Für Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) ist es neben dem Albaufstieg das „wichtigste Neubauprojekt in Baden-Württemberg“: Am Pfaffensteigtunnel sollen noch in diesem Jahr die Bauarbeiten beginnen. Es geht um zwei gut 11 Kilometer lange Tunnelröhren – durch sie sollen Züge der Gäubahn von Zürich über Singen künftig von und nach Stuttgart rollen. „Das ist ein wichtiges überregionales Projekt“, sagte Schnieder am Freitag bei einem Besuch in Singen (Landkreis Konstanz) über den Tunnel und den Ausbau der Gäubahn insgesamt. „Wir wollen es so schnell wie möglich umsetzen.“
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Der Pfaffensteigtunnel ist formell nicht Teil des Bahnprojekts Stuttgart 21, steht aber mit diesem in engem Zusammenhang. Anfang Januar hat das Eisenbahnbundesamt die Baugenehmigung für das Projekt erteilt, seit vergangener Woche ist auch eine Finanzierungsvereinbarung über 1,7 Milliarden Euro in trockenen Tüchern. „Nach Einschätzung der Bahn soll der Tunnel 2032 fertig sein, und unser Anspruch muss sein, diesen Termin einzuhalten“, bekräftigte Schnieder in Singen, wo er auf Einladung der örtlichen CDU-Landtagskandidaten Christian Stetter (Singen) und Andrea Gnann (Konstanz) den Bahnhof besuchte. Eine „Schicksalsfrage für unsere Region“ nannte CDU-Kandidat Stetter die Leistungsfähigkeit der Gäubahn.
Verbindung zum Stuttgarter Hauptbahnhof soll gekappt werden
Am westlichen Bodensee und entlang der ganzen Trasse, die über Tuttlingen, Spaichingen und Rottweil, Horb und Herrenberg nach Stuttgart führt, sorgen die Pläne der Bahn für gehörigen Unmut. Der Konzern will im Zuge der Bauarbeiten für Stuttgart 21 die Gäubahn-Züge in Stuttgart-Vaihingen enden lassen. Dort müssen Fahrgäste in die Stadtbahn oder Straßenbahn umsteigen, um ins Zentrum der Landeshauptstadt zu gelangen. Erst wenn der Pfaffensteigtunnel fertig ist, werden die Züge wieder durchgehend bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof fahren – durch den Tunnel rollen sie dann über den Flugbahn-Fernbahnhof zum neuen Tiefbahnhof.
Wie lang die Zeitspanne zwischen Kappung der bisherigen Verbindung in Vaihingen und der Inbetriebnahme des Pfaffensteigtunnels ist, ist offen. Kritiker des Pfaffensteigtunnels, von denen viele aus dem Lager der S21-Gegner kommen, werfen der Bahn vor, den betrieblichen Nutzen des Tunnels künstlich schöngerechnet zu haben. Sie ziehen auch in Zweifel, ob eine Kappung in Vaihingen wirklich notwendig ist.
Wenn es nicht anders geht, dann muss die Unterbrechung so kurz wie möglich sein.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder
„Wenn es nicht anders geht, dann muss die Unterbrechung so kurz wie möglich sein“, versprach Schnieder in Singen. So fordert es auch die Südwest-CDU in ihrem Wahlprogramm: „Vor Inbetriebnahme von Stuttgart 21“ dürfe es keine Unterbrechung der Gäubahn geben, heißt es da. Da sich der Betriebsstart des Tiefbahnhofs verzögert – die Bahn hat noch kein neues Datum genannt – und der Pfaffensteigtunnel gleichzeitig zügig vorangetrieben wird, könnte sich der Zeitraum, in der eine ganze Region nicht umsteigefrei ans Stuttgarter Zentrum angeschlossen ist, noch verkürzen.
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Im Programm der Grünen heißt es hingegen, die oberirdischen Gleisanlagen müssten so lange betriebsbereit gehalten werden, „bis sich der Betrieb im neuen Tiefbahnhof bewährt hat“. Zwar ist „betriebsbereit“ nicht gleichzusetzen mit „in Betrieb“. Doch weiter schreiben die Grünen: Eine umsteigefreie Anbindung der Gäubahn-Reisenden an den Stuttgarter Hauptbahnhof sei „zu gewährleisten“.
