Haben Sie Hoffnung auf nachhaltigen Erfolg?

Es gibt verschiedene Ansatzpunkte. Die Nato, also eine veränderte, europäischere Nato, kann eine Rolle spielen, ebenso kann die EU konstruktiv tätig sein. Ihre Rolle ist aufgrund der EU-Verträge allerdings nicht unbegrenzt ausbaufähig. Aber in der sogenannten Koalition der Willigen, die bei der Abwehr von Trumps Ukraine-Friedensplan intervenierte, und in verschiedenen regionalen Zusammenschlüssen lässt sich erahnen, was alles möglich sein könnte. Einen Nukleus sehen wir bereits in Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen und dem Baltikum. Polen, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande passen auch gut dazu.

Besteht hier nicht die Gefahr einer Spaltung Europas?

Derartige Kooperationen sind nicht gegen andere europäische Staaten gerichtet. Aber Fakt ist doch, dass sich einige europäische Länder bedrohter fühlen als andere. In Spanien wird die Gefahr durch Russland ganz anders betrachtet als in Polen. Das ist verständlich, birgt aber auch enorme Gefahr. Wenn Europa stets auf unwillige oder blockierende Mitglieder Rücksicht nimmt, dann kostet uns das Zeit, die wir nicht haben. Russland gönnt uns diesen Luxus einfach nicht. Jetzt wäre es dringend an der Zeit, uns als Europäer wieder an das zu erinnern, was uns ausmacht.

Wir kamen gerade auf die abnehmende Bedrohungswahrnehmung durch Russland. Es geht gar nicht um die Frage, ob irgendwann eine russische Invasionsarmee über die Pyrenäen nach Spanien eindringen könnte, nicht einmal, ob russische Truppen wieder in Deutschland stehen werden. In meinem Buch will ich darüber aufklären, wie sehr wir seit Jahrzehnten auf die Institutionen Nato und EU angewiesen sind. Deswegen sollten wir uns dringend daran erinnern, welche historische Leistung das europäische Projekt seit Ende des Zweiten Weltkriegs vollbracht hat.

Frieden, ganz genau. Er ist die Grundlage für Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Das ist alles in höchster Gefahr. Russland könnte die transatlantische und europäische Solidarität im Rahmen der Nato durch gezielte Aktionen prüfen und strapazieren, damit müssen wir rechnen. Etwa im Falle der estnischen Grenzstadt Narva. Daran könnte die Nato zerbrechen, wenn bei einer russischen Aggression keine entsprechend robuste Antwort erfolgt.