Das ZDF hat im „heute journal“ am Dienstag ordentlich Asche auf sein Haupt gestreut. Umfassend und mit Nachdruck wurde sich dafür entschuldigt, was niemals hätte passieren dürfen: Am vergangenen Sonntag, die Sendung wurde von Dunja Hayali moderiert, wurde in einem Beitrag über Abschiebungen von Minderjährigen durch die US-Einwanderungsbehörde ICE an einer Stelle KI-generiertes Bildmaterial aus dem Netz verwendet. Es zeigt, wie Kinder sich an ihre Mutter klammern. Eine weitere Szene im Beitrag war zwar real, der Vorfall hat aber in einem anderen Kontext im Jahr 2022 stattgefunden.

In einer führenden Sendung des öffentlich-rechtlichen Senders ZDF wurde dem Publikum also eine Wirklichkeit vorgegaukelt, die keine war; es wurden Vorgänge gezeigt, die so schlichtweg nicht passiert sind.

Joachim Huber

Joachim Huber war bis 2024 verantwortlicher Redakteur im Medien-Ressort. Er sagt: Das ZDF muss jetzt mit tadellosem Journalismus seinen Ruf wieder herstellen.

Zuerst räumte der Sender ein, dass die KI-Bilder hätten gekennzeichnet werden müssen, und schob den Fehler auf „technische Gründe“. Erst am Dienstagabend entschuldigte sich der Sender dann ausdrücklich im „heute journal“: Die stellvertretende Chefredakteurin Anne Gellinek räumte ein, dass die Bilder gar nicht hätten verwendet werden dürfen.

Als „ungeschickt“ darf man den Vorfall nicht bezeichnen, denn das klingt nach „kann passieren“. KI-generierte Bilder haben in einer Nachrichtensendung nichts zu suchen. Der Zuschauer muss sich zu hundert Prozent darauf verlassen können, dass das, was ihm vorgeführt wird, auch tatsächlich geschehen ist.

Wenn diese Grundannahme nicht mehr stimmt, ist das Grundvertrauen in Nachrichten zerstört. Das ZDF jedenfalls kann nicht zur Tagesordnung übergehen, es muss seine KI-Richtlinien so nachschärfen, dass Realität auch Realität bleibt und nicht künstlich hergestellt wird.

Wer da die falsche Tür öffnet, der bekommt sie nicht mehr zu und hat einen Gast hereingebeten, den er nicht wollen kann: das Misstrauen des Publikums. Warum soll ich die ZDF-Nachrichten einschalten, wenn da gezaubert und getrickst wird?

Solch ein Fehler versendet sich nicht

Der empörende Vorfall illustriert einmal mehr, in welcher Weise KI zur Gefahr für Wahrheit und Wirklichkeit werden kann. Der Beitrag im „heute-journal“ am Sonntag hat das Vorgehen der ICE-Hooligans mutmaßlich noch abscheulicher dargestellt, als es ohnehin ist.

Die ZDF-Nachrichtenredaktion hat sich am wichtigsten Gut des Journalismus – der Glaubwürdigkeit – versündigt. Eine bloße Entschuldigung inklusive Richtigstellung reicht da nicht.

Joachim Huber

Aber es ist nicht Aufgabe einer Nachrichtensendung, das Publikum in einer manipulierten Manier auf Missstände hinzuweisen. Wer das tut, der unterschätzt das Publikum – oder will ihm für eine größere Wirkung bewusst Fake News unterjubeln.

Lesermeinungen zum Artikel

„Die Verwendung von KI-generiertem oder verfälschtem Bildmaterial im ÖRR ist nicht hinnehmbar und muss zu Konsequenzen für die Verantwortlichen führen. Gerade der ÖRR muss penibel darauf achten, nur mit geprüften Bild- und Textmaterialien zu arbeiten und diese nach genauer Prüfung zu veröffentlichen. Es ist sonst nur Wasser auf die Mühlen der stets mit solchen unlauteren Mitteln arbeitenden Presseorgane […].“

Sie möchten darauf antworten? Hier gelangen Sie direkt zur Diskussion mit Tagesspiegel-Nutzer/in Enix98

Die ZDF-Nachrichtenredaktion hat sich am wichtigsten Gut des Journalismus – der Glaubwürdigkeit – versündigt. Eine bloße Entschuldigung inklusive Richtigstellung reicht da nicht. Das Aufsichtsgremium des Senders, der Fernsehrat, muss sich kritisch damit beschäftigen, Intendant Norbert Himmler muss glasklare Handlungsanweisungen für alle Entscheidungsebenen formulieren.

Mehr zu KIDie neue künstliche Wirklichkeit Wie KI unsere Wahrnehmung von Bildern beeinflusst Die EU erklärt TikTok offiziell zum Problem Wissen Social-Media-Firmen, was sie anrichten können? Fünf Alternativen zu ChatGPT In welchen Bereichen Le Chat, Claude und Co. den meistgenutzten KI-Chatbot übertreffen

Die Verantwortlichen werden doch nicht annehmen wollen, dass sich dieser Fehler schlichtweg versendet? Wer die Reaktionen der Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von „Nius“ bis „Welt“ registriert, der weiß, dass da kein Vergeben, kein Vergessen drin ist.

Es ist jetzt am und nur am ZDF, mit tadellosem Journalismus, der die Wirklichkeit darstellt und nicht herstellt, an der Wiederherstellung seines Rufes zu arbeiten. Ein betrogenes Publikum ist in Zeiten wachsenden Zweifels an Richtig und Falsch mit KI-Geschwindigkeit verloren.