Die kleine Wohnung im Frankfurter Stadtteil Zeilsheim ist hell, gemütlich und sauber. Ein Saugroboter parkt einsatzbereit neben dem hellen Sofa, eine kleine Schildkröte döst in ihrem Terrarium. Auf einem Schränkchen im Flur steht ein kleiner Pokal mit der Aufschrift: Beste Mama der Welt. „Den habe ich von meinem Sohn bekommen“, sagt Aysan Rajabi. Sie ist stolz darauf, das Geschenk ausstellen zu können. Denn vor mehr als anderthalb Jahren lebte sie noch in einer Notunterkunft für wohnungslose Menschen. Dass sie nun ein richtiges Zuhause hat, habe ihr das Leben gerettet, sagt Rajabi, die eigentlich anders heißt.

Mit 22 Jahren kam Rajabi aus Iran nach Deutschland, lebte mit ihrem Mann und ihrem gemeinsamen Sohn in einer Wohnung. Sie war Hausfrau, einen richtigen Schulabschluss hatte sie nicht. Als die Beziehung in die Brüche ging, zog sie aus. Zunächst kam sie zwei Wochen in einem Hotel unter, Freunde halfen ihr bei der Finanzierung. „Doch irgendwann war das Geld leer“, sagt Rajabi. Sie bekam einen Platz in einer Notunterkunft für Wohnungslose, wo sie vier Jahre lebte.

Es sei eng und schmutzig gewesen. Bewohner hätten sich gegenseitig bestohlen, erinnert sie sich. Nicht nur deshalb habe die mittlerweile 35 Jahre alte Rajabi ihren damals etwa vier Jahre alten Sohn nicht zu sich holen können – und wollen. Sie habe sich in der Unterkunft, in der unter anderem auch Drogenkranke und Alkoholabhängige lebten, nicht sicher gefühlt. Also blieb ihr Sohn bei ihrem Ex-Mann.

„Man fühlt sich in der Notunterkunft nicht zu Hause“

Jeden Tag pendelte Rajabi zur Wohnung ihres Ex-Mannes in Frankfurt. Jeden Tag holte sie ihren Sohn vom Kindergarten ab, kochte für ihn, spielte mit ihm – und putzte die Wohnung ihres Ex-Mannes. Sobald er nach Hause kam, verließ sie seine Wohnung. „Das war sehr schlimm für mich“, sagt Rajabi. Denn jedes Mal, wenn sie die Wohnung und ihren Sohn verließ, habe dieser geweint, erinnert sie sich. Er verstand nicht, warum seine Mutter ihn immer wieder zurückließ.

„Beste Mama der Welt“: ein Geschenk von Aysan Rajabis Sohn„Beste Mama der Welt“: ein Geschenk von Aysan Rajabis SohnJannis Schubert

Die ständigen Trennungen von ihrem Sohn und das Gefühl, kein Zuhause zu haben, waren belastend für Rajabi. Abends, wenn sie noch nicht zurück in die Unterkunft gehen wollte, habe sie manchmal am Main gesessen und darüber nachgedacht, ihr Leben zu beenden. „Weil ich keinen Ausweg gefunden habe.“

Sie begann, ihre Abende in nahe gelegenen Spielotheken in Höchst zu verbringen. „Man fühlt sich in der Unterkunft ja nicht zu Hause“, sagt sie. „Ich hatte keine Möglichkeit, mich von der Situation abzulenken oder sie zu überwinden.“ Sie blieb immer länger, bis vier Uhr in der Früh. Sie wurde spielsüchtig, trank zu viel Alkohol. Einmal habe sie ihr ganzes Geld verspielt. „Ich habe mich innerlich so verloren und leer gefühlt.“

Eine Wohnung ohne Vorbedingungen

Irgendwann habe eine Freundin ihr einen Psychotherapeuten in Wiesbaden empfohlen. „Er hat mein Leben gerettet“, sagt Rajabi. „Sehr, sehr, sehr langsam“ sei es ihr besser gegangen. Sie lernte einen neuen Mann kennen, machte regelmäßig Sport und ging in Therapie. Allerdings pendelte sie so nicht mehr nur zwischen ihrer eigenen Unterkunft und der Wohnung ihres Ex-Mannes hin und her, sondern verbrachte viel Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln und in der Wohnung ihres neuen Freundes: Sie verlor den Überblick. „Ich wusste gar nicht mehr, wo meine ganzen Unterlagen sind“, sagt Rajabi. Ihr fehlten Pass und Aufenthaltserlaubnis, Leistungen vom Jobcenter erhielt sie deswegen nicht mehr.

