Gemeinschaftliches Singen ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen. Das Wundermittel wird mittlerweile auch all jenen angeboten, die sich nicht an einen Chor binden wollen.

Da stehen 30 Erwachsene im Kreis und gähnen – freiwillig. Frauen, Männer, Jüngere, Ältere in Jeans, Sweatshirts oder Strickpullis. Offiziell ist es eine Stimmübung, inoffiziell der Feierabend-Start. Die Mannheimer Liedertafel lädt einmal im Monat zum freien Chorsingen in ihr Stammhaus ein, das sie 1870 selbst in der Innenstadt erbaut hat und bis heute besitzt. Niemand muss Vereinsmitglied sein.

„Wir wollen Leute ansprechen, die sich nicht an einen Chor binden wollen, aber trotzdem Lust am gemeinsamen Singen haben“, sagt der Initiator Justus Voget. Der 79-jährige pensionierte Gymnasiallehrer für Mathematik und Religion steht schon eine Stunde vor Beginn hinter der Theke, legt Laugengebäck auf die Teller und poliert die Sektgläser. Der Saal versprüht mit seinen messingverzierten Deckenlampen und dem beigen Linoleumboden den rauen Charme der 1950er Jahre.

„Jeder soll erleben, wie seine Stimme klingt“

Punkt 18 Uhr übernimmt die Chorleiterin Magdalena Zgla, ihr Mann Marek Szendzielorz begleitet sie am Flügel. Jetzt heißt es Arme und Beine ausschütteln, Schultern lockern. Erst werden nur Silben intoniert, dann das Revolutionslied „Die Gedanken sind frei“. Die 27-jährige Magdalena Zgla erläutert: „Wir wollen nicht nur irgendwelche Töne üben, sondern jeder soll erleben, wie seine Stimme klingt, und den Rhythmus und die Gemeinschaft spüren.“ Schiefe Töne werden nicht bewertet, höchstens mit einem freundlichen Grinsen honoriert. Alle sind hier willkommen, schließlich ist Singen kein Hobby wie Töpfern oder Nordic Walking. Es steckt in unseren Genen, weckt Emotionen und verbindet uns miteinander.

Britta Bischoff, grüner Pulli und grauer Pferdeschwanz, schwebt einem nach der Probe strahlend entgegen. „Singen beseelt mich, ich kann gar nicht genau sagen, was es ist“, erzählt die 63-Jährige. Sie betreut ehrenamtlich ein paar ältere Damen: „Da hat es heute Ärger gegeben und ich musste einfach Luft ablassen.“ Seit zwei Jahren ist Bischoff immer wieder hier. Sie schätzt es, dass man sich nicht an die Gruppe binden muss.

Anita Wiegert, zierlich, dunkle schulterlange Haare und ebenfalls Teilnehmerin des freien Chorsingens, hat die stimmungsaufhellende Wirkung von Gesang während der Pandemie an sich selbst erlebt. Die 71-Jährige, die früher als Sozialpädagogin im Jugendamt gearbeitet hat, traf sich damals regelmäßig mit Freunden in einem Mannheimer Schrebergarten. Mit Guter-Laune-Musik wie dem Schlager „Und immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens oder „Wonderful World“ von Louis Armstrong haben sie gemeinsam ihre Sorgen vertrieben.

„Ich bin mit einem negativen Gefühl dorthin gegangen, weil mich die ganze Situation so frustriert hat – und war glücklich, als ich wegging“, erinnert sie sich. Zu Hause hat sie dann die alten CDs mit den Songs herausgesucht und laut eingestimmt.

Schon Babys experimentieren mit ihrer Stimme. Vom ersten Lebensjahr an versuchen Kleinkinder, einfache Melodien nachzuahmen, besonders wenn sie oft Lieder hören. Wer seine Stimmbänder zum Schwingen bringt, aktiviert nichts anderes als seine angeborene musikalische Ausstattung. Gleichzeitig wirkt Musik wie eine Wellness-Kur von innen – ohne Bademantel und teure Öle. Glückshormone fluten den Körper, Herzschlag und Atem beruhigen sich, Muskelverspannungen lösen sich.

Für Waltraud Schwarz ist Singen mehr als Wissenschaft: „Die Stimme ist Ausdruck meiner Seele“, sagt sie. Die Musiktherapeutin und Opernsängerin aus Muggensturm bei Baden-Baden beschäftigt sich schon ihr ganzes Leben damit. „Als Kind habe ich aus purer Lebensfreude gesungen, aber auch wenn ich traurig war oder mich einsam gefühlt habe. Als Erwachsene fand ich im Chor Gemeinschaft. Meine Ausbildung zur Sängerin hat mich zu meiner Persönlichkeit gemacht“, erzählt sie am Telefon.

Singen als Medizin?

