Bisher griff die russische Armee mit Drohnen meist in den Nacht- oder frühen Morgenstunden an, nicht so am Dienstag. Seit der Früh „haben sie bereits über 400 Drohnen abgefeuert“, sagte der Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte, Jurij Ignat. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals Tagesangriffe in einem solchen Ausmaß gegeben hat.“
„In dieser Größenordnung ist das grundsätzlich das erste Mal“, sagte Ignat. Laut Angaben aus Kiew kamen mehrere Menschen ums Leben, darunter in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk, In Lwiw gab es nach Angaben der Stadtverwaltung mehrere Verletzte.
Mittelalterliche Kathedrale in Lwiw getroffen
Militärgouverneur Maxym Kosyzkyj berichtete auf Telegram von Schäden im historischen Zentrum der Stadt. Die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO und wurde 2023 wegen des inzwischen seit mehr als vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieges in die Liste der gefährdeten Stätten aufgenommen.

Reuters
Rauch über einem Wohnhaus in der westukrainischen Stadt Lwiw
Am Dienstag soll auch die aus dem 17. Jahrhundert stammende St.-Andreas-Kirche getroffen worden sein, wie Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko auf der Kurznachrichtenplattform X schrieb, außerdem ein Wohnhaus im Stadtzentrum. Das historische Zentrum von Lwiw ist für seine gut erhaltene mittelalterliche Architektur bekannt.
Kiew hatte Informationen über bevorstehenden Großangriff
Die Luftangriffe hatten bereits in der Nacht auf Dienstag begonnen, in fast allen Landesteilen wurde Luftalarm ausgelöst. In der Stadt Charkiw wurde eine Straßenbahn getroffen, ein Mann starb. Auch in der Region Poltawa, in der Stadt Saporischschja im Süden des Landes und in Cherson habe es Tote gegeben, hieß es aus Kiew.
Bereits am Montagabend hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einem neuen russischen Großangriff gewarnt. „Unsere Geheimdienste haben Informationen, dass die Russen möglicherweise einen Großangriff vorbereiten“, sagte er in seiner täglichen Fernsehansprache.
Fast 1.000 Drohnen
Die Ukraine zählte laut offiziellen Angaben seit Montagabend 948 Drohnen über ihrem Staatsgebiet. Tagsüber seien es 556 gewesen, von denen die ukrainische Flugabwehr 541 abgefangen habe, hieß es Dienstagabend. Zuvor hatten die Behörden mitgeteilt, die ukrainische Flugabwehr bekämpfe Ziele nahe der Hauptstadt Kiew sowie in der Region um Lwiw.
Nicht nur die Ukraine, auch Russland berichtete am Dienstag von einer Welle von Angriffen mit Drohnen. In der russischen Region Kursk wurden laut Angaben der dortigen Regionalverwaltung ein Mensch getötet und mehrere weitere verletzt. Gebäude wurden beschädigt. Dienstagabend sprachen die Behörden von zumindest 13 Verletzten.
Entwarnung nach Explosion in Litauen
Eine in Litauen nahe der Grenze zu Belarus abgestürzte Drohne stammt nach Angaben von Regierungschefin Inga Ruginiene aus der Ukraine. Sie habe im Zusammenhang mit einem Einsatz gestanden, den die Ukrainer gegen Russland ausgeführt hätten, sagte Ruginiene am Dienstag. „Wir können bereits sagen, dass es sich um eine verirrte Drohne handelte.“
Der Drohnenabsturz am Montag mit einer Explosion in einem See nahe der Stadt Varena im Süden des NATO- und EU-Staates Litauen hatte für Aufregung gesorgt. Die örtlichen Behörden leiteten eine Untersuchung des Vorfalls ein. Zwar wurden weder Opfer noch Schäden durch den Vorfall verzeichnet. Es bestand jedoch die Befürchtung, dass die Drohne aus dem mit Russland verbündeten Belarus stammen könnte. Im Juli vergangenen Jahres waren zwei Drohnen von Belarus aus nach Litauen eingedrungen. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich in Polen, Rumänien und Moldawien.