Der historische Alte Schießplatz liegt still und weitgehend unberührt mitten im Haunstetter Wald. Nur einige Sprayer haben die denkmalgeschützten Mauern der Militärgebäude mittlerweile mit ihrer Kunst „verschönert“. Doch hinter den Kulissen wird heftig über die Zukunft des Geländes gerungen. Historiker und Denkmalschützer wollen das Ensemble am liebsten unberührt belassen – wurden hier doch im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter von den Nazis hingerichtet. Das Augsburger Umweltamt möchte die Erdwälle und Gebäude abreißen und das Erdreich weitläufig abtragen, weil giftige Munitionsreste das Trinkwasser bedrohen könnten. Und Naturschützer verweisen auf den Schaden an der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt, den ein solcher Eingriff bedeuten würde.
Seit Jahren gibt es Pläne der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und der Stadt Augsburg, den denkmalgeschützten Bereich zu sanieren. Denn über hundert Jahre militärische Nutzung haben ihre Spuren im Waldboden hinterlassen. Vor allem die schwermetallhaltige Munition, die hier großzügig verschossen wurde, macht den Umweltexperten Sorgen. Die typischen Schadstoffe, insbesondere Blei und Antimon, könnten irgendwann ins Grundwasser gelangen, auch wenn die Messungen der Stadtwerke bislang keine Gefahr feststellen konnten.
Entfernung von Erdwall- und baulichen Anlagen „unumgänglich“
Nach Angaben der Stadt ist die Entfernung von Erdwallanlagen und baulichen Anlagen in den Sanierungsbereichen unumgänglich. Welche Teile konkret betroffen seien, lasse sich erst nach Vorlage und behördlicher Prüfung des neuen Sanierungsplans abschließend sagen. Charakteristische Bauteile wie Wandscheiben oder Geschossfangkammern könnten in den Sanierungsbereichen nicht erhalten werden. Die Maßnahmen erfolgten im Einvernehmen mit den Denkmalbehörden, teilt das Umweltamt auf Anfrage mit. Für die geplanten Aushubarbeiten müsste auch der Bereich großflächig gerodet werden, bestätigt die Stadt.

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Das Abtragen der Erdwälle und der großflächige Aushub könnten rund tausend Lkw-Ladungen durch den Haunstetter Wald bedeuten.
Foto: Anna Kondratenko
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Das Abtragen der Erdwälle und der großflächige Aushub könnten rund tausend Lkw-Ladungen durch den Haunstetter Wald bedeuten.
Foto: Anna Kondratenko
Eine Vorstellung, die dem Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Augsburg, Nicolas Liebig, Sorgen macht. Denn die Schießplatzheide ist ein einzigartiges Habitat, in dem viele besondere Tiere und Pflanzen eine Heimat gefunden haben, so Liebig. Das Gebiet sei „gespickt von Arten, die vom Aussterben bedroht sind“, darunter die Kreuzotter mit einem bedeutenden Vorkommen, seltene Orchideen wie die Pyramidenorchis, Enzianarten sowie seltene Tagfalter und Heuschrecken. Zudem unterliegt das Areal europäischen Schutzvorgaben nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.
Entsprechend kritisch sieht Liebig die geplanten Eingriffe. „Das ist ein riesiger Bodeneingriff“, sagt er. Wenn man zum falschen Zeitpunkt oder mit ungeeigneten Maschinen arbeite, könne „sehr, sehr großer Schaden“ entstehen. Da es sich nur noch um Restflächen der einst ausgedehnten Lechheiden handle, seien die Bestände besonders empfindlich. Würden etwa Kreuzottern oder Orchideen vernichtet, sei eine Wiederansiedlung keineswegs sicher.
Tausende Kubikmeter Aushub bedeuten tausend Lkw-Fahrten durch den Stadtwald
Die Dimension der Maßnahme sei erheblich. Es gehe um tausende Kubikmeter Aushub und womöglich rund tausend Lkw-Fahrten durch den Stadtwald – ein sensibles Schutzgebiet und zugleich Naherholungsraum. Liebig schließt dennoch einen ökologischen Neuanfang nicht aus. Die Lechheiden seien einst durch die Dynamik des wilden Flusses entstanden – durch Umlagerungen, offene Kiesflächen und Störungen. In gewisser Weise könnten Bagger solche Prozesse imitieren. Voraussetzung sei jedoch ein hervorragendes Management und ein behutsames Vorgehen. „Der Trinkwasserschutz hat Vorrang“, sagt Liebig. „Aber man muss sehr behutsam vorgehen.“
Abgesehen vom Naturschutz hoffen auch historisch interessierte Bürger, dass der 1886 von der Königlich-Bayerischen Armee in Betrieb genommene Schießplatz erhalten bleiben kann. Fast 30 Jahre lang hat der Kulturkreis Haunstetten gekämpft, bis der Alte Schießplatz im Haunstetter Wald unter Denkmalschutz gestellt wurde. Ein Mahnmal für die von den Nationalsozialisten getöteten Opfer steht. Die Gedenkstätte wurde 2022 mit viel Prominenz und großen Reden eingeweiht. Dass das alles wieder auf dem Spiel stehen soll, will den Mitgliedern des Kulturkreises gar nicht schmecken, sagt deren Vorsitzender Harald Eckart. „Wir gehen bisher davon aus, dass der Abriß der Gebäude nicht mehr aktuell ist“, so Eckart.
Das Gutachten eines Planungsbüros, das die Sanierung vorbereiten soll, spricht eine andere Sprache. „Ein Erhalt erscheint nach umfassender Prüfung aus mehreren Gründen nicht möglich“, ist dort zu lesen. Als Ersatz wird eine wissenschaftliche Dokumentation der baulichen und technischen Anlagen vorgeschlagen, die eine „fotografische und fotogrammetrische Aufnahme, eine Vermessung zur Anfertigung eines Lageplans mit Kennzeichnung der Objekte sowie eine Auswertung archivalischer Quellen“ beinhalten soll. Auch ein 3D-Modell der Schießanlage wäre wünschenswert, ist zu lesen.
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Fridtjof Atterdal
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