Platz unbespielbar: Eine Tafel weist auf die Sperrung des Stadions Lichterfelde hin. Quelle: imago images/Matthias Koch

Stand: 07.04.2026 • 06:28 Uhr

In der Regionalliga Nordost herrscht Unmut: Grund ist eine Vierfach-Spielabsage bei Hertha 03 Zehlendorf im Stadion Lichterfelde. Vereine und Verband kritisieren den Bezirk. Der verweist auf die enorme Belastung des Rasens.

  • Hertha 03 Zehlendorf empfängt am Dienstagabend (19 Uhr) Chemie Leipzig
  • Spiel zuvor bereits vier Mal abgesagt
  • Kritik am Bezirk von Vereinen und Verband
  • Vorwurf: Spiele würden zu leichtfertig abgesagt

Am Dienstagabend (19 Uhr) empfängt Hertha 03 Zehlendorf in der Regionalliga Nordost die BSG Chemie Leipzig. So weit, so normal. Allerdings ist die Partie zwischen den beiden Kellerkindern der Liga bereits zum fünften Mal angesetzt. Vier Versuche, das Abstiegsduell auszutragen, scheiterten – wegen der Unbespielbarkeit des Platzes im Stadion Lichterfelde.

Dorthin musste der Verein seit dem Aufstieg im Sommer 2024 – also fast zwei lange Jahre lang – ausweichen. Das heimische Ernst-Reuter-Sportfeld musste baulich erst noch an die Anforderungen in der Regionalliga angepasst werden. Seit Mitte März ist die Hertha nun zurück in der eigenen Spielstätte.

Eine Rückkehr, die von vielen Parteien sehnlichst erwartet wurde. Denn die vielen Absagen zuletzt sorgten insbesondere in Leipzig, aber auch beim Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) und bei Hertha 03 Zehlendorf für Unverständnis.

„Der Wettbewerb wird verzerrt“

„Die Vielzahl an Absagen ist für uns ein Ärgernis“, klagt Chemie-Sprecher Stefan Schilde auf rbb-Anfrage. Er verweist auf den enormen Aufwand, den der Klub und seine Fans für ein Auswärtsspiel betrieben. Die erste Absage eines Freitagabendspiels habe den Verein erst am Mittag des selben Tages erreicht. „Der extra gebuchte Mannschaftsbus samt Busfahrer stand zur Abfahrt bereit. Für Mannschaft und Trainerstab haben wir ein Catering bestellt. Wir sprechen über vierstellige Summen. Viele Chemie-Fans waren schon auf dem Weg nach Berlin, manche haben ein Wochenende rund um das Spiel geplant“, sagt Schilde.

Nicht nur die torpedierte Organisation sei aber ein Problem. Auch sportlich findet der Klub die wiederholten Absagen schwierig. „Der Wettbewerb wird verzerrt. Fans der Auswärtsmannschaft – Chemie Leipzig wird immer von mindestens 600 Fans begleitet – richten ihren Dienstplan nach dem Spielterminen aus, nehmen zum Teil extra Urlaub. Deshalb sollten Absagen nicht leichtfertigt vorgenommen werden.“ Speziell in Berlin passiere das aber besonders häufig.

Fehlende Sportstätten – mal wieder – Teil des Problems

Diesem Vorwurf widerspricht zumindest der Bezirk Steglitz-Zehlendorf, der als Eigentümer für die Beurteilung des Platzes und somit auch für die Absetzungen verantwortlich ist, entschieden. „Als Eigentümer der Sportanlage trägt das Schul- und Sportamt die Verantwortung dafür, dass der Spielbetrieb über die gesamte Saison hinweg aufrechterhalten werden kann“, teilt Malgorzata Sijbrandij, Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, auf rbb-Anfrage mit.

Naturrasen regeneriere in den Wintermonaten nicht, eine „vorausschauende Schonung des Platzes“ sei daher nicht nur aus sportfachlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht geboten. „Wir verstehen, dass solche Entscheidungen aus Vereinssicht im Einzelfall nicht unmittelbar nachvollziehbar erscheinen. Sie werden jedoch stets unter Berücksichtigung der Gesamtbelastung getroffen“, so Sijbrandij.

Das Stadion Lichterfelde wird zeitgleich noch von den Fußballerinnen von Viktoria Berlin genutzt. Es herrschte in den vergangenen Monaten also eine Doppelbelastung für den Rasen aus Spielen in der Regionalliga der Männer sowie der 2. Bundesliga der Frauen. Ein Problem, das in der Stadt an vielen Orten wegen der begrenzten und teils mangelnden Sportflächen auftritt.