Hintergrund ist, dass die Gäubahn-Züge den Kopfbahnhof in Stuttgart bislang über die sogenannte Panoramabahn erreichen, eine landschaftlich schön gelegene Trasse, die von Süden kommend an den Hängen des Stuttgarter Kessels entlangführt, bevor sie in einem weiten Bogen von Norden den Kopfbahnhof erreicht. Auf dessen Gleisvorfeld will die Stadt Stuttgart aber – eigentlich so schnell wie möglich – das Rosensteinquartier errichten, ein Neubauviertel mit Wohnungen für bis zu 5000 Menschen. Die Gleise müssen dafür weichen.

„Wichtiges Neubauprojekt“: CDU-Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (Mitte, im Gespräch mit dem Konstanzer CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung und Landrat Zeno Danner) sieht im Ausbau der Gäubahn und dem Bau des Pfaffensteigtunnels ein Vorhaben von überregionaler Bedeutung. (Foto: Ulrich Mendelin)
Gegner des Pfaffensteigtunnels fordern aber den Erhalt dieser Zufahrt nach Stuttgart. Nach Ansicht von Frank Distel vom Bündnis Pro Gäubahn, in dem mehrere lokale Initiativen zusammengeschlossen sind, müsste Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) angesichts wegbrechender Gewerbesteuereinnahmen eigentlich dankbar sein, wenn die Landeshauptstadt nicht so schnell für die Entwicklung des neuen Stadtquartiers zahlen muss. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Gleise wirklich abgeräumt werden müssen“, sagt der pensionierte Verkehrsingenieur und Stadtplaner Distel im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Sein Bündnis fordert, die Schienen zumindest so lange liegenzulassen, bis die Gäubahnzüge tatsächlich durch den Pfaffensteigtunnel in den Tiefbahnhof fahren. „Dann wird sich herausstellen, dass die Kapazität im Tiefbahnhof überhaupt nicht ausreicht, und die oberirdischen Gleise müssen sowieso als Ergänzung erhalten bleiben“, ist er überzeugt.
Auch weiter südlich soll gebaut werden
Der Pfaffensteigtunnel ist indes nicht die einzige Baustelle entlang der Gäubahn. Die Strecke ist elektrifiziert, aber nur eingleisig, seit französische Besatzungstruppen nach dem Zweiten Weltkrieg das zweite Gleis als Reparationsleistung abmontiert hatten. Bei Horb gibt es auf etwa fünf Kilometern Länge seit 2024 wieder ein zweites Gleis, der Bau weiterer zweigleisiger Abschnitte ist geplant. Gemeinsam mit dem Pfaffensteigtunnel soll dies die Gäubahn insgesamt leistungsfähiger machen.
Die Planungen für den Ausbau südlich des Pfaffensteigtunnels sind aber noch in einem frühen Stadium. Deswegen drängt Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) Bund und Bahn, insbesondere die Planungen für ein 17 Kilometer langes Teilstück zwischen Sulz und Epfendorf (Landkreis Rottweil) zu beschleunigen. „Mit Blick auf den großen Projektumfang und die beim Bund zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel haben wir dem Bund eine stufenweise Umsetzung vorgeschlagen“, sagt Verkehrsminister Hermann.
Würden die Pläne für zwei Gleise zwischen Sulz und Epfendorf vorgezogen, hätte dies nach Hermanns Überzeugung schnell konkrete Vorteile für Reisende. Statt alle zwei Stunden wie derzeit, könnte dann wieder stündlich ein schneller Fernzug zwischen Stuttgart und Zürich verkehren. Und im Regionalverkehr könnte es einen stündlichen Metropolexpress (MEX) zwischen Stuttgart und Villingen geben, was andernfalls nur mit einem „umfangreichen Ausbau“ bei Schwenningen möglich wäre.
Bundesverkehrsminister Schnieder äußerte sich in Singen zu solchen Vorstellungen nur allgemein. „Alles, was der Beschleunigung dient, soll man machen.“