Das Szenario: Massenentlassungen, eine von KI-Agenten angetriebene Rekordproduktivität und das Ende der Konsumwirtschaft. Keine reale Prognose, sondern ein hypothetisches Szenario, das das Analysehaus Citrini Research in einem Bericht entwirft, der kürzlich viral gegangen ist und Anleger aufgeschreckt hat. An der Wall Street befeuerte der Zukunftsentwurf zum Wochenanfang erneut die Furcht vor massiven Umwälzungen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz – und ließ Software-Aktien abstürzen.

„The 2028 Global Intelligence Crisis“ heißt der Bericht. Citrini nennt es „ein Gedankenexperiment zur Finanzgeschichte aus der Zukunft“. Weil KI-Agenten immer mehr Aufgaben übernehmen, steigt in dem darin entworfenen Szenario die Arbeitslosenquote in den USA im Juni 2028 auf 10,2 Prozent – so hoch war sie in Deutschland zuletzt im Jahr 2006.

Was heute noch 10.000 Büroangestellte in Manhattan erledigen, schaffen dann die Recheneinheiten eines GPU-Clusters in North Dakota. Die Produktivität steigt, der Margendruck auch, Firmen investieren nicht mehr in Angestellte, sondern in noch mehr KI-Leistung.

„Eine neue, fast schon surreale Eskalationsstufe“

„Die Angst vor einer KI-Disruption hat an den US-Börsen gestern eine neue, fast schon surreale Eskalationsstufe erreicht“, beschreibt Stephan Kemper, Investmentstratege bei BNP Paribas, die Entwicklung. Als Auslöser nennt er den Blogpost von Citrini mit mehreren Millionen Aufrufen auf der Plattform X. Die Dynamik an den Märkten habe sich drastisch verschoben, soziale Medien dominierten die Kursverläufe.

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„Wenn ein einzelner Blogpost ausreicht, um branchenübergreifend zweistellige Milliardenbeträge an Marktwert zu vernichten, zeigt das, wie fragil das Vertrauen in traditionelle Geschäftsmodelle geworden ist.“

Der Citrini-Bericht hat bei Kleinanlegern offenbar einen Nerv getroffen und ist viral gegangen. „Der Hinweis war mir bereits Ende letzter Woche rund zehnmal weitergeleitet worden und war in meinen sozialen Medien allgegenwärtig“, erzählt Deutsche Bank-Ökonom Jim Reid.

Mehr Stimmung als Substanz?

„Wie bei Matt Shumers viralem Beitrag ‘Something big is happening’ vor einigen Wochen, der ebenfalls mit erheblichen Aktienverlusten in Verbindung gebracht wurde, stützt sich das Argument stark auf Narrative und Emotionen statt auf harte Belege“. In beiden Fällen sei es mehr um Stimmung als um Substanz gegangen, so Reid. Shumer hatte beschrieben, welchen Quantensprung die jüngsten KI-Modelle von Claude und ChatGPT im Vergleich zu früheren Versionen gemacht haben und wie desaströs dies für manche Branchen sein könnte, etwa für Juristen oder Programmierer.

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Die entworfenen Negativ-Szenarien treffen bei den ohnehin verunsicherten Anlegern auf fruchtbaren Boden. Der US-Software-Index brach am Montag um mehr als vier Prozent ein. Seit Jahresbeginn hat er fast ein Viertel seines Werts verloren. Anleger werfen nicht nur Aktien von Softwarefirmen aus ihren Depots, sondern trennen sich auch von Unternehmen aus Branchen, die anfällig für Automatisierung sind. Die Auswirkungen der KI könnten dem US-Unternehmer Shumer zufolge viel größer sein als die Covid-Krise von 2020, die alles auf den Kopf stellte, von den globalen Lieferketten bis hin zum Schulsystem.

Zwar liegen die globalen Aktienmärkte weiterhin in Reichweite ihrer Rekordstände, doch das verdeckt eine massive Rotation weg von vielen KI-lastigen Unternehmen hin zu defensiven Aktien oder profitablen Bereichen der Lieferkette. „KI ist real … die Divergenz ist real, und der Ausverkauf im Software-Bereich ist sinnvoll, da KI dazu führen wird, dass das Programmieren an Bedeutung verliert“, sagt Christopher Forbes, Leiter für Asien und den Nahen Osten beim Finanzdienstleister CMC Markets. Zu den Gewinnern zählt er Chiphersteller, Rechenzentren und die Energiebranche.

„Ich würde es ernst nehmen, aber nicht wörtlich“

Nach dem Ausverkauf zum Wochenstart beruhigte sich die Stimmung an der Wall Street am Dienstag. Die positiven Auswirkungen der KI auf die Weltwirtschaft würden übersehen, monierten Börsianer. Kritiker werfen dem Citrini-Bericht vor, die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft zu unterschätzen. „Ich würde es ernst nehmen, aber nicht wörtlich“, sagte Nick Ferres, Gründer der Investmentfirma Vantage Point Asset Management.

Der renommierte US-Autor Derek Thompson von „The Atlantic“ warnte ebenfalls vor Panikmache. „Ich möchte, dass die Leute die eigentliche Geschichte dahinter erkennen, nämlich dass die Diskussion über KI ein Marktplatz konkurrierender Science-Fiction-Erzählungen ist“, schrieb er bei X. „Das Maß an Unsicherheit ist so hoch und die Qualität und Verfügbarkeit von Echtzeitinformationen über die makroökonomischen Auswirkungen von KI so dürftig, dass sehr ernsthafte Gespräche über KI oft eher literarischer Natur sind als wirklich analytisch“.

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Die nächste Bewährungsprobe für die Märkte steht bereits vor der Tür: Die Ergebnisse des KI-Vorreiters Nvidia am Mittwoch nach US-Börsenschluss. „Bislang hat der Aktienmarkt in diesem Jahr ein Szenario eingepreist, in dem KI unser Frankenstein-Monster ist“, beschreibt Ed Yardeni von der Beratungsfirma Yardeni Research die Stimmung. „Wir glauben weiter, dass KI die Produktivität der Arbeitnehmer steigert, anstatt sie zu verdrängen.“ (Reuters / jmi)