MDR KULTUR: Welche Rolle würden Sie, Herr Kestel, Erich Loest in der gewesenen Bundesrepublik zumessen? Welche Rolle hat er da gespielt in der alten BRD?
Hans-Hermann Kestel: Meines Erachtens ist Erich Loest in der Bundesrepublik überhaupt erst bekannt geworden im Jahr 1978 durch den Roman „Es geht seinen Gang“. Der ist nämlich gleichzeitig in Halle erschienen, beim Mitteldeutschen Verlag, und bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. Und wenn Sie in „Kindlers Literatur Lexikon“ hineinschauen – ich habe mir heute auch noch einmal den alten Kindler aus dem Jahr 1972 angeschaut, da kommt Erich Loest überhaupt noch nicht vor. Und in dem neuen Kindler aus dem Jahr 1995, da ist er drin und zwar als erstes mit „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“.
Und ab da hat wohl auch die Rezeption durch das Feuilleton eingesetzt, das war natürlich dann die „Frankfurter Rundschau“, die „Frankfurter Allgemeine“, es war „Die Zeit“, es war die „Süddeutsche“ – alle prominenten Zeitungen haben sich dann um Erich Loest gekümmert.
Heute wissen wir, Erich Loest läuft so unter dem Etikett „Realist“. Dieser Begriff ist nicht immer positiv konnotiert – er impliziert sozusagen: naja, tolle Beschreibung, aber literarisch, ästhetisch jetzt nicht wirklich ganz weit vorne. Was würden Sie entgegnen?
Ich würde als erstes dazu sagen, dass ästhetische Urteile gefällt werden auf der Basis unzureichender ästhetischer Wahrnehmungen. Die Herren und Damen, die Erich Loest ästhetisch abwerten, die lassen sich sozusagen durch die schlichte Oberflächenstruktur seiner Texte irgendwie blenden. Man muss tiefer graben, dann kommt man auf hochkomplexe, motivisch-thematische Tiefenstrukturen. Das habe ich exemplarisch nachgewiesen an „Der elfte Mann“, der für mich sowieso der Achsentext im Werk Erich Loests ist.
„Der elfte Mann“, 1969 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, ist der 21-jährige Jürgen Holstein, die Kombination aus Fußballtalent und Mathe-Physik-Genie, und der gerät in einen Zwiespalt, in einen Konflikt, was er nun werden soll – Nationalspieler oder Wissenschaftskader.
Das ist allerdings nur die Oberfläche. Wenn Sie tiefer graben, dann werden Sie feststellen, dass dieser Jürgen Holstein ja der erste problematische Held ist eigentlich im Werk Erich Loests. Er ist kein positiver Held mehr. Er fühlt sich eigentlich fraglos als Genosse, aber er hat ein massives Subjekt-Objekt-Problem. Die DDR ist für ihn ein tristes, graues, ewig-herbstliches Land und er sehnt sich hinaus. Sein erster Sehnsuchtsort ist Bulgarien – und da haben Sie ein Riesen-Leitmotiv drin, nämlich die Sonne Bulgariens. Ich kann jetzt nicht in die Details gehen, aber es erinnert fast an die Mignon in Goethes „Wilhelm Meister“. Dieser Konflikt, der Fußballer-Physiker, das ist im Grunde genommen nur Oberfläche. Das ist das Vehikel für die Handlung – die essenziellen Themen liegen viel tiefer.
Wer noch nie etwas gelesen hat von Erich Loest, was empfehlen Sie für Einsteiger, für Einsteige-Willige?
Für Einsteige-Willige würde ich tatsächlich den Roman „Nikolaikirche“ empfehlen. Also es ist zunächst einmal natürlich ein großes historisches Thema. Erich Loest wird sofort in Verbindung gebracht mit „Nikolaikirche“, das wäre der zweite Grund. Und der dritte: „Nikolaikirche“ ist ein Remedium gegen die Ostalgie.
Und ein Denkmal für die Friedliche Revolution.
Das sowieso, natürlich. Er hat ein großes historisches Thema. Es gibt nur einen Loest-Roman, der ein noch umfassenderes historisches Thema hat, das ist „Völkerschlachtdenkmal“. Das ist meiner Meinung nach für den Einstieg schlicht und einfach zu komplex. Da muss man mehr wissen.