„Lidl“ war das Schlagwort der 68er-Jahre, bewusst kindlich-naiv und dadaesk, gerade recht für Aktionen, in denen sich Satire und Politik verquickten. Geburtshelfer in Düsseldorf waren Chris Reinecke und Jörg Immendorff, von 1965 bis 1971 ein ungleiches Paar. Die neun Jahre Ältere hatte in Paris und seit 1961 in Düsseldorf bei Karl Otto Götz und Gerhard Hoehme studiert und besaß als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes ein schönes Zimmer. Der 20-Jährige war Probestudent beim Bühnenbildner Teo Otto und lebte im Männerheim. „Ein Junge allein mit so vielen Männern, das ging doch nicht“, sagte sie sich und nahm ihn auf.
Anfangs kämpften sie als Duo für eine gesellschaftliche Veränderung durch Kunst, für die „Mietersolidarität“ und im „Büro Olympia“ gegen den subventionierten Hochleistungssport, generell gegen den konservativen Geist des deutschen Michel. Aber Jörgs Auftritte waren fotogen. Der „Lidl-Klotz“ in den Nationalfarben am Bein, mit dem er Anfang 1968 vor dem Bundestag in Bonn auftauchte, ist heute die Ikone der 68er-Jahre. Er eroberte mit aktuellen Protesten und bleibenden Bildern die Kunstszene. Sie begnügte sich damit, eine der ersten deutschen Aktionskünstlerinnen zu sein, begann erst Ende der 1970er-Jahre zu malen und arbeitete bis zum Rentenalter als Lehrerin. Erst in den letzten 30 Jahren baute sich die heute 79-Jährige ihr eigenes großes Werk auf. Nun werden Beispiele bei Beck & Eggeling gezeigt, während ihr Frühwerk in der Ausstellung „Grund und Boden“ in K21 zu sehen ist.
Das Alterswerk ist nicht frech und bunt wie das ihres verstorbenen Ex-Mannes. Der Lidl-Geist ist verschwunden, nur eine zarte Ärmlichkeit, eine Arte Povera voller Empathie ist geblieben. Sie versucht nicht mehr, denn Männern das Häkeln und den Frauen das Löten beizubringen. Sie blickt von ihrem Studio-Fenster auf die Welt. In ihrem „Zeit-Block“ aus durchlässigen Papiercollagen vom Ende der 90er-Jahre liebt sie visuelle Assoziationen, Notizen und Erinnerungsfetzen. Sie sieht die Hafenstadt Klaipeda vor sich, das deutsche Memel, wo sie nie gewesen ist, aber lässt einen Reisebus auf einer einsamen Straße in einer Zeichnung Richtung Litauen fahren. „Wir aus dem Westen fahren schon mal nach Utrecht oder Paris, auch nach New York oder Indien, aber niemals nach Klaipeda“, schreibt sie dazu.
Kleine Episoden lässt sie auf ihren Text-Bildern anklingen: „Eine Frau steht an der Haltestelle und raucht eine Zigarette. Die Bahn rollt heran und die Frau steigt in die Bahn und wirft die brennende Zigarette nach draußen.“ Sie beobachtet und entdeckt, skizziert oder kritzelt mit Bleistift, Tinte oder Buntstift ihre Notizen auf Kartonpapier und begleitet das Gesehene wie ein filmisches Stopp and Go mit Bildchen etwa vom Flugzeug, dem mehrere Flugzeuge auf der Landebahn folgen.
Heute verzichtet sie auf die Sprache im Bild und präsentiert rhythmische Folgen in Farbe. Sie addiert farbig bemalte Papierstreifen, schiebt sie ineinander, als wolle sie einen Farbteppich weben und addiert die Teile zu großen, fast schon lebensfrohen Collagen. Der Heiligenschein in den Bildern, den sie stets verneinte, schleicht sich nun ein. Ihre Papierobjekte sind zeitlos. Die alte Kämpferin lässt locker, wohl wissend, dass Kunst die Gesellschaft nicht verändern kann. Inzwischen ordnet sie ihr Erbe. Reiche Geschenke gehen an den Kunstpalast, der einst unter Stephan von Wiese für ihre Wiederentdeckung sorgte, ans Museum Ludwig in Köln und nach Antwerpen.
Info Chris Reinicke wurde 1936 in Potsdam geboren und lebt seit 1951 in Düsseldorf. Ihre Schau bei Beck & Eggeling, Bilker Straße 4-6, läuft bis 28. Februar, Mi.-Fr. 10-13 und 14-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr.