Fast möchte man fragen, welche denn nun Paula Modersohn-Becker auf den aneinandergereihten Selbstportraits ist. Denn in jedem der vier Bildnisse begegnet man einer anderen Frau. Ein Facettenreichtum der Persönlichkeit, der sich darin widerspiegelt – wie man ihn zum Auftakt der Schau im Albertinum in Dresden ebenfalls bei den künstlerischen Selbstbetrachtungen Edvard Munchs findet. Etwa in einer Lithografie von 1895, auf der das Gesicht des damals 32-jährigen Künstlers aus dem dunklen Hintergrund hervorleuchtet.  

Kunstsammlungen zeigen mehr als Selbstportraits

„Da reicht es von einem fast grabsteinartigen Schwarzweißportrait bis hin zu einem lebensfreudigen Selbstbildnis unter blauen Himmel in bester Sommerbräune“, beschreibt Kunsthistoriker Andreas Dehmer. „Das zeigt schon mal, dass beide Künstler auch sehr stark im Leben standen und das sich auch in solchen Selbstportraits spiegeln kann.“

Dehmer hat die Ausstellung gemeinsam mit Konservatorin Birgit Dalbajewa kuratiert. Ihr Leitmotiv war dabei das Leben selbst, beziehungsweise Leben als Diskursbegriff. Der hatte um 1900 Hochkonjunktur, als es darum ging, gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen und mit ihnen zu brechen.

Damals seien es Leerstellen gewesen, die Künstler bewegt hätten, erklärt Dalbajewa: „Die waren zu füllen mit einer neuen Verortung: Wie definieren wir uns als Menschen im Verhältnis zu den wachsenden Städten, zur Industrie, zum Landleben, auch die Geschlechter untereinander“. Paula Modersohn-Becker und Munch hätten jeder auf ganz unverwechselbare Weise Antworten auf diese Fragen gefunden: „Je näher wir hingeschaut haben, desto interessanter wurde das.“

Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker im Dialog

Das Leben in seiner Vielfalt – Werden, Sein und Vergehen – sind die zentralen Gedanken in der künstlerischen Auseinandersetzung beider. Diese inhaltliche Nähe zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung, etwa wenn es um Kindheit geht. Munchs farbig expressive „Vier Mädchen am Åsgårdstrand“ sind dabei gegenübergestellt dem „Mädchen im Birkenwald mit Katze“, in von Paula Modersohn-Becker fein aufeinander abgestimmten Brauntönen.

Lebensnah und berührend wirken auch Modersohn-Beckers Gemälde von Müttern mit Säuglingen auf dem Arm. Für Birgit Dalbajewa Bilder von großer Würde und Ausstrahlung: „Von Frauen, die keine Madonnen sind, die nicht süßlich sind, nicht schön sind in diesem herkömmlichen, stereotypen Sinne, sondern deren Schönheit sie ganz anders beobachtet.“

Unter Themen wie „Der nackte Mensch“ oder „Jugend und Alter“ entspinnt sich im Weiteren ein Dialog, illustriert mit Ikonen, wie Modersohn-Beckers „Selbstportrait als stehender Akt“ von 1905 und „Das kranke Kind“ von Edvard Munch. Letzteres erinnert gleichzeitig daran, dass dieses Werk, oder besser eine frühere Version davon, einmal Bestandteil der Dresdner Sammlungen gewesen ist. Gleiches gilt auch für das Monumentalgemälde „Das Leben“, welches 1937 von den Nationalsozialisten als entartet diffamiertund verkauft wurde. Heute hängt es im Osloer Rathaus.

Stadt Dresden spielte in beiden Leben große Rolle

Aber auch in den Leben beider Künstler spielte Dresden, damals ein Zentrum der Moderne, eine wichtige Rolle. Munch war mehrmals in der Stadt, stellte hier aus. Paula Modersohn-Becker wiederum wurde 1876 in Dresden geboren und kehrte, als sie dann in Bremen und später in Worpswede lebte, immer wieder zurück.

Modersohn-Becker habe sich intensiv mit den Sammlungen der Stadt auseinandergesetzt, erklärt Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums. „Wir sehen den Bezug zu Cranach bei dem ‚Selbstportrait als Akt‘, wir sehen ihn zu den Mumienmasken, bei Künstlern wie Gaugin.“ Es mache große Freude, Modersohn-Beckers Arbeiten diesen Objekten gegenüber zu stellen.

Das Finale der Schau wird von Edvard Munch bestritten – mit hochkarätigen Leihgaben seiner Werke aus dem Munch-Museums, darunter „Der Vampir“, auf dem sich eine rothaarige Frau über den Nacken eines verzweifelt wirkenden Mannes beugt. Der ursprüngliche Titel war „Liebe und Schmerz“ – noch eine dieser großen Fragen des Lebens – die letztlich heute noch dieselben sind, wie zu Zeiten von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch.

Quellen: MDR KULTUR (Grit Krause)
redaktionelle Bearbeitung: az