Es muss ein verstörender Videoausschnitt sein: Drei Männer stehen vor einem enthaupteten Toten, sie posieren, einer tastet nach dem Puls. Auf die Frage, was dem Mann fehle, antwortet einer der Kämpfer: „Er sieht mir ziemlich kopflos aus.“ Ermittler stellen später die Identität des Kämpfers fest – er ist Tarik S. aus Bielefeld.
Der Weg dorthin begann für ihn schon sehr früh. Mit 19 Jahren wendet sich Tarik S. von Deutschland ab, reist in Gebiete des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) und kämpft fortan unter dem Namen „Osama der Deutsche“. Nach zwei Jahren beim IS kehrt er zurück, wird auf der Reise festgenommen und später verurteilt. Er scheint geläutert, doch der Schein trügt.
In der neuen Folge von „OstwestFälle“, dem True-Crime-Podcast der Neuen Westfälischen, spricht Moderatorin Birgitt Gottwald mit NW-Redakteur Lukas Brekenkamp über Tarik S. und gibt Einblicke in das Leben des IS-Terroristen.
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OstwestFälle
Wöchentlich spannende Einblicke in True Crime Fälle aus OWL.
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Wie aus Tarik S. „Osama der Deutsche“ wird
- Die Schulzeit ist für ihn schwer, er soll mit aggressivem Verhalten aufgefallen sein
- Mit 19 Jahren schließt er sich dem IS an und nennt sich „Osama der Deutsche“
- Beim IS erlebt er Gewalt, er denkt an Flucht
- Nachdem sein mögliches Fluchtvorhaben auffällt, soll ihn die IS-Polizei gefoltert haben
- Er wird zur Propagandafigur: Postet Waffenbilder, ruft zum „Heiligen Krieg“ auf
- Tarik S. verliebt sich, verlässt mit seiner Frau den IS und wird verhaftet
Als Kind kommt er mit seiner Familie aus Ägypten nach Bielefeld
Als Kind kommt Tarik S. mit seiner Familie aus Ägypten nach Bielefeld. Er wächst mit zwei Geschwistern und einem Halbbruder auf. Im Grundschulalter trennen sich die Eltern. Die Mutter bleibt mit der Erziehung allein, der Vater stirbt früh.
In der Schule fällt Tarik S. durch aggressives Verhalten auf. Am Ende besteht er seinen Hauptschulabschluss. Nach der Schule beginnt er eine Ausbildung zum Gebäudereiniger, später eine zum Erzieher. Beide bricht er ab.
Warum er sich schließlich radikalisiert, bleibt unklar. Brekenkamp erklärt, eine Radikalisierung entstehe häufig nach Einschnitten oder belastenden Erlebnissen: Betroffene suchen nach Halt und sind gefährdet, in problematische Strukturen zu geraten.
Islamischer Glaube ist nicht mit Radikalität gleichzusetzen
2012 findet Tarik S. Zuflucht in einer fundamentalistischen Auslegung des Islam. Unter einer fundamentalistischen Auslegung versteht das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dass dabei häufig die Vorstellung einer absoluten göttlichen Wahrheit gilt, die enge Verknüpfung von Religion und Politik sowie die Ablehnung moderner, pluraler Werte. Manche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten verstehen sich als Ausführende eines „Heiligen Krieges“ (Dschihad) und richten sich gegen „ungläubige“ Gegnerinnen und Gegner.
Islamischer Glaube ist nicht mit Radikalität gleichzusetzen, erklärt das Ministerium fürSchule und Bildung. Es gibt ein breites Spektrum religiöser Auslegungen, die nicht extremistisch sind. Extremismus beginnt dort, wo die freiheitliche demokratische Grundordnung abgelehnt wird.
Islamisches Zentrum Bielefeld im Interview: Der „Bielefelder Dschihadist“ fiel auf
Tarik S. verändert sich sowohl äußerlich als auch innerlich
Bei Tarik S. ist die Veränderung radikal, er verändert auch sein Erscheinungsbild. Er lässt sich einen langen Bart wachsen und trägt lange Gewänder. Er besucht Veranstaltungen salafistischer Prediger und eine Moschee in Herford, die nach Angaben der Behörden vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Offiziell werden in OWL nach Angaben des Verfassungsschutzes 150 Personen überwacht. Im Umfeld dieser Moschee kommt es nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zu einer vergleichsweise hohen Zahl von Radikalisierungen.
