Blümel ist stolz auf sich, auf seine Leistungen und darauf, seine Scham überwunden zu haben. Denn die, sagt er, sei das Schlimmste. Man fühle sich klein, ausgeschlossen von der Welt, von der Gesellschaft. Früher habe er sich bei allem Schriftlichen entweder Hilfe geholt oder Ausreden gefunden. Dafür habe oft die vermeintlich fehlende Brille herhalten müssen.

Teilhabe ohne lesen und schreiben nur schwer möglich

Heute liest der Senior Straßenschilder, Infotafeln in der Straßenbahn oder kürzere Texte. Die bringt Lehrer Dr. Wolfgang Allert mit und legt großen Wert auf lebensnahe Themen – angelehnt an den Jahreslauf – Weihnachten, Neujahr, Fasching, oder an aktuelle Themen – Streik, Schnee, Olympische Spiele. Allert unterstreicht, dass „seine“ erwachsenen Schüler hochmotiviert sind, um den Stress des späten Lernens in Kauf nehmen. Und „seine“ Schüler schätzten auch die Geduld der Lehrer – so wie Herbert Blümel. Das kannte er aus seiner Schulzeit so nicht, sagt er und weiter: „Andere Zeiten halt“.

Das Lernen im Grundbildungszentrum beschränkt sich aber nicht nur aufs Lesen und Schreiben. Es geht auch um Gesundheit, Politik, Finanzen, Digitalisierung. Denn ohne lesen und schreiben zu können, erwiesen sich die Steuererklärung oder Onlinebanking als kaum überwindbare Hürden, so der Leiter des Grundbildungszentrums Halle, Arnfried Gläser.

Laut Gläser beeinflusst geringe Grundbildung die Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben und die eigenständige Lebensweise. Laut einer Studie von 2018 leben nach damaligem Stand in Halle und im Saalekreis zwischen 45.000 und 50.000 Menschen, die über zu wenig Lese- und Schreibkompetenzen verfügen.