In der Berliner Clubszene sorgt ein neuer Fall für Diskussionen über politischen Druck und Ausgrenzung im Zuge des Nahostkonflikts. Der Berliner Künstler DJ Phonatic berichtete auf seinem Instagram-Account, er habe einen bereits zugesagten Auftritt in der neu eröffneten Bar „Ciao Ciao“ in Kreuzberg verloren, nachdem Aktivisten ihn gegenüber den Betreibern als „Zionisten“ bezeichnet hätten. Die „B.Z.“ berichtete zuerst über den Fall.
In seinem Post schreibt der DJ, die Bar habe den Auftritt einen Tag vor dem Termin per WhatsApp abgesagt. Als Begründung sei ihm mitgeteilt worden, die Bar sei mit der Beschwerde kontaktiert worden, warum dort ein „Zionist“ spielen dürfe. Weiter schreibt der DJ in einem Post auf Instagram: „Statt zunächst das Gespräch mit mir zu suchen – wie es bei offensichtlicher Diffamierung redlich gewesen wäre – entschied man sich für vorauseilenden Gehorsam.“
Die Betreiber argumentierten demnach, man könne es sich als neu eröffnete Bar nicht leisten, „einen schlechten Ruf zu bekommen“.
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Auf Tagesspiegel-Anfrage schilderte der Geschäftsführer der Bar, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, den Ablauf aus seiner Sicht. DJ Phonatic sei kurzfristig „für einen ausgefallenen Act eingesprungen“. Nachdem der Name des DJs auf Social Media im Line-up erschienen sei, habe man jedoch „viele kritische Nachrichten“ erhalten.
„Um diese Anschuldigungen gewissenhaft prüfen zu können, mussten wir aufgrund der Kürze der Zeit das Booking absagen“, so der Geschäftsführer. Die gesamte Kommunikation habe – von der Anfrage bis zur Stornierung – über WhatsApp stattgefunden. Zugleich betont er: „Wir haben ihm ausdrücklich ein persönliches Gespräch angeboten. Wir wollen nämlich eigentlich nur gute Drinks und Musik machen.“
Für die kommenden Wochen sei das Programm bereits fest geplant. „Aber nach einem konstruktiven und klärenden Gespräch steht einer zukünftigen Buchung von unserer Seite aus grundsätzlich nichts im Weg.“
In einer am Freitagnachmittag veröffentlichten Instagram‑Stellungnahme betonte die Bar zudem, man lehne „Homophobie, Antisemitismus, Rassismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ ab und entschuldigte sich für eine „missglückte Kommunikation“, die einen Eindruck erzeugt habe, der ihrer „Haltung widerspricht“.
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DJ Phonatic kritisiert dagegen in seinem Instagram-Post, dass am nächsten Abend statt ihm ein DJ mit deutlich sichtbarer pro-palästinensischer Gesinnung aufgelegt habe, so Phonatic. Daher entschied er sich, den Vorgang öffentlich zu machen – auch weil es nicht allein um ihn gehe. „Ich bin da bei Weitem nicht alleine betroffen“, sagte er der „B.Z.“. Die Vorstellung, Clubs seien ideologiefreie Räume, sei längst Vergangenheit. Besonders seit dem 7. Oktober habe sich die Szene „sowohl in der Qualität als auch in der Quantität spürbar antiisraelisch radikalisiert“.
Vorwürfe von Einschüchterung hinter den Kulissen
Der DJ, der dem Bericht zufolge auch Sozialwissenschaftler ist, sagte der Zeitung: „Mir ist es ganz wichtig, diese Methoden sichtbar zu machen, weil diese Ausgrenzung in 99 Prozent der Fälle unsichtbar und hinter den Kulissen passiert.“ Besonders betroffen seien Künstler „mit israelischem und jüdischem Hintergrund“ sowie jene, „die sich gegen den zunehmenden Israelhass in der Szene offen aussprechen“.
Viele würden schweigen, weil sie Angst davor hätten, selbst zur Zielscheibe zu werden: „Eigentlich haben sie keine Lust auf diese Erpressungsmethoden und aggressiven Diktate, aber aus Angst unternehmen sie nichts dagegen.“
Der DJ spricht von Einschüchterungsversuchen per E-Mail und anonymen Beschwerden – unklar sei jedoch, wie viele Personen tatsächlich dahintersteckten. Sicher sei für ihn nur: „Diese Leute treibt eine bestimmte Obsession an. Und sie trifft in immer mehr Fällen auf fruchtbaren Boden.“
Auch außerhalb der Clubszene stößt der Fall auf Reaktionen. Der ehemalige SPD-Politiker Michael Roth kommentierte den Vorgang auf X mit deutlichen Worten: „Das ist elendiger Antisemitismus.“
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Politische Spannungen treffen Künstler auf beiden Seiten
Der Fall von DJ Phonatic steht nicht isoliert. Mehrere Medien berichten seit Monaten von einer zunehmend polarisierten Clubszene, in der Bookings unter politischem Druck stehen. So sagte der französisch‑arabische DJ Arabian Panther dem Tagesspiegel, er sei vom Berghain ausgeladen worden, nachdem er pro‑palästinensische Inhalte geteilt habe – ein Schritt, der damals eine Debatte über politische Loyalitäten im Nachtleben auslöste.
Gleichzeitig dokumentierte die „taz“ den Fall des israelischen DJs Modest Crow, der nach der Verbreitung eines Videos in israelischer Militäruniform von einem Berliner Club aus dem Programm gestrichen wurde, nachdem in sozialen Medien massiver Druck aufgebaut worden war.
Der rbb berichtete zudem, dass Clubs zunehmend Beschwerden erhalten – sowohl gegen als „pro‑israelisch“ als auch als „pro‑palästinensisch“ wahrgenommene Acts – und sich viele Betreiber von der Eskalation überfordert zeigen.
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Auch wenn die meisten solcher Vorfälle nie öffentlich werden, zeigen die belegten Fälle, wie stark sich der Nahostkonflikt inzwischen auf eine Szene auswirkt, die lange als politisch relativ einheitlich galt.