NOFV zählt viele Absagen in Berlin

Der NOFV hat generell durchaus Verständnis für witterungsbedingte Absagen im Winter. „Die Vereine im Spielbetrieb der Regionalliga Nordost unterliegen zur Zeit – entgegen jenen z. B. in der 3. Liga – nicht der Pflicht zur Unterhaltung einer Rasenheizung“, heißt es vom Verband. Man sei also auf Spielausfälle im Winter eingestellt.

Die Partie von Hertha 03 Zehlendorf gegen Chemie Leipzig sei allerdings „mit einem ‚Alleinstellungsmerkmal‘ behaftet.“ Der NOFV kritisiert – ähnlich wie Chemie Leipzig – speziell die kurzfristige Absage Ende Oktober. Eigentlich seien die Klubs dazu verpflichtet, den Gastverein und den Verband spätestens 24 Stunden vor dem geplanten Anpfiff über einen Ausfall zu informieren. „Bei wiederholten Spielabsagen kann der Heimverein verpflichtet werden eine andere, regionalligataugliche Spielstätte als Spielort zu benennen“, teilt der Verband mit. Die Androhung einer solchen Maßnahme habe es im konkreten Fall gegenüber dem Heimverein auch gegeben. Bislang blieb es aber bei der Androhung.

Und auch sonst sind die Klubs in der Hauptstadt laut NOFV besonders oft von Absagen betroffen. „Uns sind die Sorgen und Nöte der Berliner Vereine – aufgrund der speziellen Bedingungen einer Metropole – bekannt. Wir möchten deshalb auch keine Vergleiche mit den Voraussetzungen von Vereinen in anderen Landesverbänden des Verbandes ziehen“, teilt der NOFV mit. Nichtsdestotrotz befinde sich die Häufigkeit der Spielabsagen in Berlin – aufgrund von Platzsperrungen der Bezirksämter – auf einem hohen Level.

Hertha fühlt sich vom Bezirk allein gelassen

Kamyar Niroumand, Präsident von Hertha 03 Zehlendorf, kann das nur bestätigen. Er fühlt sich in der Problematik vom Bezirksamt allein gelassen. „Wir werden gar nicht in die Entscheidungsfindung miteinbezogen“, sagt Niroumand. „Das entscheidet alles das Sportamt.“ Ähnlich wie Chemie Leipzig und der Verband versteht auch der Zehlendorfer Präsident vor allem die erste Absage nicht. Der Klub hatte sich auf ein volles Stadion vorbereitet und gefreut. Auch die letzte Absage Ende Februar sei für ihn nicht nachvollziehbar gewesen. Aus Sicht des Klubs sei der Platz bespielbar gewesen.

„Man hat das Gefühl, dass sich die Sportämter der Dimension einer Absage gar nicht bewusst sind“, klagt Niroumand. Er wünscht sich, dass die Vereine in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden.

Aktuell dürften die Klubs die Plätze nicht mitaufbauen, pflegen oder Änderungen am Stadion vornehmen. Dazu sei Hertha Zehlendorf durchaus bereit – auch mit finanziellen Mitteln. Die Zusammenarbeit mit dem Bezirk sei aber schwierig. „Wir stehen natürlich im regelmäßigen Austausch. Wir müssen aber auch vor jedem Training darum bitten, auf den Platz zu dürfen. Es ist immer ein riesiger Aufwand unsererseits“, so Niroumand. „Gespräche, wie man es besser machen könnte, finden überhaupt nicht statt. Uns wurde immer gesagt, das ist nicht euer Platz, sondern der des Sportamts – die entscheiden alleine.“

„Im NOFV nicht so richtig willkommen“

Vom Verband und den anderen Vereinen erhofft sich Hertha Zehlendorf in Zukunft mehr Verständnis. „Man hat das Gefühl, dass man im NOFV nicht so richtig willkommen ist. Ich vermisse da die Solidarität und die Unterstützung“, sagt Niroumand. „Wir werden beschimpft, manchmal gibt es sogar Morddrohungen von Fans für eine Sache, für die wir nichts können“, sagt er. Einigen Klubs und ihren Fans sei nicht bewusst, dass die Berliner Vereine bei Spielabsagen keine Entscheidungsgewalt hätten.

Immerhin für die Begegnung am Dienstagabend ist Niroumand zuversichtlich, dass endlich gespielt werden kann. Einen ersten Stresstest mit vielen Gästefans hat das Stadion und vor allem der neue Gästeblock am Mittwoch beim Spiel gegen Carl Zeiss Jena bestanden. „Wir gehen zu 100 Prozent davon aus, dass die Partie am Dienstag stattfindet“, so Niroumand.

Sendung: rbb|24, 07.04.2026, 06:00 Uhr

Audio: rbb|24, 07.04.2026, Lynn Kraemer im Gespräch mit Jonas Bürgener

Rundfunk Berlin-Brandenburg