„Die größten Marktbewegungen werden häufig durch unerwartete Ereignisse verursacht. Viele davon lassen sich jedoch mit etwas Aufwand vorhersagen. Das könnte sich vor allem im Jahr 2026 auszahlen, in dem Politik, Kapitalflüsse, Technologien und Finanzrisiken gemeinsam im Umbruch sind.“
Das schreiben die Analysten der BNP Paribas in ihrem neuesten Bericht über Extremrisiken mit dem Titel „Tail Risks 2026: BNP Paribas grey-swan analysis“. Darin beleuchten die Experten zehn „graue Schwäne“, die Anleger in diesem Jahr auf dem Schirm haben sollten.
An der Börse stehen „graue Schwäne“ für Risiken, die nicht ganz so überraschend auftreten wie „schwarze Schwäne“, da sie bereits bekannt sind. Dennoch haben es diese Extremrisiken (engl. Tail Risks) in sich und sollten deshalb nicht unterschätzt werden.
„Tail-Risiken sind gerade deshalb schwer zu handhaben, weil sie so unwahrscheinlich erscheinen. Sie sind nicht Teil der Basisszenarien, mit denen sich die meisten Menschen hauptsächlich beschäftigen“, erklärt Viktor Hjort, Global Head of Credit 360 and Equity Derivatives Strategy bei der BNP Paribas. Außerdem würden „graue Schwäne” in der Regel eine überproportionale Wirkung entfalten, weil sie doch meist überraschend kommen und nur wenige Anleger darauf vorbereitet sind oder sich darauf eingestellt haben, so Hjort.
Um von den „Grauen Schwäne“ für 2026 nicht eiskalt überrascht zu werden, hat die BNP Paribas untersucht, welche Ereignisse die jeweiligen Risiken auslösen würden und welche Vermögenswerte diesen am stärksten ausgesetzt sind. Die analysierten Ereignisse können sich dabei sowohl positiv als auch negativ auswirken, auf entwickelte Märkte oder aber auf Schwellenländermärkte beschränkt sein. „KeinKeines Szenarien entspricht aber unserer Basisprognose“, betont Hjort.
Die „Magnificent Seven“-Aktien machen etwa ein Drittel der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus. Sollten sich die massiven Investitionen der großen Unternehmen in künstliche Intelligenz nicht auszahlen und die Gewinnschätzungen der Analysten deutlich verfehlen, dürfte das einen Ausverkauf bei US-Aktien auslösen – ähnlich wie beim Platzen der Dotcom-Blase.
Renditen von US-Staatsanleihen über 6 Prozent
US-Bonds gelten weltweit als „risikofreier“ Vermögenswert. Sollten Anleger den fiskalpolitischen Kurs der USA, also die aktuelle Schuldenorgie, als nicht mehr nachhaltig bewerten, könnten US-Staatsanleihen ihren Status verlieren. Die Folge wäre ein deutlicher Anstieg der Renditen („Liz-Truss-Moment“), der sich auf alle Anlageklassen negativ auswirken würde – insbesondere aber auf risikoreiche Assets.
Ausfälle bei privaten Firmenkrediten
Der Markt für private Kredite an Unternehmen ist rasant gewachsen. Das Problem: Diese werden gern an Firmen mit niedriger Bonität vergeben, von denen viele aus dem Technologiesektor stammen. Kommt es dort zu Verwerfungen, so wie aktuell bei Softwareunternehmen, könnten diese in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Folge wären hohe Ausfälle am privaten Kreditmarkt.
US-Notenbank verliert Unabhängigkeit
Personalwechsel, unerbittliche Kritik aus dem Weißen Haus und eine begrenzte Unterstützung durch den US-Kongress schwächen die Fed. Schwache Umfragewerte vor den Zwischenwahlen (Midterms) führen dazu, dass die Zentralbanker dem Wunsch aus Washington nach starken Zinssenkungen und einer lockeren Geldpolitik nachkommen. Dadurch steigen die Inflationserwartungen, der Dollar schwächelt und die Renditekurve wird steiler.
KI führt zu Produktivitätsboom
Die riesigen Investitionen in KI-Rechenzentren führen dazu, dass die Produktivitätsgewinne weltweit deutlich schneller eintreten als gedacht. Unternehmen investieren dadurch noch stärker in KI-Projekte. Da diese vor allem in den USA ihren Sitz haben, schießt das Wirtschaftswachstum in den USA – bei moderater Inflation – förmlich in die Höhe. Entsprechend ziehen die Aktienkurse weiter an und die US-Zinskurve wird steiler.
Japanische Anleger kaufen keine internationalen Anleihen mehr
In Japan führen steigende Renditen bei heimischen Anleihen und staatliche Förderprogramme dazu, dass Anleger vor Ort ihre Vorliebe für ausländische Bonds, allen voran aus den USA, aufgeben und umschichten. Folge: Sowohl die Renditen von US-Staatsanleihen als auch von US-Unternehmensanleihen ziehen spürbar an – was die Schuldenproblematik in den USA verstärken dürfte.
Zusammenbruch der Bundesregierung
Aufgrund der gestiegenen Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben preisen die Märkte einen Wachstumsschub in Deutschland und der Eurozone ein. Nachdem die AfD im September jedoch erstmals eine Landesregierung stellt, scheitert die Abstimmung über die Rentenreform. Dies löst ein Misstrauensvotum aus, das zum Zusammenbruch der Regierung führt und den Dax sowie Euro-Stoxx-50 um etwa 15 Prozent einbrechen lässt.
Die USA verlassen den IWF
Vor den Zwischenwahlen (Midterms) will die US-Regierung politisch punkten und verspricht unter anderem, die bisherigen IWF-Mittel von 177 bis 190 Milliarden Dollar unter den Steuerzahlern aufzuteilen. Aufgrund gescheiterter Verhandlungen über Reformen beim IWF beschließen die USA letztlich, aus dem IWF auszutreten, wodurch dessen „Feuerkraft“ stark verringert wird. Darunter könnte vor allem die Finanzierung des Klimaschutzes leiden.
FOCUS MONEY Finance Briefing
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Politischer Wandel führt zu einem „Minihaushalt 2.0“
Das schlechte Abschneiden der Labour-Partei bei den Wahlen am 7. Mai oder Streitigkeiten innerhalb der Partei lösen eine Regierungskrise aus und führen zu vorgezogenen Neuwahlen, die zu einer Schwächung der steuerlichen Verantwortung führen. Dies könnte zu einem neuen „Liz-Truss-Moment“ führen, der die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen wieder spürbar steigen lässt und das britische Pfund schwächt.
„Melt-up“ am chinesischen Aktienmarkt
Ein Mix aus riesigen Spareinlagen chinesischer Privathaushalte (etwa 20 bis 22 Billionen Euro), der Aussicht auf technologische Unabhängigkeit sowie niedrigen Zinsen führt zu einer Liquiditätsflut am chinesischen Aktienmarkt. Davon profitieren vor allem kleine und mittlere Unternehmen, wie sie im CSI-500-Index zu finden sind. Grund: Die Firmen sind stark in den Bereichen Industrie, Informationstechnologie und Werkstoffproduktion positioniert.