Autorin und Theaterregisseurin Lena Brasch im Portrait

AUDIO: Lena Brasch inszeniert „Gewässer im Ziplock“ in Hannover (54 Min)

Stand: 16.02.2026 06:00 Uhr

Nach eindrücklichen Inszenierungen vor allem in Berlin bringt Lena Brasch nun „Gewässer im Ziplock“ am Schauspiel Hannover auf die Bühne. In NDR Kultur á la carte spricht sie über das Stück und ihre eigene jüdische Herkunft.

von Katja Weise

Lena Brasch stammt aus Ost-Berlin, hat dort mit furiosen Theaterabenden bereits für viel Freude und Aufsehen gesorgt. „It’s Britney, Bitch“ am Berliner Ensemble ist inzwischen ein Kult-Long-Seller. Ebenso „Brasch – Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht“ am Maxim Gorki Theater. An vielen Theatern in Berlin ist Lena Brasch zuhause. Jetzt inszeniert die Regisseurin zum zweiten Mal in Hannover. Nach dem Sibylle Berg-Monolog „Ein wenig Licht und diese Ruhe“ mit Katja Riemann, steht jetzt „Gewässer im Ziplock“ nach dem Roman von Dana Vowinckel auf dem Spielplan.

Der Roman wurde vom Feuilleton hochgelobt, mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis 2023, außerdem nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024. „Gewässer im Ziplock“ ist eine Familiengeschichte zwischen jüdischer Tradition und deutschem „Gedächtnistheater“, spielt in den USA, Israel und Hannover. Bevor das Theaterstück am 20. Februar in Hannover Premiere feiert, ist Lena Brasch zu Gast in NDR Kultur à la carte und spricht mit Katja Weise über deutsch-jüdische Identitäten, Nachkriegsgeschichte und ihre Regiearbeiten.

Frau Brasch, am 20. Februar hat ihre Inszenierung von „Gewässer im Ziplock“ hier in Hannover am Ballhof 1 Premiere. Im Mittelpunkt dieser Coming-of-Age-Geschichte steht die 15-jährige Margarita, die bei ihrem Vater, einem jüdischen Kantor, in Berlin lebt. Nun reist sie erstmals nach Israel, um dort ihre amerikanische Mutter zu treffen, die sie viele Jahre nicht gesehen hat. Das ist auch eine Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität. Was hat Sie an dieser Geschichte vor allem interessiert?

Lena Brasch: Erst einmal ist das ein wahnsinnig toller Roman, den Dana Vowinkel da geschrieben hat. Es ist, wie Sie schon gesagt haben, eine Coming-of-Age-Geschichte, die mich sowieso immer interessieren. Das Leben von jungen Menschen zwischen den Welten. Ich finde es spannend, sich zwischen den Welten, zwischen den Identitäten zurechtfinden zu müssen.

Es ist natürlich ein Buch über Herkunft oder darüber wo will ich hin, wer bin ich, was bin ich? Ich glaube, das sind Fragen, die viele junge Leute umtreiben. Die Inszenierung ist auch für junge Leute gedacht, für Menschen ab 14, steht im Programm.

Als Kathrin Rose, die Leiterin des Jungen Schauspiels und auch meine Dramaturgin, mich gefragt hat, ob ich das machen würde und ob ich mir vorstellen könnte, für junge Leute zu inszenieren, habe ich gedacht: Ja, das mache ich sowieso. Für mich macht das nicht so einen großen Unterschied, was die Zielgruppe angeht. Ich versuche, Theater für alle zu machen und ich finde auch, dass dieses Buch ein Buch für alle ist. Diese 15-jährige Margarita ist mit ihrer jüdischen Herkunft, mit der jüdischen Kultur und mit dem Glauben aufgewachsen. Aber sie weiß gar nicht so richtig, wie sehr jüdisch bin ich überhaupt, ab wann bin ich richtig jüdisch?

Bin ich Amerikanerin, bin ich Deutsche, bin ich Israelin? Der Vater ist Israeli, der ist Rabbiner in der Synagoge in Berlin und die Mutter Amerikanerin. Dann nach Israel zu kommen und dort diese Mutter zu treffen, die sie schon als kleines Kind verlassen hat, das wirft so viele Fragen auf. Diese Fragen, was bin ich überhaupt, finde ich grundsätzlich interessant. Ich glaube, dafür muss man nicht unbedingt jüdisch sein, um sich mit diesem Buch identifizieren zu können. Das ist eine tolle Grundlage für so einen Abend.

Sie stammen aus einer jüdischen Familie. Hat das Buch deshalb bei Ihnen eine ganz besondere Auseinandersetzung ausgelöst?

Brasch: Ja, auf eine Art schon. Andererseits ist das eine ganz andere Geschichte als meine. Es sind auch ganz andere Fragen, als die Fragen, die ich mir stelle, weil es bei mir, glaube ich, ein bisschen konkreter zu benennen ist. Ich weiß, was an mir jüdisch ist: Jüdisch ist meine Herkunft oder die Herkunft meiner Großeltern oder Urgroßeltern. Man weiß, wo kommt dieses generationsübergreifende Trauma her, was ist passiert, was bedeutet diese deutsche Geschichte oder die jüdische Geschichte für deutsche Juden.

Wie kann sich die Geschichte wiederholen? Wo stehen wir jetzt gerade in diesem Land politisch und wie schnell kann es gehen, dass wir in genau die gleiche Zeit wieder abrutschen, die 1933 beziehungsweise auch schon früher begonnen hat? Das sind die Fragen, mit denen ich mich mit meiner eigenen Identität auseinandersetze. Ich habe das Gefühl, jüdische Stimmen werden jetzt nochmal anders gehört und das will ich natürlich nutzen, um aufzuklären. Gerade wenn man jungen Leuten im Theater erzählt oder beschreibt, so ist es, so war es mal, so könnte es wieder sein. Das sind so viele Themen, die da zusammenlaufen. Ich sehe mich nicht unbedingt als jüdische Regisseurin, aber es gehört natürlich zu mir oder zu meiner Familiengeschichte dazu.

Das Gespräch führte Katja Weise. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespräch können Sie oben auf dieser Seite und in der ARD Audiothek hören.

Eine Frau liegt auf dem Rücken auf einem dampfenden Podest auf der Bühne

Sybille Bergs „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.“ feiert Premiere am Staatstheater Hannover. In der Hauptrolle: Katja Riemann.

Ein Mann redet und gestikuliert mit der Hand. Es ist Intendant Vasco Boenisch.

Unter neuer Intendanz werden auch neue Maßstäbe gesetzt: Das hannoversche Schauspielhaus stellt die Planung 2025/26 vor.

Sina Martens im Portrait

Spielende Frauen auf der Theaterbühne und im Stadion. Sina Martens hinterfragt in „Spielerfrauen“ das System Fußball.

Martin Tingvall am Klavier

In der Sendung „NDR Kultur à la carte“ kommen Menschen zu Wort, die etwas zu sagen haben. Die Gäste stellen sich nicht nur den Fragen, sie bringen auch ihre Lieblingsmusik mit.