Anfang 2014 entscheidet sich Tarik S., Deutschland zu verlassen. Seiner Mutter sagt er, er fahre nur in eine andere Stadt zu einer Veranstaltung. Tatsächlich reist er über die Türkei, nach Syrien. Dort wird er in ein Ausbildungslager des IS gebracht. In den etwa zwei Wochen lernt er auch den Umgang mit einer Kalaschnikow.
Für die sozialen Medien posiert der Bielefelder mit Waffen
Tarik S. aus Bielefeld. Das Foto zeigt ihn während seiner Zeit beim „Islamischen Staat“.
| © Archivfoto: Andreas Zobe
Für die sozialen Medien lässt er sich gerne mit Waffen fotografieren. Zunächst nimmt er an keinen Kampfhandlungen teil. Dann verlegt ihn der IS an einen anderen Ort. Dort wird er Zeuge einer Hinrichtung. Das erschüttert ihn. Er bekommt Heimweh, sucht den Kontakt zu seiner Mutter – und denkt an Flucht.
Der Versuch misslingt. Als Strafe erhält er Stockhiebe. Später versucht er es erneut. Dieses Mal greift die IS-Polizei ein. Er wird festgenommen und gefoltert. Die Polizei legt ihm nahe, sich als Suizidattentäter registrieren zu lassen – eine Liste für Menschen, die ihr Leben und das anderer im Namen des IS beenden sollen.
Tarik S. folgt der Aufforderung, übernimmt in der Folge aber vor allem Wachposten. Ob er später an Kampfhandlungen teilnimmt, ist unklar, denn er ist zu dieser Zeit auch krankgeschrieben. Nicht von einem Arzt, sondern von einem Exorzisten.
Salafisten in der Region: Wie sich Moscheen in OWL gegen den Einfluss wehren
Mit Krankschreibung zur Werbefigur des IS
Tarik S. aus Bielefeld, auch Ibn Osama Al-Almany genannt, wird zum Werbegesicht des IS.
| © Archivfoto: Wolfgang Rudolf
Dennoch wird er in der Zeit beim IS zu einer Art Werbefigur der Islamistinnen und Islamisten. Auf Facebook teilt er Bilder und Posts, ruft dazu auf, sich dem IS anzuschließen: „Kommt zum Islamischen Staat […] Denkt nicht, dass weil ihr in Deutschland seid, wäre der Jihad nicht Pflicht für euch und es sei nicht möglich, den Jihad in Deutschland und Co. zu führen“, schreibt er.
2016 markiert den Wendepunkt im Leben von Tarik S. Seine große Zuneigung zu einer Niederländerin verändert offenbar sein Denken. Das Paar heiratet, kurz darauf wird seine Frau schwanger. Doch ihre angeborene Gelenksteife macht ein Leben im Gebiet des IS kaum möglich. In der Hoffnung auf bessere medizinische Versorgung bittet das Ehepaar die Führung des IS um Erlaubnis, ausreisen zu dürfen.
Die Bitte wird überraschend genehmigt. Tarik S. und seine Frau machen sich auf den Weg nach Europa, kommen jedoch nicht weit: An der Grenze zur Türkei werden beide festgenommen. Ein Jahr später verurteilt ein Gericht Tarik S. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren Haft.
Er sitzt seine Strafe ab, aber damit ist seine Geschichte noch nicht zu Ende. Wie es weitergeht, berichtet Redakteur Brekenkamp in der zweiten Folge des Podcasts „OstwestFälle“. Diese erscheint nächste Woche am Donnerstag, 12. Februar 2026. Für einen Moment scheint das Leben von Tarik S. sich zu verändern. Er findet einen Job, er sieht seinen Sohn regelmäßig. Der Mann, der einst für Schlagzeilen sorgte, wirkt plötzlich wie jeder andere. Was niemand ahnt: Er schmiedet Anschlagspläne.
Mehr zu Tarik S., seinem Leben in Deutschland und den Anschlagsplänen im zweiten Teil unseres True-Crime-Podcasts „OstwestFälle“ der am Donnerstag, 12. Februar, erscheint.
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