachsen und leben in und um Stuttgart – die Begeisterung für den Fasching ist geblieben. Auch sie sind von Anfang an Mitglieder bei den Schwarzen Störchen.

Robin Rösslein und seine Mutter Anita bei einem Umzug mit den Schwarzen Störchen. Foto: privat

Bereits mit zehn Jahren wurde Sohn Robin das erste Mal Kinderbaron in der Gesellschaft „Zigeunerinsel Stuttgart e.V.“ (Anmerkung im Infobereich unten), wo sein Großvater Mitglied ist. Die Position ist in etwa gleichbedeutend mit dem Prinzen oder der Prinzessin in anderen Gesellschaften, es sind die höchsten Repräsentanten der jährlichen Vereinskampagne.

Während seine Schwester heute dem Komitee der Schwarzen Störche angehört, engagiert sich der 31-Jährige im Elferrat der Störche und von 2013 bis 2018 als Jugendleiter für den Nachwuchs im Fasching, organisiert Veranstaltungen, Ausflüge und Seminare. Das närrische Treiben und die Aktivitäten darüber hinaus halten die Familie auch heute fest zusammen.

Wie geht der Faschingstrubel mit Privat- und Berufsleben zusammen?

Wie ist es, als Familie den Fasching so zu leben? „Wenn wir zusammen unterwegs sind, ist es schon immer eine sehr enge Familienzeit“, erzählt Robin Rösslein. „Oft wird vor den Events gemeinsam gefrühstückt und dann geht es auf einem Umzug.“ Abends komme man spät heim, gehe noch gemeinsam Abendessen. „Trotzdessen, dass man schon lange nicht mehr daheim wohnt, bringt der Fasching unsere Familie über einen längeren Zeitraum im Jahr zusammen. Wenn dann Veranstaltungen anstehen, unterstützt man sich auch dabei gegenseitig. Das schätze ich sehr.“

Neben dem Fasching haben Robin und seine Schwester längst ihr eigenes Privatleben, gehen in Vollzeit geregelten Jobs nach, engagieren sich zudem in verschiedenen Ehrenämtern. Wie lässt sich das mit dem Faschingstrubel vereinbaren? „Für mich steht es immer außer Frage, dass ich mir für diese Zeit Urlaub nehme. Da lassen wir alles andere stehen und liegen“, erzählt Robin. „Bei meinen bisherigen Arbeitgebern habe ich den Grund dafür auch immer transparent gemacht, da ist meist Verständnis da.“

Robin meint die Zeit zwischen dem Schmotzigen Donnerstag und dem Aschermittwoch. Wer denkt, die närrische Zeit beschränke sich lediglich auf diese Woche im Februar, der irrt. Bereits lange vor dem großen Faschingsfinale ist die Familie eingespannt. „In unserem Verein geht es immer ab dem Sonntag vor dem 11. November los. Da findet die Inthronisation statt, wir stellen also unsere neue Storchenprinzessin vor und laden verschiedene Faschingsgesellschaften ein – bis zum ersten Advent findet dann im Prinzip jedes Wochenende eine solche Veranstaltung statt“, erzählt Robin. „Von Montag bis Freitag gehen wir ganz normal unseren Berufen nach“, ergänzt Anita Rösslein. Die Wochenenden gehören dann meist dem Fasching.

Fasching kann ein Fulltimejob sein

Nach der Weihnachtspause geht es ab dem 6. Januar direkt weiter. „Dann beginnt für uns sozusagen die heiße Phase: Man ist freitags und samstags noch häufiger unterwegs, sonntags stehen verschiedene Umzüge und das Landesnarrentreffen an“, erzählt Robin. „Die richtig heiße Phase startet mit dem Schmotzigen Donnerstag, da sind wir morgens auf dem närrischen Marktfasching in Bad Cannstatt vertreten und abends nehmen wir am traditionellen Kübelesrennen teil.“

Es folgen verschiedene weitere Events und Umzüge, die in Prunksitzungen, im Empfang beim Stuttgarter Oberbürgermeister am Rosenmontag, beim närrischen Staatsempfang im Neuen Schloss sowie im großen Umzug am Faschingsdienstag durch die Stuttgarter Innenstadt und dann dem Aschermittwoch mit der „Beerdigung“ der Storchenprinzessin zum Ende der Faschingszeit gipfeln.

Einsätze für den Faschingsverein sind Ehrensache – auch im Sommer

Und auch nach dem Aschermittwoch, außerhalb der fünften Jahreszeit, sind die Rössleins im Namen der Narren unterwegs. Im Sommer veranstalten sie verschiedene Feste, „um zu netzwerken und Einnahmen für die Vereinskasse zu sammeln“, erzählt Robin. So komme man auch unter dem Jahr immer wieder zu Events zusammen, das stärke das Gemeinschaftsgefühl.

Gleichzeitig sind all das Ereignisse, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Gibt es Dinge, die die Familie durch den alljährlichen Faschingstrubel verpasst oder vermisst? „Meine Schwester und ich können zum Beispiel beide nicht Skifahren“, sagt Robin und lacht. „Immer, wenn früher Ski-Freizeiten stattfanden oder Freunde in den Skiurlaub gefahren sind, waren wir zuhause faschingstechnisch unterwegs.“ Das sei etwas gewesen, was ihm gerade im Jugendalter aufgefallen sei. Heute vermisst er das nicht, ist froh, in der Wintersaison auf Umzügen, bei Prunksitzungen oder anderen Verein-Events, statt auf Skiern unterwegs zu sein.

