Wenn die Drehbühne kreißt …
22. Februar 2026. Ein Sohn denkt über das Leben seiner Mutter nach, wie gesellschaftliche Verhältnisse ihr zusetzen und ihr Leben prägen. Und auch er selbst, weil er aus diesen Verhältmisse zu entkommen versucht. Jan Friedrich hat den Stoff in einen bildstarken Bühnenessay übersetzt.
Von Steffen Becker

„Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus“ nach dem Romanen von Édouard Louis am Nationaltheater Mannheim (Regie: Jan Friedrich) © Christian Kleiner
22. Februar 2026. Zwei Romane von Édouard Louis über seine Mutter verbindet der Regisseur Jan Friedrich in Mannheim: „Die Freiheit einer Frau“ und „Monique bricht aus“. Der Abend arbeitet mit fünf Édouards. Die Mutter findet statt, wenn einer der fünf Spieler – Rocco Brück, Eddie Irle, Barış Özbük, Paul Simon oder Sandro Šutalosich – sich eine Perücke aufsetzt und sie spielt. Monique, wie ihr Sohn sich Monique erklärt oder besser: sie dem Publikum vorstellt.
Kennt man Édouard Louis‘ Bücher über seine Familie, ist diese Herangehensweise nur konsequent. Ein Junge wächst in ärmlichen Arbeiterverhältnissen auf, entflieht den Demütigungen ins Bürgerliche (unter neuen Schmerzen) und wird mit seinen Romanen erfolgreich zum Reflektor und Erklärer der unteren Millionen für die oberen Zehntausend oder eben: für das Bürgertum. Die Inszenierung macht das transparent durch den Aufbau von zwei Bühnen. Unten stellen sich die Édouards an Mikrofonständer oder sprechen im Schein von Handydisplays oder suchen sich an Kleiderständern die Perücken und Kleider für einen Monique-Auftritt zusammen.
Fataler Kreislauf
Auf einer Drehbühne – eingerahmt durch eine Holzvertäfelung wie man sie sich aus einem in den 1980er Jahren stehen gebliebenen Haushalt imaginiert – wird Moniques Leben vorgeführt. Zu Beginn ein Foto als junge Frau, das sie noch als freien Menschen zeigt – bevor der Kreislauf aus Kindern, Hausfrau-Sein und der Abhängigkeit von gewalttätigen Männer seinen unentrinnbaren Sog entfaltet.
In einem Holzkabuff wird sie vulgär beleidigt von dem neuen Mann, nachdem sie nach zwanzig Jahren den Vater von Édouard Louis verlassen hatte. Auf der Projektion einer Handy-Karte lässt sich ihre Taxi-Flucht von 2020 verfolgen, die ihr Sohn organisiert hat. Die Bühne dreht sich. Monique (alias Eddie Irle mit Perücke) sitzt in seiner Wohnung vor einem Bücherregal und lernt per Videocall, wie man einen Computer bedient. Schnitt: Anhand einer Projektion des PC-Spiels „Die Sims“ zeigt die Inszenierung nun, wie Mutter und Sohn das neue Leben in einem Provinz-Haus einrichten.
Gewalt, immer wieder Gewalt: Paul Simon, Sandro Šutalo und Rocco Brück © Christian Kleiner
Es sind solche Visualisierungen, die den essayistischen Ansatz der Prosa von Édouard Louis stimmig szenisch übersetzen und den Abend zum Ereignis machen. Leicht hätte die Abfolge der inneren Monologe der Bücher in dröges Frontaltheater ausarten können. Die Dramaturgie der Inszenierung bringt dagegen deren Stärken zur Geltung: Wie der Sohn die Scham über die eigene Herkunft reflektiert und die eigene (verbale) Gewalt, die er ihr selbst als Rache angetan hat.
Strampeln im Elend
Auf den Bühnen wird das sichtbar in der Ausstattung mit Rüschenhemden (Kostüm: ebefalls Jan Friedrich), die der jugendliche Édouard womöglich auftragen musste und die es nun abzustreifen gilt; durch Projektionen von TV-Gekrissel, wenn die fünf Édouards über die Stumpfsinnigkeit des dörflichen Alltags sprechen. Und nicht zuletzt durch eine bissige Parodie des Regisseurs Falk Richterdurch den Schauspieler Eddie Irle – Richter hat als erster „Die Freiheit einer Frau“ auf die Bühne gebracht. Irles Parodie nun nimmt die ambivalente und herablassende Faszination des Kunstbetriebs für das Strampeln im Elend aufs Korn.
Stimmige Frauenbilder
Eddie Irle steuert darüber hinaus die Aura eines Machos und die Blitzlichter der Männer in Moniques Leben bei. Auch dass Körperlichkeit bei Edouard Louis eine wichtige Rolle spielt (er beschäftigt sich intensiv mit der Beseitigung der Spuren seiner Herkunft), findet seinen Niederschlag in der Inszenierung. Den größten Raum als Édouards nehmen mit Rocco Brück und Barış Özbük die Schauspieler ein, die dem Typus des Autors (feinsinniger Twink) am nächsten kommen. Sandro Šutalo und Paul Simon verkörpern den größten Teil von Moniques – passend zur eigenen Physiognomie mal in ihrer mütterlichen Trutschigkeit (Šutalo), mal mit dem drahtig-durchgedrückten Rücken einer Frau, die ihr Selbstbewusstsein wiedererlangt hat (Simon). Insofern erweist sich Regisseur Jan Friedrich als der treffende Interpret dieser Frauensaga und ihres Autors Édouard Louis. Wer diesen schätzt, ist ein Abstecher nach Mannheim dringend zu empfehlen.
Die Freiheit einer Frau: Monique bricht aus
Nach Romanen von Édouard Louis
Regie und Kostüm: Jan Friedrich, Video: Nico Parisius, Bühne: Louisa Robin, Licht: Robby Schumann, Musik: Friedrich Byusa Blam, Dramaturgie: Mascha Luttmann
Mit: Rocco Brück, Eddie Irle, Barış Özbük, Paul Simon, Sandro Šutalo
Premiere am 21. Februar 2026
Dauer: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
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