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In Leipzig haben Expertinnen und Experten ihre Einsicht in Russlands Ukraine-Krieg geteilt. Einiges bereitet Sorge – anderes zumindest vage Hoffnung. Eine Analyse.

Leipzig – Eine Buchmesse ist im Jahr 2026 nicht nur ein Jahrmarkt für Romane und Romance: Auch Expertinnen und Experten schreiben regalmeterweise Bücher – und bei der Buchmesse in Leipzig haben am Wochenende Dutzende ihre Erkenntnisse geteilt, etwa zum Ukraine-Krieg: Fachleute aus der Ukraine und auch Russland, Kriegsveteranen, Berichterstatter. Ippen.Media-Außenpolitik-Autor Florian Naumann war vor Ort und hat die überraschendsten und pointiertesten Ein- und Ausblicke aus den Panels gesammelt.

Der ukrainisch-kanadische Historiker Serhy Yekelchyk (re.) bei der Leipziger Buchmesse – im rechten Bildteil ein ukrainischer Artillerist an der Front.Der ukrainisch-kanadische Historiker Serhy Yekelchyk (re.) bei der Leipziger Buchmesse – im rechten Bildteil ein ukrainischer Artillerist an der Front. © Florian Naumann/Andriy Andriyenko/65th Mechanized Brigade of Ukrainian Armed Forces/AFP

Wladimir Putin ist der Mann, auf den Europa blickt – der Kremlchef befehligt den brutalen Krieg gegen die Ukraine. Und, so die fast einhellige Meinung nicht nur in Leipzig, längst einen hybriden und einen Informationskrieg gegen die Demokratien auf dem Kontinent. Eine erste Frage: Wie lange halten Putin und Russland das durch? Und ist es wirklich nur „Putins Krieg“, oder doch der Russlands?

„Imperium“ Russland reicht über Putin hinaus – „Wenn es aufhört zu wachsen, stirbt es“

Eine ernüchternde Antwort gab Alexander Estis. Putins System bröckele an vielen Stellen, in der Wirtschaft, bei der Auswanderung von Fachkräften, bei der Rekrutierung für die Front, erklärte der in Moskau geborene Schweizer Autor: „Man muss immer davon ausgehen, dass Russland noch ewig so weitermachen kann.” Grund sei eine in Westeuropa kaum vorstellbare Haltung: „Dass es den Machthabern und diesem ganzen Apparat, nicht nur den höheren Regierungsdienstgraden, völlig egal ist, wie es dem eigenen Volk geht.”

Die russische Opposition sei zu optimistisch, meinte Estis. Und zwar schon lange: Auch die Hoffnung auf das Aussterben der Sowjetkader und die Jugend sei ein Trugschluss gewesen – sie habe nur auf dem Blick auf junge Menschen in Moskau oder St. Petersburg gefußt. In Russland gebe es aber riesige soziale Unterschiede. Und massive Repression. „Ständige Beschneidungen ihrer Freiheit haben die Russen leidvoll zu dulden gelernt, in Jahrhunderten“, meint er. Die Russen lebten im übertragenen Sinne „in Gasmasken“, sagte Estis – die Regierung könne ständig die Luftzufuhr abdrehen, das Leben und Atmen laufe „hinten herum“. Und im Gange sei eine „dramatische Faschisierung in einem unglaublich rasanten Tempo”.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite RusslandsRusslands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger StaatenFotostrecke ansehen

Ein größeres Muster hinter dem russischen Vorgehen erkennt auch Makysm Eristavi. „Für mich war wichtig zu zeigen, dass da, wieder einmal, ein systematisches Vorgehen zu sehen ist: Unabhängig davon, ob Putin oder jemand anders das Imperium regiert, sie alle folgen demselben Playbook“, sagte der ukrainisch-tschechische Journalist über sein Buch „Russischer Kolonialismus“. Von Moskau aus sei über Jahrzehnte immer wieder der Befehl gegeben worden, Menschen zu deportieren, aus der Ukraine oder von der Krim. Mit diesen Menschen als Zwangsarbeitern habe Russland in der Sowjetunion auch vermeintlich große zivilisatorische Errungenschaften wie sein Schienennetz bauen lassen. Und die einfache Bevölkerung habe bis in die 80er-Jahre hinein etwa in der Ukraine kaum den eigenen Heimatort verlassen dürfen.

