Es sieht noch recht unscheinbar aus, das kleine Bäumchen, das seit Freitag im Frankfurter Grüneburgpark zu bestaunen ist. Und doch trägt es eine große historische Bedeutung. Der sogenannte Tree of Terezín ist nämlich ein Ableger eines Baumes, den jüdische Kinder im September 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt (tschechisch Terezín) gepflanzt hatten – und der dort bis heute steht.

Zwei weitere Ableger des Baumes stehen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und vor dem Jüdischen Museum in Washington. Übergeben worden war der Setzling schon Ende Januar im Rahmen der Ausstellung „Bilder aus Theresienstadt“ in den Römerhallen.

Der slowakische Honorarkonsul in Bad Homburg, Imrich Donath, hatte ihn damals an Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) überreicht. Gemeinsam mit Donath wurde der Baum nun im Beisein von Vertretern der Stadtpolitik, der Jüdischen Gemeinde und Gästen aus der Zivilgesellschaft an seinem neuen Ort in die Erde gesetzt.

„Erinnerung braucht Orte“

Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg bezeichnete den Baum als Zeichen gegen das Vergessen, das gerade deshalb gesetzt werden müsse, da der Antisemitismus leider nicht der Vergangenheit angehöre. „Erinnerung braucht Orte, nicht nur in unserem Herzen, sondern auch in der Mitte der Stadt“, betonte sie. Wie ein Baum wachse auch das Gedenken nicht von selbst, sondern brauche Pflege und Aufmerksamkeit. Honorarkonsul Donath rief dazu auf, den Baum als Mahnung zu sehen, „dass so was niemals wieder passiert“.

Dass der Baum ausgerechnet im Grüneburgpark gepflanzt wurde, war eine bewusste Entscheidung. Kaum ein anderer Ort ist so eng mit der Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt verbunden. Heute gehört der Park zu den beliebtesten Grünflächen der Mainmetropole. Ein Ort der Begegnung, an dem sich Geschichte und Gegenwart kreuzen.

Unter den Gästen befanden sich auch die Holocaustüberlebende Eva Szepesi sowie Pavla Alter, deren Vater das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte. In Theresienstadt selbst seien die jüdischen Opfer nahezu unsichtbar, berichtete Alter von einem gemeinsamen Besuch mit ihrem Vater. Umso wichtiger sei es, nun auch in Frankfurt mit diesem Baum an die Opfer zu erinnern.

Das Ghetto Theresienstadt

Die ehemalige Festungsanlage Theresienstadt im heutigen Tschechien wurde ab 1941 von den Nationalsozialisten als Ghetto und Sammellager für Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren genutzt. Rund 141.000 Jüdinnen und Juden wurden dorthin deportiert. Die Lebensbedingungen waren geprägt von Hunger, Krankheiten und Enge.

Zehntausende starben im Lager oder wurden von dort in Vernichtungslager weiter deportiert. Der kleine Ahorn im Grüneburgpark kann diese Geschichte nicht erzählen. Doch er wird daran erinnern. Jahr für Jahr wird er wachsen – und mit ihm die Aufgabe, das Gedenken aufrechtzuerhalten.