Zwischenzeitlicher Zweifel: „Was mache ich hier eigentlich?“

Doch es gab auch andere Zeiten. Robin erzählt von seiner Pubertät – die sei generell eine Zeit gewesen, in der er sich etwas aus dem Fasching zurückgezogen habe. „Da findet man eine Zeit lang alles irgendwie doof und peinlich, will sich nicht verkleiden und fragt sich, was mache ich hier eigentlich?“ Auch die Tatsache, dass er häufig als „der Sohn von Anita Rösslein“ wahrgenommen wurde, störte ihn damals. „Einerseits kam ich so mit allen möglichen Leuten ins Gespräch, andererseits wollte ich, dass ich als eigenständige Persönlichkeit angesehen werde.“

Storchenball der Schwarzen Störche im Jahr 2024 – inmitten den Narren: die damalige Storchenprinzessin. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Das gelang ihm im Laufe der Zeit. Im Jahr 2013 wurde er schließlich gefragt, ob er sich vorstellen könnte, sich im Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine zu engagieren. Der Verband repräsentiert in Baden-Württemberg alle Faschings- und Karnevalsvereine inklusive der Brauchtumsgruppen.

Von 2013 bis 2018 setzte sich Robin im Verband für den Nachwuchs in den Faschingsvereinen- und Gruppen ein, rund 10.000 bis 15.000 Kinder und Jugendliche sind dort Mitglied. „Wir sind auf Veranstaltungen unterwegs, um dort die Jugend zu repräsentieren, organisieren Jugendleiterseminare und Freizeiten auch außerhalb der Faschingszeit.“ Die neue Aufgabe führte dazu, dass Robin neue Freundschaften knüpfte, sich ein eigenes Netzwerk aufbaute. Der Verein wurde – wie auch bei seinen Eltern – ein fester Bestandteil seines Lebens. Nach 2018 zog er sich berufsbedingt ein wenig von der Aufgabe zurück, blieb aber im Verein aktiv.

Fasching als „Herzensprojekt“ und bunter Kontrast zum „Ernst des Lebens“

„Für mich bedeutet Fasching Spaß und gute Laune. Er sorgt auch für ein Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Robin. „Es ist eine kurze Zeit im Jahr, in der man in sehr geballter Ladung mit Leuten zusammenkommt, mit denen man ansonsten vielleicht nicht unbedingt etwas zu tun hätte.“

Anita Rösslein ergänzt: „Für mich ist es ein Lebensmotto: ,Das Leben ist bunt und granatenstark.‘“ Der Fasching sei einerseits eine gute Möglichkeit, um Tradition und Brauchtum zu pflegen, andererseits, um Freunde zu treffen und eine Zeit lang „Abstand vom Ernst des Lebens zu nehmen“, sagt sie. „Wir wollen den Menschen in dieser Zeit zeigen, dass es auch noch Positives auf der Welt gibt – abseits von Donald Trump und Kriegen.“ Das sei gerade für die Kinder ein wichtiger Ausgleich, auch zum Alltagsstress. „Für mich ist das ein Herzensprojekt“, so Anita Rösslein.

Über Vorurteile, die manche Menschen gegenüber dem Fasching hegen, sieht die Familie hinweg. „Teilweise wird es müde belächelt, so nach dem Motto, ihr trinkt doch eh nur“, erzählt Robin. „Für Außenstehende bedingen sich Alkohol und Fasching offenbar. Wenn man aktiv dabei ist, weiß man aber, dass mehr dahintersteckt.“

Dass man mal einen trinke, will er nicht bestreiten. Aber: „Es geht beim Fasching nicht darum, sich jeden Tag die Kante zu geben. Es geht uns um den Spaß am Fasching, das Gemeinschaftsgefühl und auch um den traditionellen Hintergrund.“

Vorurteile und verstaubte Traditionen? Faschingsvereine verlieren an Attraktivität

In diesem sieht Robin jedoch auch Hürden: „Immer weniger Kinder wachsen heutzutage mit dem Faschingsgedanken auf“, sagt er. In Schulen und Kindergärten finde das immer weniger statt. Dies sei wohl auch der starken kulturellen Ausrichtung auf alte Faschingstraditionen festzumachen, die heutzutage nicht mehr alle Menschen in ihrer Vielfalt ansprechen, meint er.

Der 31-Jährige wünscht sich, dass die Vereine künftig Wege finden, den Fasching wieder für ein breiteres und junges Publikum attraktiver zu machen. Für Familie Rösslein ist die fünfte Jahreszeit nicht wegzudenken. Sie wünscht sich, dass das auch vielen anderen weiterhin so geht.

Anmerkung

„Zigeunerinsel Stuttgart e.V.“
Hinweis: Die Bezeichnungen Zigeuner, Zigeunerin sind diskriminierend“, heißt es im Duden und auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die gesamte Volksgruppe wird demnach als Sinti und Roma bezeichnet. Beide Institutionen empfehlen zur Vermeidung der Reproduktion diskriminierender Begriffe, die dazu beitragen können, Vorurteile zu verstärken, die Verwendung von diskriminierungssensibler Sprache. Der Stuttgarter Verein ‚Zigeunerinsel’ verzichtet nach eigener Aussage darauf, sich umzubenennen, weil sie sich 1910 nach den gleichnamigen Siedlungen für ausgegrenzte Menschen benannt haben, um gegen deren Diskriminierung einzutreten.