
AUDIO: Lessingtage: Polleschs finales Theaterexperiment geht unter die Haut (3 Min)
Stand: 11.02.2026 19:00 Uhr
Vor zwei Jahren ist der Autor und Regisseur René Pollesch überraschend gestorben. Jetzt ist sein letztes Stück „Ja nichts ist ok“ in Hamburg als Gastspiel von der Berliner Volksbühne zu sehen, bei den Lessingtagen im Thalia Theater.
„Bei mir ist es schlicht und ergreifend Neugierde. Ich hab es in der Zeitung gelesen und gesehen, dass es noch ein paar Tickets gab. Dann habe ich sofort zwei Tickets geholt und sie angerufen, ob sie mitkommt“, erzählt eine Besucherin im Eingangsfoyer des Thalia Theaters. Sie ist mit einer Freundin gekommen, die erklärter Pollesch-Fan ist: „Er setzt es emotional ganz toll um, und das ganz konkret in Situationen, die einem vertraut sind. Ich finde das total politisch und gefühlvoll, mir macht das Spaß!“ Beide freuen sich riesig, noch eine Karte des ausverkauften Gastspiels aus Berlin ergattert zu haben.
Was sie hergelockt hat: der Ruf dieses einmaligen Künstlers, des vor zwei Jahren gestorbenen René Pollesch, der das Theater für seine Fans fast ein bisschen neu erfunden hat. Sein letztes Stück ist ein Solo mit dem bekannten Schauspieler Fabian Hinrichs, der den Abend mitentwickelt hat. Nur zwei Wochen nach der Premiere damals ist Pollesch gestorben; offizielle Gründe für den Tod gab es nicht.

René Pollesch war einer der großen Dramatiker der deutschen Theaterszene. Auch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszenierte er viele Stücke.
Ungewohnt langsam: Warum dieses Pollesch-Stück ganz anders wirkt
Fabian Hinrichs steht da, in Schlabberhose, T-Shirt, barfuß, Mikro in der Hand. Die Bühne? Eine Bruchbude. Alte Sessel, Klamottenberge, abbruchreife Holzwände. Links davon erhebt sich ein Haufen schwerer Steine, natürlich nicht echt: Optisch trifft da etwas Uraltes auf uns, auf heute. Die Sprache scheint aus ruhigen Sprachbrocken zu bestehen, ohne dieses typische Pollesch-Sprechtempo, diesen schrägen, überbordenden Humor. Stattdessen tropft hier die Zeit. Der Witz ist leise, fast zart. Das soll er also sein, der allerletzte Pollesch? Zögern im Publikum:
„Wir rätseln gerade, wie es dazu kommt, dass dieses letzte Werk so ein ganz anderes Stück ist“, sagt ein Besucher. Eine weitere Besucherin findet: „Es ist an ganz vielen Punkte genau das Gegenteil von dem, wie ich Pollesch kenne.“
Fabian Hinrichs glänzt als erschöpfter Suchender
Ein Normalo erzählt hier von einer desolaten Vierer-WG, in der laufend über aktuelle Politik gestritten wird, in der nichts funktioniert – bis auf den KI-gesteuerten Kühlschrank.
Fabian Hinrichs schlüpft in die unterschiedlichen Rollen – fast beiläufig, indem er eine Brille aufsetzt und sich einen Pulli über die Schulter wirft. Seine Grundhaltung: Erschöpfung. Kein Drama, keine Effekte – dieser großartige Schauspieler spielt fast nicht, er verkörpert, schlendert suchend über die Bühne.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „Postpopulismus“ durch das Programm am Hamburger Thalia Theater.
„Ja nichts ist ok“: Ein stiller Schwanengesang
Was hier auf der Bühne wie nebenbei verhandelt wird, ist nichts weniger als das Zerfallen von Gemeinschaft, von Gewissheit. Es fühlt sich fast so an, als würde Fabian Hinrichs symbolisch als sein Freund René Pollesch begraben werden.
Einmalig, tieftraurig. Vielleicht kein typischer Pollesch, dafür ein Vermächtnis, ein Abschied. „Viel emotionaler als ich jemals ein Pollesch-Stück gesehen hab“, fasst ein Zuschauer den Abend zusammen.