
AUDIO: Beklemmender Theaterabend: „Baracke“ im Thalia Gaußstraße (4 Min)
Stand: 22.03.2026 10:12 Uhr
„Baracke“ ist ein beklemmender Theaterabend über Gewalt in der Familie und die neonazistische Terrorgruppe NSU. Am Samstag hatte das sehenswerte Stück von Rainald Goetz Premiere im Hamburger Thalia Gaußstraße.
Ein Kleinkind im Strampelanzug klettert aus dem Laufgitter. Es schreit, sein Vater schreit zurück: immer noch eine alltägliche Erfahrung in vielen Familien, brutal, zerstörerisch, ohne Worte. Auf der Bühne stehen grotesk vergrößerte Möbel, so dass alle wie Kinder wirken. Die Wände sind angesengt, als hätte es gerade gebrannt. Ein Albtraum-Szenario.
Familie als Ausgangspunkt für Gewalt

Die 83-jährige Schauspielerin Barbara Nüsse spielt das Kind im Laufgitter.
Die Familie als Ausgangspunkt der Gewalt, das ist die Behauptung des Stücks. Barbara Nüsse spielt das Kind. Die 83-jährige gehört zum sechsköpfigen Ensemble, das sich immer wieder in konkrete Rollen wirft und dann wiederum in einen Chor ratloser und verzweifelter Stimmen.
Eine Besucherin sagt, sie müsse das erstmal sacken lassen. „Es war super, es war super toll gemacht, aber es war echt harter Tobak.“ Eine andere ist von den Eindrücken überwältigt: „Das kann ich noch gar nicht richtig in Worte fassen. Was man vielleicht als Kind mitgemacht hat. Es überträgt sich, und es wird immer so weiter gehen. Man sieht kein Ende.“
Kurze Szenen mit zeitgeschichtlichem Bezug
Es ist ein finsterer und zynischer Theaterabend, der einem viel abverlangt. Er erzählt keine Geschichte, sondern zeigt kurze aufflackernde Szenen aus Familie, Ehe, Beziehung. Auf Projektionsflächen flimmern historische Videos der vergangenen 30 Jahre vorbei: Mauerfall, Euro, 9/11, Trump. Die Geschichte dieser Jahrzehnte wird verdichtet zur Geschichte von Gewalt in der Familie. Der Stücktitel „Baracke“ bezeichnet hier einen geschlossenen Raum der Gewalt.
– Wenn du das nochmal machst wie vorhin, dann
– Ja was denn dann, was?
– Du meinst, du bist so ….
– Und du, was bist du?
– Ich mach das nicht mehr mit, ich sag’s dir.Bühnenzitat
Suche nach Ursprung des Terrors
Wie nebenbei streift das Stück auch die Geschichte des rechts-terroristischen NSU, der ab dem Jahr 2000 neun Menschen mit Migrationsgeschichte und eine deutsche Polizistin ermordete. Die Taten des NSU werden hier nicht etwa nacherzählt. Es geht im Stück von Rainald Goetz vielmehr darum, den Ursprung des Terrors zu untersuchen, den Kern der Gewalt in Worten, in der eigenen Kindheit.
„Es ist natürlich alles ein bisschen offen, und man muss sich seinen eigenen Teil dazu denken, aber das finde ich gerade spannend“, erklärt ein Besucher. Eine Zuschauerin fand die Verbindung zum NSU besonders schrecklich. Eine andere sei sehr beeindruckt, sagt sie: „Vor allen Dingen von den Schauspielern, was sie zu bewältigen hatten.“

Das Thalia Theater gehört zu den erfolgreichsten Sprechtheatern Deutschlands. Der Spielplan vereint Klassiker und internationale Projekte.
Brillantes Ensemble sorgt für brummende Köpfe
Das brillante Ensemble verdichtet die Sätze und Szenen, dass einem buchstäblich der Kopf brummt. Herausragend spielt Maike Knirsch. Bea ist ihre Hauptfigur. Die Nähe zur NSU-Mittäterin Beate Tschäpe wird hier nur angerissen. Sie spielt eine Frau, die sich in einem Netz aus Gewalt verstrickt. Wie sie den Schmerz über die Unmöglichkeit von Glück in Körper, Sprache, Mimik übersetzt, ist ein Ereignis.
Ich hab einfach gedacht, das ist was für die, denen das gefällt: Familie. Für mich ist das nichts. Hatte ich schon als Kind im Übermaß, brauche ich jetzt als Erwachsene nicht nochmal. Einmal reicht.
Bühnenzitat
Gruselige Stofftiere spielen auf NSU-Bekennervideos an

Die Darsteller sind zeitweise als gar nicht niedliche Comicfiguren verkleidet.
Stefan Pucher inszeniert den Abend dicht, manchmal viel zu dicht. Einmal lässt er das Ensemble in comic-haften Plüsch-Kostümen auftreten, als überdimensionale Ratten etwa: Vorne steht der rosarote Panther. Niedlich ist daran aber nichts. Denn der NSU hat in seinen zynischen Bekennervideos die an sich freundliche Comicfigur verwendet.
Es ist ein eiskalter, aber sehenswerter Theaterabend, der keine Hoffnung weckt. Der unserer Gesellschaft eine harte und bittere Diagnose stellt, einer Gesellschaft, die droht, lieblos zu werden und zu erkalten.

Am Thalia Theater Hamburg fliegen Fische und aus Regenschirmen werden Quallen. Das Stück handelt vom Spiel mit Identitäten und vom Fremdsein.

Drei Tage lang hat der simulierte Gerichtsprozess auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters gedauert. Am Sonntag hat die Jury das Urteil gefällt.

Eiskalt, aber sehenswert! „Baracke“ am Hamburger Thalia Theater
Der beklemmende Theaterabend über Gewalt in der Familie und den NSU hat am Samstag in der Gaußstraße Premiere gefeiert.
- Datum:
- 21.03.2026, 20:00 Uhr
- 23.03.2026, 20:00 Uhr
- 08.04.2026, 20:00 Uhr
- 01.05.2026, 19:00 Uhr
- 05.05.2026, 20:00 Uhr
- 08.05.2026, 20:00 Uhr
- Ende:
- 08.05.2026
- Ort:
-
Thalia Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765
Hamburg