Halle. Die neue Haller Kläranlage, deren Baubeginn für 2027 eingeplant ist, wird nach aktuellem Stand fast 54 Millionen Euro kosten. Bei solch einer Summe hat man sich Vorfeld lange Gedanken dazu gemacht, wo man noch Geld einsparen könnte. Nun gibt es plötzlich einen ganz neuen Vorschlag der Bürgerinitiative (BI) Alleestraße, der FDP und der CDU-Fraktion. Sie haben am Wochenende einen Antrag auf Prüfung des sogenannten Nereda-Verfahrens an die Stadt geschickt, da man sich davon eine „interessante wirtschaftliche Alternative“ verspricht.

„Ziel ist eine systematische Prüfung des Nereda-Verfahrens“, schreiben Helmut Rose und Andreas Lüdeke als Vertreter der Bürgerinitiative Allestraße in ihrem an die örtliche Presse gerichteten Schreiben. Sie formulieren es als Anregung an die Stadtverwaltung. FDP und CDU haben einen ähnlich klingenden Antrag zudem an Bürgermeister Thomas Tappe geschickt. Als Mindestinhalte der gewünschten Prüfung fordern sie einen Kostenvergleich, eine Untersuchung der Leistungsfähigkeit im Vergleich zum geplanten Standardverfahren, einen Blick auf die Betriebssicherheit, auf die möglichen Risiken und einen Zeitplan für das Bauprojekt.   

Unter den bundesweit knapp 9.000 kommunalen Klärwerken sind Anlagen, die mit diesem als innovativ geltenden Abwasserreinigungsverfahren betrieben werden, Ausnahmen. Das wohl derzeit einzige Vergleichsobjekt bietet die gut 16.500 Einwohner zählende Stadt Altena im Märkischen Kreis. „Wir bitten die Verwaltung, die Stadt Altena und den Ruhrverband als Betreiber der Anlage als Informationsgeber einzubinden“, fordern CDU und FDP.

Detmold denkt über die niederländische Lösung nach


Helmut Rose (BI) - © Uwe Pollmeier

Helmut Rose (BI)
| © Uwe Pollmeier

Der Vorstandsvorsitzende des Ruhrverbands, Prof. Christoph Donner, hat bereits eine Einladung für einen Vor-Ort-Termin ausgesprochen. Kernpunkt des Schreibens vom 18. März ist die ausführliche Beantwortung eines Fragenkatalogs, den ihm Stützlein vorab zugesandt hatte. Zudem teilt der Vorstandsvorsitzende mit, dass ihm keine weitere Anlage in Deutschland bekannt sei. Lediglich in Detmold gebe es derzeit Überlegungen, sich bei der Neuplanung auch das Nereda-Verfahren als Option anzuschauen. Trotz der noch fehlenden Vergleichsmöglichkeiten im Bundesgebiet könnten laut BI, FDP und CDU mit dem neuen Verfahren die Kosten womöglich erheblich gesenkt werden.

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Entwickelt wurde das patentierte Verfahren zur biologischen Abwasserreinigung, welches sich vom griechischen „Nereida“, eine Wassernymphe aus der griechischen Mythologie ableitet, vom niederländischen Ingenieurberatungsunternehmen Haskoning mit Hauptsitz in Amersfoort.

„Als im Stadtrat vertretene Parteien legen wir Wert auf einen sparsamen und verantwortungsvollen Umgang mit Steuermitteln. Eine wirtschaftliche Alternative könnte Bau- und Betriebskosten deutlich senken und die finanzielle Belastung der Bürgerinnen und Bürger reduzieren“, teilen FDP und CDU mit. Ob am Ende wirklich Geld eingespart werden könnte, lässt sich derzeit nicht sagen. Die Sache bedarf einer umfangreichen Überprüfung.

