Restaurantsterben als Anzeichen für Wirtschaftsprobleme

Derzeit gehe Russland von einer wirtschaftlichen Stagnation in eine Rezession über, sagt der Experte. Vermehrte Schließungen in der Gastronomie seien ein Symptom der verschlechterten Wirtschaftslage. „Was mit Kleinunternehmern geschieht, passiert auch in allen anderen Bereichen — nur wird es hier sichtbar“, sagt Milow. „Die Menschen sehen, dass Restaurants und Geschäfte dicht machen. Was sich dagegen in den Bilanzen großer Unternehmen abspielt, bleibt ihnen verborgen. Doch dort geschieht im Grunde dasselbe.“

Darüber hinaus stehen Unternehmer vor einer neuen Herausforderung. Die russische Regierung versucht, das Haushaltsdefizit mit höheren Einnahmen zu kompensieren: Innerhalb eines Jahres erhöhte die Staatsführung zwei Mal die Steuern. Die jüngste Erhöhung trat am dem 1. Januar 2026 in Kraft und betrifft die Mehrwertsteuer, die von 20 auf 22 Prozent angehoben wurde.

Zugleich wurde die Umsatzgrenze für die Steuerpflicht gesenkt. Aber selbst in Lokalen, die unter bestimmten Voraussetzungen von der Zahlung dieser Steuer befreit sind, führt das zum Anstieg der Steuerbelastung. Schließlich werde der erhöhte Mehrwertsteuersatz entlang der Lieferkette über die Einkaufspreise für Lebensmittel weitergegeben, erklärt Daniil Goldman. Wenn dann auch noch die gesamten Betriebskosten ansteigen, könnten viele Lokale unrentabel werden. „Der Staat erhöht die Steuern und verteilt die Mittel über den Haushalt um, doch das führt nicht zu Wachstum, sondern verschärft die Stagnation der Unternehmen“, sagt Wladimir Milow.

Ein Bäcker kritisiert Putins Wirtschaftspolitik

Wegen der aktuellen Steuerreform erwägen laut einer Umfrage im Auftrag der russischen Bank Tochka 15 Prozent der Unternehmer sogar, ihr Geschäft aufzugeben. Einer der bekanntesten Fälle offenen Unmuts über die Reform war der Auftritt von Denis Maximow, dem Inhaber einer Bäckerei namens „Maschenka“, in Putins jährlicher Fragestunde im Dezember vergangenen Jahres. Wegen der gestiegenen Steuern befinde sich sein kleines Familiengeschäft in einer schwierigen Lage, sagte der Unternehmer. „Wir blicken ohne Optimismus in die Zukunft. Viele werden schließen oder in die Schattenwirtschaft abgleiten.“

Trotz Putins Zusage, die Sorgen kleiner Unternehmer im Blick zu behalten, meldete sich der Bäcker im Januar wieder zu Wort. Sein öffentlicher Auftritt habe ihm zwar neue Kunden verschafft, ändere jedoch nichts an den Folgen der Reform. Er fürchte weiterhin, schließen zu müssen. Nach der medialen Aufmerksamkeit wurde die Rettung der Bäckerei wohl zu einer Imagefrage für das Regime. Bald nach Maximows abermaliger öffentlicher Kritik, verkündete der Bäcker, dass er nun plane, sein Geschäft auszubauen. „Ich will nicht heucheln. Für mich persönlich gibt es bestimmte Vergünstigungen“, zitiert ihn die russische Zeitung Wedomosti. Die Behörden sollen ihm angeboten haben, zusätzliche Bäckereien an Standorten mit hohem Publikumsverkehr zu eröffnen und die Kosten für Miete sowie die Anschaffung von Ausrüstung über ein lokales Förderprogramm zu kompensieren, berichtet die Zeitung.

Russische Gastrobranche weiter unter Druck

Während Bäcker Maximow von der zusätzlichen Aufmerksamkeit profitiert, bleibt die Situation für die übrigen Unternehmer unverändert. Doch wenn der Mittelstand pleitegehe, führe das wiederum zu geringeren Steuereinnahmen, sagt Ökonom Wladimir Milow. „Natürlich schränkt das die Möglichkeiten ein, den Krieg weiterzuführen und das diktatorische Regime zu stützen. Umso wichtiger ist es, dass die EU ihre Politik fortsetzt, die finanziellen Spielräume Putins zu verringern.“

Daniil Goldman bringt seinen Unternehmergeist mittlerweile im Ausland ein. Er arbeitet derzeit daran, in den USA eine mobile Cocktailbar aufzubauen. Wenn er auf die Bar- und Restaurantszene in Russland schaut, habe er zwei Seelen in der Brust: „Ich bin traurig, weil es eigentlich eine gesellige Branche ist“, sagt er. Auch träfen die Schwierigkeiten alle Gastrounternehmer, unabhängig von ihrer Haltung zum Krieg gegen die Ukraine. Dennoch findet er es richtig, dass Russland die wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges tragen muss.