Wenn Wladimir Putin für das orthodoxe Osterwochenende eine Waffenruhe ankündigt, geschieht das aus reinem Kalkül, nicht aus christlicher Nächstenliebe. Schließlich ist der russische Angriffskrieg auf die Ukraine seiner Erzählung nach ein Heiliger Krieg. Und wenn an diesem Sonntag orthodoxe Christen in der Ukraine und in Russland Ostern feiern, sollen die Waffen nur nach Moskauer Vorgaben schweigen – und nicht aufgrund einer Vereinbarung mit Kiew.
Konkret sind das 32 Stunden Feuerpause von Samstagnachmittag über den ganzen Sonntag bis Mitternacht.
Putins Geste ist zynisch. Denn der Kremlchef könnte jederzeit den Befehl zur Beendigung des Krieges geben, was er offensichtlich nicht will. Sonst würde er nicht darauf beharren, dass die Ukraine ihre Truppen sogar aus einem Teil des Donbass abzieht, den Russlands Armee bislang nicht kontrolliert. Ein Angebot aus Moskau, das an solche Maximalforderungen gekoppelt bleibt, ist kein Signal von Annäherung und Deeskalation, sondern Teil einer Kommunikationsstrategie.
Ein Versuch, die moralische Deutungshoheit zu behalten
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat seit Ende März immer wieder eine Waffenruhe über Ostern vorgeschlagen – Moskau ließ ihn abblitzen. Wenn der Vorschlag nun kurz vor den höchsten christlichen Feierlichkeiten ausgerechnet vom Kreml kommt, wirkt es wie der Versuch, die moralische Deutungshoheit zu behalten. Gut ist dennoch, dass Kiew das Angebot angenommen hat: Nun bleibt zu hoffen, dass die Menschen im Krieg, zumindest kurzzeitig in Ruhe und im Kreise der Familie feiern können. Doch eine Atempause ist noch keine Perspektive.
Putins Waffenruhe enthält weitere Fallstricke: So sind laut Kreml die russischen Truppen bereit, auf „mögliche Provokationen“ zu reagieren. Die Propaganda legt damit schon fest, wer schuld ist, falls doch wieder Drohnen und Raketen fliegen: nicht die gläubigen Russen, sondern die gottlosen Ukrainer.
Egal was passiert, Moskau kann sich im Zweifel als moralisch im Recht darstellen. Die Erfahrung vom Vorjahr zeigt zudem, wie wenig belastbar Putins Ankündigungen sind: Die ausgerufene Osterpause wurde nicht durchgehend eingehalten, beide Seiten warfen einander Verstöße vor.
Dass die österliche Waffenruhe auch zu einer „echten Bewegung hin zu Frieden“ führt, wie es Selenskyj fordert, zeichnet sich aktuell nicht ab. Dagegen spricht, dass die 32 Stunden eben kein Osterwunder sind, sondern eine Inszenierung: Erst wenn der kurzen Pause eine belastbare Vereinbarung folgt, beginnt ein glaubwürdiger Weg zum Frieden. Solange Moskau kompromisslos bleibt und die Waffenruhe an Schuldzuweisungen gekoppelt wird, ist sie Teil von Putins psychologischer Kriegsführung.