Ist gemeinschaftliches Singen eine Medizin ohne Nebenwirkungen gegen die digitale Vereinsamung und trübe Gedanken? „Man ist dabei ganz im Hier und Jetzt und kann Lasten abwerfen“, beschreibt Schwarz die Wirkungsweise. Und es liegt im Trend: Laut einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums von 2025 singen 16,3 Millionen Menschen in Deutschland oder spielen ein Instrument, zwei Millionen mehr als noch vor vier Jahren. Die Dunkelziffer der Dusch-Tenöre dürfte weitaus höher liegen.

Vor allem Projektchöre und Mitsing-Events boomen, während die Traditionsvereine tendenziell schrumpfen. „Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, wie sie im Chorsingen erfahrbar wird, ist generell sehr groß. Gleichzeitig möchten sich die Menschen weniger direkt und langfristig an Vereine und Strukturen binden“, erklärt Nicole Eisinger, Sprecherin des Deutschen Chorverbands, die auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung. Möglicherweise ist die Gemeinschaft auf Zeit das neue Vereinsleben.

Die Mannheimer Chorleiterin Magdalena Zgla und ihr Mann Marek Szendzielorz, der sie am Flügel begleitet Foto: Astrid Möslinger

Ob man den richtigen Ton trifft oder nicht, hängt nicht nur vom Gehör ab, sondern auch von der Übung. Wer von klein auf Lieder trällert, ist erwiesenermaßen im Vorteil. Gehirnscans zeigen, wie außer der Stimme auch die Nervenbahnen zwischen Stimmbändern und Gehör trainiert werden – je öfter, desto besser sind sie vernetzt. Ein positiver Nebeneffekt: singfreudige Menschen hören feiner heraus, wie andere klingen – fröhlich, wütend oder verunsichert.

Auch Justus Voget von der Mannheimer Liedertafel landete nicht zufällig im Chor. Er stammt aus einem Pfarrhaus, in dem Musik eine große Rolle gespielt hat. Das prägt ihn bis heute. „Ich habe immer Musik im Kopf. Schon als Jugendlicher hieß es immer: Man hört dich schon drei Straßen weiter pfeifen.“

Trotzdem: alle Menschen können singen. „Es ist nur die Frage, wie wir es bewerten. Was finden wir schön, was nicht“, sagt die Musiktherapeutin Schwarz. Darüber hinaus führen schlechte Erfahrungen und Traumata zu Blockaden. Man traut sich dann nicht, einfach mal loszuschmettern. Manche Patienten glauben, so Schwarz, dass ihre Stimmbänder nicht funktionieren oder anatomische Probleme bestehen. Doch meist lautet die Diagnose nur „Singhemmung“.

„Ich hatte eine Altsaxophonistin, die keinen Ton richtig traf“, berichtet sie von einem Fall aus ihrer Praxis. Bald stellte sich heraus, dass die Frau als Kind weder selbst gesungen hat, noch haben die Eltern ihr Wiegenlieder vorgesungen. Zwei Jahre lang dauerte es, bis sie lernte, die Töne zu treffen und die Tonhöhe zu halten. „Auch ihre Persönlichkeit ist dadurch gereift“, versichert Schwarz.

Musik als Glücksmoment – bis zum Schluss

Wie tief das musikalische Empfinden im Menschen verankert ist, erlebt die Therapeutin im Kontakt mit Schwerkranken. Sogar Alzheimer-Patienten, die nicht mehr wissen, wer sie sind und nicht mehr sprechen können, fallen Liedtexte ein, wenn man ihnen sie vorsingt. „Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, das sich öffnet, und das letzte, das sich bei Sterbenden schließt“, ist Schwarz überzeugt. Bei einer Wachkoma-Patientin habe sie anfangs nur getönt, ganz ohne Text, und später eine kleine Melodie gesummt. „Ihr Atem wurde schneller, das Gesicht besser durchblutet“, erinnert sie sich. Musik als Glücksmoment – bis zum Schluss.

Zurück in den Mannheimer Musiksaal im dritten Stock: Die bunt zusammengewürfelten Chorsänger intonieren inzwischen einen Kanon in mittlerer Konzertlautstärke. Der Spaß ist bis zu den hinteren Plätzen zu spüren. Zum Schluss gibt Magdalena Zgla noch eine letzte Aufgabe: Plätze tauschen. Waren zuvor alle nach Stimmlage verteilt, stehen jetzt plötzlich Sopran neben Alt, Frauen neben Männern. „Ich möchte damit noch einmal den Klang verändern“, sagt sie. In einem Chor formt und wandelt sich dieser bekanntlich ständig. Und wenn die einzelnen Stimmen dann zu einem Gesamtklang verschmelzen, entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl, das positive Impulse freisetzt.

Dieser Effekt ist auch in Mannheim sichtbar. Nach der Stunde bleibt die Gruppe eine ganze Weile zusammen, die Stimmung ist gelöst. „Manchmal sind die Leute nicht mehr zu bremsen“, berichtet Justus Voget schmunzelnd. „In solchen Situationen sage ich ihnen: Nicht im Treppenhaus singen, sonst schimpfen die Mieter.“