Ihr neuer Freund wollte sie unterstützen und bat sie, zu ihm zu ziehen. „Doch ich habe mich nicht gleichwertig gefühlt“, sagt Rajabi. Sie wollte eine eigene Wohnung. Über die Mutter ihres Ex-Mannes kam sie in Kontakt mit Mehri Farzan. Sie leitet das Housing-First-Programm der Diakonie Frankfurt Offenbach. Seit 2021 hilft die Diakonie Menschen, die normalerweise keine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben, eine Wohnung zu finden. Seit Herbst 2024 richtet sich das Programm vor allem an alleinerziehende Personen, meist Mütter mit Kindern.

Etwa 30 Personen konnten Farzan und ihr Team seit Beginn unterbringen. In Kooperation mit der GWH Wohnungsgesellschaft betreut die Diakonie derzeit 32 Wohnungen; finanziert wird das Programm unter anderem von der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen.

Zeit füreinander: Aysan Rajabi hilft ihrem Sohn bei den Hausaufgaben.Zeit füreinander: Aysan Rajabi hilft ihrem Sohn bei den Hausaufgaben.Jannis Schubert

Nach Angaben der Stadt Frankfurt leben in der größten Stadt Hessens 4100 wohnungslose Menschen, die gemeinsam mit etwa 5000 Geflüchteten in Unterkünften untergebracht werden. Als wohnungslos gelten Menschen ohne eigenen Wohnraum. Sie kommen beispielsweise bei Freunden unter oder leben in städtischen Unterkünften. Die Evangelische Kirche Hessen Nassau (EKHN) geht davon aus, dass mehr als die Hälfte der dort lebenden Bewohner Paare und Alleinerziehende mit Kindern sind. Vor allem für die Kinder sei die Situation in den Einrichtungen problematisch: Neben Platzmangel und Streitereien zwischen den mitunter alkoholisierten Bewohnern fehlten auch Spiel- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Als Mutter wohnungslos zu sein, bedeute mehr, als keine eigene Wohnung zu haben, erklärt Mehri Farzan. Es wirke sich auch auf die Fähigkeit aus, ein Kind zu erziehen, auf das Kind selbst und das Selbstwertgefühl der Mutter. Deshalb setzt die Diakonie Frankfurt Offenbach auf das Konzept von Housing First. Dabei erhalten wohnungslose Menschen ohne Vorbedingungen, wie eine Suchttherapie, eine eigene Wohnung als Basis, um das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Eine Wohnung „wie in meinen Träumen“

Weil Wohnungslose aber oft mehr als nur eine Bleibe dafür brauchen, bietet die Diakonie auch Sozialarbeit an. Die betreuten Bewohner können aber frei entscheiden, ob und wann sie die Unterstützung der Sozialarbeiter in Anspruch nehmen wollen. So auch Aysan Rajabi, die nicht mehr wusste, wo all ihre wichtigen Unterlagen waren. Mehri Farzan half ihr bei den notwendigen Behördengängen. Mittlerweile hat sie wieder eine Aufenthaltsgenehmigung und erhält Leistungen vom Jobcenter. „Mit Frau Farzan und der Wohnung hat mein Leben richtig begonnen“, sagt Rajabi. Sobald es ihre Lebensumstände wieder zuließen, hat sie ihren Sohn zu sich geholt.