Es sei nun Zeit, auf die Warnungen der Ukraine zu hören. Dort laufe bereits ein „kolonialer Krieg“ Russlands: „Wenn ihr die imperiale Expansion nicht teuer macht, wird das Imperium weiter wachsen“, sagte Eristavi. „Es wird natürlich weiterwachsen, denn das ist der Lebenszyklus eines Imperiums – wenn es aufhört zu wachsen, stirbt es.” Schon jetzt seien russische Drohnen an europäischen Flughäfen zu sehen. China, Iran, Nordkorea und Russland arbeiteten längst zusammen – und die USA verstünden noch nicht die Probleme der Kriegsführung, etwa bei der Luftabwehr in den Golf-Staaten.

Von der Ukraine lernen: Eine Wahl treffen – gegen Putins Russland, für Freiheit

Ähnlich äußerte sich ein ukrainischer Kriegsveteran, der Autor Pavlo Matyusha. „Am Ende ist die Wahrheit: Bevor Russland Truppen schickt, Panzer schickt, schickt es ‚Informationen‘“, erklärte er. Dabei gehe es um Religion, um Sprache oder Kultur. „Sie instrumentalisieren alles, was sie instrumentalisieren können.“ Russland sei in Europa bereits äußerst aktiv – als „Vorstufe“, warnte er.

Matyusha teilte eine drastische Zahl: 50 000 russische Soldaten müsse die Ukraine jeden Monat eliminieren, um sich Luft an den Fronten zu verschaffen. Das sei „entmenschlichend“, aber die Realität. Dabei habe die Armee ein Problem – den Mangel an Kämpfenden. Russland arbeite mit „Erschöpfung“ der Kontrahenten. Auch an diesem Punkt setze Russlands Propaganda an. Die Ukraine löse das Problem großteils mit Hilfe von Technologie. Und ihr nütze eine echte Motivation: „Wenn man sich entscheiden kann, für die Zivilisation zu sterben oder aufgelöst in der großen russischen Suppe zu leben, dann hat man keine Wahl“, erläuterte er.

Die Bücher der zitierten Autoren:

Alexander Estis: „Schergenstaat Russland – Ideologie, Propaganda, Repression und Widerstand“ (NZZ Folio, 26 Euro)

Maksym Eristavi: „Russischer Kolonialismus: Ein illustriertes Handbuch“ (Correctiv, 20 Euro)

Pavlo Matyusha: „Lettres d‘amour et de guerre“ (frz., Iconoclaste, 14,99 Euro)

Serhy Yekelchyk: „Ukrainische Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg“ (De Gruyter Oldenbourg, 29,95 Euro)

Marcel Beyer: „Die tonlosen Stimmen beim Anblick der Toten auf den Straßen von Butscha“ (Wallstein, 22 Euro)

Der ukrainisch-kanadische Historiker Serhy Yekelchyk erklärte einen weiteren Trumpf der Ukraine: ihre Zivilgesellschaft. Autoren und Prominente sammelten beständig Geld, etwa für Autos für das Militär – ein „Phänomen“, das eigene Betrachtung verdiene. Dabei gehe es nicht um Nationalismus im Stile der 1940er-Jahre. Auch Russischsprachige beteiligten sich aktiv. „Sie wollen nicht in Herrn Putins Russland leben, wo Journalisten getötet werden, Historiker im Gefängnis landen, Menschen nicht einmal das Land verlassen dürfen”, sagte Yekelchyk. Bei dieser Entscheidung gehe es nicht um Ethnie – sondern um „soziale Kriterien.“

Die Ukraine definiere an Russlands Grenzen auch ihre Geschichte neu, sagte Yekelchyk. Die Glorifizierung von Staat, Armee und militärischen Siegen überlasse es Russland – und konzentriere sich stattdessen auf den eigenen Alltag. So werde sie nicht zu einem Abbild von Donald Trumps USA, sondern vergewissere sich der eigenen politischen und kulturellen Werte. Zugleich gelte: Wer Geld für Luftabwehr bei seinen Mitmenschen einsammle und das Material direkt zur Einheit geliefert bekomme, verschieße sie nicht leichtfertig – anders als die USA im Iran-Krieg. „Das ist das nächste Beispiel, wie man – wenn man in der Kraft der Gesellschaft verankert ist – zu einem Vorbild werden kann.“

Der deutsche Schriftsteller Marcel Beyer wunderte sich auch vor diesem Gesamtbild über Haltungen in seiner Wahlheimat im Osten des Landes. Er selbst habe nur Demokratie erlebt. Mittlerweile sehe er aber, dass sich eine „Konkurrenz der Systeme einschleicht“. „Der eine foltert gerne und der andere foltert nicht gerne und man muss quasi alle Meinungen lassen“, schilderte er seinen Eindruck von aktuellen Debatten. „Dann frag ich mich aber, wofür habt ihr denn die Mauer eingerissen?“ (Aus Leipzig berichtet Florian Naumann)