Eine Stunde Tennis – ist das ein Problem? Ganz sicher nicht. Auch der Regierende Bürgermeister hat ein Recht auf Freizeit. Politiker sollen Menschen bleiben, sie sollen sich auch mal erholen können, ein Buch lesen, einen Film gucken oder Sport machen, das Handy ausschalten. Was auch immer ihnen guttut, um danach wieder frisch ans Werk zu gehen fürs Land, für die Demokratie, für uns alle.

Es ist ein harter, unbarmherziger Job. Und Fehler werden selten verziehen. Vor allem dann nicht, wenn man versucht, sie zu vertuschen. Im Falle von Kai Wegner ging es nie um eine Stunde Tennis. Es ging und es geht darum, dass er versucht hat, die Öffentlichkeit bewusst zu täuschen. Und das, wie Tagesspiegel-Recherchen jetzt belegen, mindestens zweimal.

„Den ganzen Tag am Telefon“

Drei Tage nachdem er behauptet hatte, er habe sich am Morgen des größten Stromausfalls der Nachkriegsgeschichte in seinem „Büro zu Hause eingeschlossen“ und sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen, musste Wegner nach einer Recherche des RBB zugeben, dass das nicht stimmte: mittags hatte er mit seiner Lebensgefährtin, der Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch, eine Stunde Tennis gespielt.

Eine Stunde Sport, was ist schon dabei? Richtig. Es hätte kein Problem für ihn daraus entstehen müssen. Hätte er nur von Beginn an die Wahrheit gesagt. Stattdessen hat er tagelang den Eindruck erweckt, ganz genau über sein Arbeitspensum an besagtem Samstag informieren zu wollen.

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Er selbst hatte noch am Dienstag, einen Tag vor den Enthüllungen des RBB, zu einem Hintergrundgespräch eingeladen, um mit Journalisten noch einmal detailliert seinen Tagesablauf durchzugehen – ohne das Tennisspiel zu erwähnen. Zu diesem Zeitpunkt wussten offenbar nur er und Günther-Wünsch davon, selbst enge Mitarbeiter und die Senatskanzlei wurden erst nach der RBB-Recherche informiert.

Und damit begann Teil II der völlig verunglückten Krisenkommunikation, die Wegner am Ende die Wahl kosten könnte. Gerechtfertigt hat er das Match noch am selben Abend in einem Auftritt bei „Welt TV“ mit dem Arbeitspensum: Er habe „um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen“ und zählte dann ganz genau auf: Er habe mit den Krisenstäben telefoniert, mit Stromnetz Berlin, mit der Bundesregierung, mit dem Bundeskanzleramt, mit dem Bundesinnenminister. „Und ja, dann habe ich von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt, weil ich einfach den Kopf frei kriegen wollte.“

Anke Myrrhe, stellvertretende Chefredakteurin

Anke Myrrhe ist stellvertretende Chefredakteurin, Autorin des Berlin-Newsletters „Checkpoint“ sowie regelmäßige Kommentatorin der politischen Lage auf Radioeins.

Doch auch das war offenbar stark übertrieben. Nach Tagesspiegel-Recherchen gab es vor dem Tennisspiel weder Telefonate mit Stromnetz Berlin und auch keine Kontakte mit dem Kanzleramt oder dem Bundesinnenministerium. Der „Austausch“ bestand lediglich aus einem kurzen Textnachrichten-Dialog mit Innensenatorin Iris Spranger (SPD), einem Kontakt mit der Senatskanzlei, der zeitlich nicht näher benannt ist, und (vier Stunden später) einem Anruf bei Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD), die dem Vernehmen nach mehrfach versucht hatte, Wegner zu erreichen.

Senatskanzlei wollte die Informationen nicht rausgeben

Kein Wunder also, dass die Senatskanzlei die Herausgabe dieser Informationen verhindern wollte. Erst ein Eilantrag des Tagesspiegels vor dem Berliner Verwaltungsgericht hat jetzt zur Freigabe der vormittäglichen Aktivitäten geführt. Die Senatskanzlei begründete die Geheimhaltung mit dem Hinweis, es handele sich um „sensible Kommunikationsabläufe“, die „die Funktionsfähigkeit der Regierung beeinträchtigen“ könnten, wenn sie öffentlich würden.

Die Funktionsfähigkeit der Regierung beeinträchtigt hat hier wohl eher die Tatsache, dass eine Fehleinschätzung am Morgen des 3. Januar durch Lügen verschleiert werden sollte – und das gleich mehrfach.

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Mehr als einmal hatte Kai Wegner die Gelegenheit, die Dinge wirklich klarzustellen. Zu sagen: Ich habe die Lage an jenem Morgen falsch eingeschätzt. Er hätte die Bevölkerung um Entschuldigung bitten können. Das hätte Vertrauen geschaffen. Er wählte eine andere Spieltaktik. Auch in der Reaktion auf die neuen Erkenntnisse versucht er nun den zeitlichen Zusammenhang seiner Aussagen zu relativieren.

Auf dem Tennisplatz mag das funktionieren, in der Politik aber gilt: Man stolpert selten über den Fehler selbst, sondern immer über den Umgang damit.