Ein Team: Aysan Rajabi und ihr Sohn kuscheln auf dem Sofa.Ein Team: Aysan Rajabi und ihr Sohn kuscheln auf dem Sofa.Jannis Schubert

In den ersten sechs Monaten hatten die beiden nur eine provisorische Küche, Rajabi spülte in der Badewanne und kochte auf einer einzelnen Herdplatte. „Für mich war das richtig schön“, sagt Rajabi. „Das hat Spaß gemacht, in meinem eigenen Zuhause auf meiner eigenen Herdplatte zu kochen.“ Nach und nach kaufte sie sich die restlichen Möbel. Für die Erstausstattung bekam sie Unterstützung vom Jobcenter. Manches, wie das helle Sofa, habe sie günstig gekauft. Anderes, etwa den Saugroboter, habe ihr Freund bezahlt. Rajabi lächelt viel, wenn sie von den ersten Monaten in ihrem eigenen Zuhause erzählt. Die Wohnung sei „wie in meinen Träumen“, sagt die Iranerin. Ihr mittlerweile neun Jahre alter Sohn kann in die Grundschule laufen.

Ein eigenes Zuhause und damit vor allem einen sicheren Rückzugsort zu haben, stärkte Rajabi. Sie bekam ihre Spielsucht und ihren Alkoholkonsum in den Griff, lernte, ihre Unterlagen ordentlich abzuheften, sich zu strukturieren und vor allem, sich selbst wertzuschätzen. „Ich habe gemerkt: Ich bin etwas wert, und ich kann mich behaupten“, sagt Rajabi. In ihrer Wohnung, die Rajabi als „ihr Paradies“ bezeichnet, konnten sie und ihr Sohn nach vier Jahren Unsicherheit zur Ruhe kommen. „Es geht nicht mehr jeden Tag darum, irgendwie zu überleben“, fasst Mehri Farzan zusammen.

Erst einmal wieder richtig „menschlich leben“

Rajabi erkannte, dass nicht nur sie, sondern auch ihr Sohn Hilfe benötigte, das Erlebte zu verarbeiten. Sie kümmerte sich um einen Therapieplatz für ihren Sohn und brachte ihren Ex-Mann dazu, an einer Familientherapie teilzunehmen. „Ich habe viel falsch gemacht während dieser vier Jahre“, sagt sie. Nun arbeite sie hart daran, eine gute Mutter zu sein und ihre Fehler wiedergutzumachen. Vielleicht, weil Rajabi weiß, wie es sich anfühlt, eine schwierige Kindheit zu haben. „Sie nimmt ihre Mutterrolle sehr ernst“, sagt Farzan.

Rajabi will nicht mehr abhängig von jemandem sein, nicht von ihrem Freund und nicht vom Jobcenter. Am liebsten möchte sie als Schulbegleiterin arbeiten, sagt sie. Und sie möchte besser Deutsch sprechen. „Das ist das Problem vieler Migranten, besonders bei Frauen“, sagt Mehri Farzan. „Sie lernen Deutsch, aber weil sie die Sprache nicht sprechen, verlernen sie sie wieder.“ So sei es auch bei Rajabi gewesen. Farzan ist überzeugt, dass sie auch diese Hürde nehmen wird. Schließlich sei Rajabi eine intelligente Frau, die es nur ein wenig schwieriger im Leben gehabt habe als andere.

Am wichtigsten ist Rajabi aber, eine gute Mutter zu sein, auf die ihr Sohn stolz sein kann. „Und da ist sie auf einem sehr guten Weg“, sagt Farzan. Sie habe im vergangenen Jahr viel Glück gehabt, meint Rajabi. „Ich glaube, mein Gott hat mich gesehen.“

In Aysan Rajabis Wohnung ist fast alles weiß, beige oder hellgrau, auch ihre Kleidung ist beige. Nur im Schlafzimmer sieht man auch Dunkelgrün. Grün, so sagt sie, sei die Farbe der Hoffnung. Früher habe sie immer Schwarz getragen. Aber ihr Leben sei nun anders. Schwarz passe nicht mehr. Ihr Freund und seine Familie hätten Rajabi und ihren Sohn liebevoll aufgenommen, erzählt sie. Er wünscht sich noch immer, dass sie zu ihm zieht. Vielleicht werde sie das irgendwann tun, sagt Rajabi. Denn nun fühle sie sich gleichwertig. Wenn sie umziehen sollte, will sie, dass ihre Wohnung wieder an eine Frau geht, die Hilfe braucht. Erst einmal will sie aber, dass sie und ihr Sohn zur Ruhe kommen, Normalität erleben. „Für mich ist wichtig, jetzt richtig menschlich zu leben.“