„Spielen ist mein liebster Zustand“, sagt Lucy Wilke – und beim Brechtfestival in Augsburg spielt sie jetzt das Rotkäppchen. Grimms Märchen, neu erzählt, unter dem Stücktitel „Wolf“: Denn der Wolf hat sich diesmal in das Rotkäppchen verliebt. Er will es haben. Doch es will nichts von ihm, von seiner männlichen, gewaltvollen Art, und macht Schluss mit der toxischen Beziehung. Rotkäppchen? Ist hier eine Frau, jung, blond und wehrhaft. Und sie sitzt im Rollstuhl.

Lucy Wilke, Sängerin, Schauspielerin, Regisseurin und mehr, lebt mit der Diagnose spinale Muskelatrophie. Die Nervenerkrankung schwächt ihre Muskeln immer mehr. Aber muss man das extra zum Thema machen, wenn man über ihre Kunst spricht oder schreibt? Ist die Frage erlaubt, welche Rolle ihre Behinderung auf der Bühne spielt? Will sie vielleicht auch ein Zeichen setzen, das alles möglich ist in der Kunst? Wilke scheint gar keine Angst vor solchen Fragen zu haben: „Ich verstehe inzwischen, dass mein Körper eben politisch gesehen wird“, sagt die 41-Jährige aus München. „Wenn ich behaupte, dass ich keine politische Aussage treffen will, mache ich schon eine in jenem Moment, wenn ich mich auf eine Bühne stelle.“

Lucy Wilke wuchs auf einem Wohnwagenplatz in München auf

Sie träumte schon als Kind vom Leben als Künstlerin – aber fand keine Vorbilder. Kaum ein Mensch im Rollstuhl auf den großen Bühnen, niemand mit derselben Diagnose. „Es gab ja für mich nie eine Blaupause in der Kunst“. sagt Wilke. „Und es gab auch in der Gesellschaft keine Rolle, die für mich vorgesehen waren, außer vielleicht zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und irgendwie versorgt zu sein.“ Kraft für ein anderes Leben fand sie in ihrer Familie. Kindheit auf einem Wohnwagenplatz im Norden von München. Der Vater bildender Künstler, die Mutter Flamenco-Gitaristin, in dieser Freiheit wuchs Wilkes Mut. „Wenn ich etwas unbedingt will, dann ist es heute schwer, mich davon abzubringen.“

Wilke hielt an ihrem Traum fest. Auch wenn von Inklusion damals kaum jemand etwas an den Theatern hören wollte: „Mir blieb ja gar nichts anderes übrig, als die Türen zur Kunst aufzustoßen.“ Zweimal bewarb sie sich an der Filmhochschule in München, Fach Regie. Zweimal sagten sie ihr ab und Wilke konnte nur vermuten, weshalb. Sie kämpfte weiter, erst um Jobs als Regieassistentin. Wieder schlugen ihr Türen ins Gesicht. Aber Wilke hat auf diesem Weg langsam alle Türen geöffnet. Heute arbeitet sie an den Münchner Kammerspielen, ist Bühnenkünstlerin auf allen Spielfeldern.

In Lucy Wilkes Stück „Wolf“ liegen die Gefühle blank

In Wilkes Stück „Wolf“ liegen die Gefühle blank. Der Text berührt auch ihr eigenes Leben, ihre Liebe: „In ‚Wolf‘ spiele ich gemeinsam mit Lotta Ökmen auf der Bühne, die zu dem Zeitpunkt, als wir das Stück entwickelten, meine Partnerin war. Wir haben mit diesem Märchen und dem Thema gespielt. Aber auch mit unserer eigenen Beziehung.“ Immer wieder wird Wilke in der Kunst persönlich, testet Grenzen, macht sich frei. „Ich nähere mich meinen Stoffen zuerst körperlich, sinnlich. Ich habe mich auch viel mit Sexualität in der Kunst beschäftigt.“ Und darüber schreibt sie auch Lieder. Vom Wunsch nach Respekt und Liebe singt sie in einem ihrer Songs, „and sex of course …“. Selbstverständlich auch Sex.

Inklusion, das ist das Motto des Brechtfestivals 2026 in Augsburg. Aber wie weit ist da die Kunstszene schon? „Inklusion war in den letzten Jahren ja fast wie ein Trend in der Kunst. Es gehörte zum guten Ton, dass auch jemand mit Behinderung dabei ist in einer Inszenierung,“ sagt Wilke. Einerseits findet sie das gut, andererseits schwierig. Geht es hier vor allem um Quoten und Symbole? „Ich hatte vor allem anfangs sehr oft das Gefühl, dass sie beim Inklusionskästchen auf der Checklist ein Häkchen machen, wenn sie mich engagieren, und nicht wirklich an meiner künstlerischen Arbeit interessiert sind.“

Lucy Wilke setzt sich ein für das Recht auf Inklusion

Doch die Stimmung dreht sich schon wieder: „Sie wissen, wie sehr jetzt im kulturellen Bereich Gelder gestrichen werden. Und wenn Gelder gestrichen werden, ist immer das Erste, was fällt, die Inklusion.“ Lucy Wilke hat dazu eine klare Haltung. „Diese Kosten-Nutzen-Argumentation erinnert an ganz schlechte Zeiten der Geschichte. Wie viel kostet ein Invalider den gesunden Bürger in einer Woche?“, das mache sie wütend. „Ich hoffe doch wirklich, dass wir darüber hinausgewachsen sind. Aber ich höre jetzt gerade immer öfter diese Argumentation. Wie viel darf jemand Behindertes jetzt kosten?“

Lucy Wilke lächelt trotzdem, wenn sie über ihre eigenen Zukunftspläne spricht. Mit der Brechtfestivalleiterin Sahar Rahimi hat sie zuletzt das Stück „Lulu’s Baby“ entwickelt, an den Münchner Kammerspielen. Wieder ein persönlicher Stoff, wieder ein Thema, das am Tabu kratzt: Frauen mit Behinderung, die einen Kinderwunsch spüren. „Ich hab mich schon in vielen Feldern bewegt, die gesellschaftlich nicht für mich vorgesehen sind“, sagt Wilke. „Aber Mutterschaft ist mit Abstand das Thema, auf das die Menschen am krassesten reagieren.“

Zweimal tritt Lucy Wilke beim Brechtfestival auf

Blind and Lame, so heißt Wilkes Band, in der auch ihre erblindete Mutter mitspielt. Mit dieser Gruppe will sie wieder Lieder veröffentlichen. „Meine Mutter fragt schon die ganze Zeit: Wann machen wir jetzt wieder neue Songs?“ Ja, wann? Sobald es die vielen Rollen der Lucy Wilke zulassen.

Info: Lucy Wilke tritt zweimal beim Brechtfestival auf. Das Stück „Wolf“ wird am Sonntag, 1. März, um 19 Uhr im Abraxas aufgeführt. Außerdem spricht Wilke mit der Autorin Hadija Haruna-Oelker über Zusammenhalt in der Gesellschaft, bei einer Lesung aus Oelkers Buch „Zusammensein“. Dieser Abend findet am Mittwoch, 4. März, um 18.30 Uhr in der Stadtbücherei statt. Infos: www.brechtfestival.de.

  • Veronika Lintner

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