Zusätzliche Planungskosten müssten berücksichtigt werden


Eckhard Hoffmann - © Heiko Kaiser

Eckhard Hoffmann
| © Heiko Kaiser

„In dem Antrag sind umfangreiche Prüfungen gewünscht. Hierfür benötige ich die Unterstützung von einem Ingenieurbüro“, erklärt Eckhard Hoffmann, Abteilungsleiter Tiefbau- und Abwassertechnik bei der Stadt Halle, am Montagvormittag nach einem ersten kurzen Blick in den Antrag. Grundsätzlich sei das Verfahren interessant, insbesondere um die Betriebskosten zu senken. Es müsse sich jedoch in der Praxis bewähren.

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„Für einen Alternativvergleich zu unserer Kläranlagenplanung müssen wir wahrscheinlich recht detailliert die unterschiedlichen Rahmenbedingungen bewerten“, erklärt Hoffmann. Fördermittel gingen zum jetzigen Zeitpunkt nicht verloren, da man diese ohnehin erst nach der Genehmigung beantragen kann. „Wir sind ja derzeit noch im Genehmigungsverfahren“, sagt Hoffmann. Zudem wären die jetzigen Gutachten nicht umsonst, da bei dem Nereda-Verfahren ähnliche Grundlagen zu ermitteln sind. „Sollten wir aber die Planung umstellen, ist mit erheblichen zusätzlichen Planungskosten und Zeitverlusten zu rechnen“, stellt Hoffmann klar.

Bis es so weit wäre, sofern es überhaupt zu einem Verfahrenswechsel kommt, dürfte noch viel Wasser die Abwasserrohre hinunterlaufen. Vermutlich in der nächsten Ratssitzung am 20. Mai wird der Antrag in den zuständigen Ausschuss verwiesen, wo dann zunächst darüber abgestimmt wird, ob er überhaupt weiter verfolgt wird.

Granulat macht den Unterschied beim Klären

Das Nereda-Verfahren setzt übrigens auf Granulat statt Flocken. In den konventionellen Kläranlagen schwimmen die Bakterien, die den Dreck fressen, in lockeren, leichten Flocken im Wasser, ähnlich wie die Schneeflocken in einer Kugel. Beim Nereda-Verfahren bilden die Bakterien stattdessen feste, schwere Kügelchen. Diese sinken wie Steine zu Boden, sofern man die Belüftung im Becken ausschaltet.

In normalen Kläranlagen dauert das Trennen von Schlamm und sauberem Wasser einige Stunden, im Nereda-Verfahren vergehen nur wenige Minuten. Die Granulat-Kügelchen erweisen sich dabei als Alleskönner. Außen fressen die Bakterien mit Sauerstoff den Schmutz, im sauerstofffreien Inneren erledigen andere Bakterien den Rest. Man braucht also keine fünf verschiedenen Becken mehr, sondern nur noch eines.

Daraus ergibt sich schon der erste Pluspunkt: Da alles in einem Becken passiert und keine riesigen Nachklärbecken mehr gebraucht, spart man bis zu 75 Prozent an Fläche ein. Zudem arbeiten die Bakterien so gut, dass man fast keine Chemie mehr braucht, um das Wasser sauber zu kriegen. Das Verfahren ist also umweltfreundlicher. Zudem soll sich der Stromverbrauch aufgrund weniger eingesetzter Pumpen etwa halbieren.

In Altena stiegen die Kosten danach sogar an

Der Vorstandsvorsitzende des Ruhrverbands erklärt jedoch in seinem Antwortschreiben an Stützlein mit Blick auf die seit August 2022 laufende Anlage in Altena, dass sich die „Erwartungen bezüglich geringer Betriebskosten bisher nicht erfüllt haben“. Diese seien sogar höher als zu Zeiten der herkömmlichen Anlage. Zudem seien die Verbräuche der Betriebschemikalien gleich geblieben. Da jedoch die Preise für diese Mittel gestiegen sind, kam es unterm Strich zu einer Kostenzunahme.

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