
Stand: 18.02.2026 05:00 Uhr
Ben Westphal ist Hamburger Drogenfahnder und erfolgreicher Krimiautor zugleich – tagsüber koordiniert er Rauschgiftermittlungen, abends schreibt er Romane, die so nah an der Realität sind wie kaum andere.
Zwei Leben, kein Rollenspiel
Bei Ben Westphal gibt es keine klare Trennlinie zwischen Beruf und Schreiben. Was er tagsüber erlebt, fließt abends in seine Bücher – nicht eins zu eins, aber spürbar nah dran. Seit rund 20 Jahren arbeitet er im Rauschgift-Dezernat der Hamburger Polizei, meist nicht vorne im Zugriff, sondern dort, wo die Fäden zusammenlaufen. „Es ist nicht wie im Fernsehkrimi, dass einer alleine kämpft“, sagt er. „Wir sind ein großes Team – und meine Aufgabe ist es, die Ermittlungen zu koordinieren.“
Diese Haltung prägt auch seine Romane: weniger Heldentum, mehr Ablauf. Funkgespräche, Beobachtungen, das Warten auf den richtigen Moment. „Man muss immer auf sein Bauchgefühl hören“, sagt Westphal. Wenn der Verstand zu laut werde, sei das selten ein gutes Zeichen.
Stoffe, Zahlen, Realität
Westphal arbeitet nicht im Bereich des klassischen Straßendeals. Sein Metier beginnt dort, wo Mengen in Kilogramm, manchmal in Tonnen gemessen werden. „Wir hatten schon Container aus Kanada oder Thailand, die von vorne bis hinten voll mit Marihuana waren.“ Hamburg sei dafür ein attraktiver Umschlagplatz – und die Dimensionen hätten sich in den letzten Jahren deutlich verändert.
Auch die Stoffe selbst sind andere geworden. Der Wirkstoffgehalt von Cannabis habe sich massiv erhöht. „Früher lagen wir bei sieben, acht Prozent THC. Heute ist selbst die unterste Qualitätsstufe bei über 13 Prozent.“ Ähnlich beim Kokain: Wo früher stark gestreckt wurde, sei heute oft nahezu Originalware im Umlauf. Für Westphal ist das keine abstrakte Statistik, sondern Alltag – und einer der Gründe, warum seine Bücher inzwischen auch dunkler geworden sind.
Warum irgendwann der Mord kam
Westphal begann bewusst mit Krimis ohne Mord. Organisierte Kriminalität, Rauschgift, Strukturen – das reichte. Doch die Realität habe sich verändert. „Die Gewaltspirale hat sich deutlich gedreht“, sagt er. Morddelikte seien inzwischen auch im Kontext von Drogenermittlungen keine Ausnahme mehr. Die Frage sei irgendwann nicht mehr gewesen, ob das in seinen Büchern vorkommt, sondern ob sie noch lebensnah wären, wenn es fehlt.

Auch in der NDR Talkshow konnte Westphal bereits von seinen Erfahrungen als Polizist und Autor erzählen.
Dabei bleibt eine klare Grenze: „Das Einzige, was wirklich immer fiktiv ist, das sind die Verbrecher.“ Kollegen, Typen, Dialoge – vieles speist sich aus dem echten Leben. Täterprofile nicht.
„Bulle“ ist keine Beleidigung

Mittlerweile gibt es sechs Krimis aus der „Bullen-Reihe“.
Alle seine Bücher tragen das Wort „Bulle“ im Titel. Für manche provokant, für Westphal selbstverständlich. „Für einen Bullen ist Bulle doch keine Beleidigung“, zitiert er einen Kollegen. Entscheidend sei der Tonfall – und das Bild dahinter. Seine Hauptfigur Gerd Selig ist ein Ermittler alten Schlags: direkt, manchmal rumpelig, aber mit Haltung. Einer, der nicht loslassen kann, auch wenn er offiziell schon raus ist. Dass pensionierte Kollegen tatsächlich weiter Hinweise geben oder in dubiosen Nebenjobs landen, bestätigt Westphal. „Das ist nicht die Regel, aber es kommt vor.“
Hamburg als Dauerbühne
Westphal kennt Hamburg aus nahezu allen Perspektiven. „Es gibt eigentlich keinen Stadtteil, wo ich nicht schon durchsuchend war.“ Von der besten Wohnlage bis zur letzten Bruchbude. Dieses Stadtwissen prägt seine Bücher – und erklärt, warum sie sich für viele Hamburger vertraut anfühlen, ohne Stadtführer zu sein.
Privat fährt er fast überall mit dem Fahrrad. Oft durch den Ohlsdorfer Friedhof. 2Abends, wenn Nebel aufzieht, hat das schon Krimi-Atmosphäre.“
Nähe ohne Verklärung
Was das Gespräch mit Ben Westphal auszeichnet, ist seine Unaufgeregtheit. Keine Pose, kein Heldennarrativ, kein True-Crime-Pathos. Stattdessen ein nüchterner Blick auf einen Job, der härter geworden ist – und auf das Schreiben als Möglichkeit, Ordnung in diese Erfahrungen zu bringen.
Oder, wie er es selbst formuliert: „Man entwickelt aus vielen Verfahren Erfahrungen – und würfelt sich daraus Geschichten zusammen.“ Genau darin liegt die Stärke seiner Bücher. Und dieses Gesprächs.
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Daniel Kaiser spricht mit Menschen aus der Stadt, die etwas zu erzählen haben.

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