Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat im französischen Fernsehen über das Leid seines Landes gesprochen – und den Westen vor einem gefährlichen Irrglauben gewarnt. «Putins Interesse ist es, Europa zu demütigen», sagte er auf dem Sender France 2.
Selenskyj sprach auch über die dramatische Lage an der Front. Zum ersten Mal nannte er eine offizielle Opferzahl: «In der Ukraine sind offiziell auf dem Schlachtfeld 55.000 Soldaten – sowohl Berufssoldaten als auch mobilisierte – getötet worden.» Die Zahl ist allerdings umstritten. Mehrere unabhängige Institute gehen von deutlich höheren Verlusten aus, wie die Weltwoche berichtete.

Wolodymyr Selenskyj.
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Russland wolle den Druck erhöhen, damit Kiew letztlich ein Ultimatum akzeptiere, das als Kompromiss verkauft werde, so Selenskyj. «Wenn wir diesen Krieg verlieren, verlieren wir schlicht und einfach die Unabhängigkeit unseres Landes.» Die laufenden Gespräche etwa in Abu Dhabi verurteilte er als Teil einer «Strategie des Drucks» des Kreml.
Zur Rolle Europas äusserte sich der ukrainische Präsident zwiegespalten. Einerseits lobte er die Unterstützung durch Staaten, die «verstanden hätten, dass sie die nächsten Opfer Putins sein könnten». Andererseits kritisierte er mangelnde Entschlossenheit: «Putin hat keine Angst vor den Europäern, weil sie in einer sicheren Welt leben, die sie sich aufgebaut haben.»
Mit Blick auf seinen französischen Amtskollegen sagte Selenskyj: «Wir sind gute Freunde. Emmanuel Macron hat mich angerufen, um mir zu sagen, dass er über eine Wiederaufnahme des Dialogs mit den Russen nachdenkt. Er weiss, wie ich darüber denke.»