Ein normaler Werktag im April an Voltastraße in Stuttgart-Münster: Etwa alle acht Minuten querte ein Auto verbotenerweise die Gleise. Für den Polizisten Thomas Schneider klangen die Entschuldigungen immer gleich: Das Navi habe ihnen den U-Turn so vorgeschlagen. Alles nur Ausreden? Irgendwann kommt es Schneider doch merkwürdig vor. Er greift selber zum Handy. Und tatsächlich: Google Maps schlägt einen U-Turn vor – trotz Verbot.
Google Maps hört auf die Polizei
Das war der Moment für die Polizei Stuttgart, die Kollegen vom Landeskriminalamt einzuschalten. Die Beamten dort stellten umgehend einen Antrag auf Änderung bei Google Maps. Und Google? Der US-Tech-Gigant reagierte tatsächlich schnell und passte die digitale Wegführung an. Der verbotene U-Turn-Vorschlag war schon am nächsten Tag weg. Ein Erfolgserlebnis für die Polizei.
Wobei eine solche Änderung übrigens nicht nur das LKA, sondern jeder mit eigenem Google-Konto beantragen kann. Das funktioniert Google zufolge aber nur auf dem Computer und fasst auch Rad- und Fußwege ein. Allein für öffentliche Verkehrsmittel nimmt Google keine Änderungsvorschläge auf diesem Weg an.
Verkehrsregeln stehen immer über Navi-Apps
Wobei Google juristisch natürlich nicht maßgeblich ist: Einen U-Turn über die Gleise der Stadtbahn ist an Stellen wie der Voltastraße schlicht verboten und führt zu entsprechenden Konsequenzen, auch wenn das Navi etwas anderes empfiehlt. Maßgeblich sind alleine die Schilder vor Ort und die Verkehrsregelung insgesamt. Trotzdem kommen viele Autofahrerinnen und -fahrer dem nicht nicht nach.
Google Maps ist kein Freibrief. Was am Ende zählt sind die Verkehrsregeln
Immer wieder kommt es somit zu heftigen Zusammenstößen von Straßenbahnen mit Autos in Stuttgart. Liegt das nun an Google oder an anderen Gründen? Die Polizei in Stuttgart jedenfalls zieht Konsequenzen aus der Beobachtung an der Voltastraße. An Stellen in der Stadt, wo es früher bereits Zusammenstöße von Stadtbahnen und Autos gab, wird nun geprüft: Hat Google Maps hier womöglich auch fehlgeleitet? Wenn ja, wird eine Änderung beantragt.
Experte: Drei Tipps für guten Umgang mit Google Maps
Doch verleitet Google Maps tatsächlich dazu, das eigene Denken und die eigene Achtsamkeit zu vernachlässigen? Das zumindest beobachtet Stefan Münzer. Er ist Professor für Bildungspsychologie an der Uni Mannheim und meint: Da wir mit Google Maps meist positive Erfahrungen machen, würden wir „gern glauben wollen“, dass es effizient, fehlerfrei und erfolgreich laufe. „Darum passen wir nicht grundsätzlich mehr so gut auf und folgen ‚blind‘ den Anweisungen“, erklärt Münzer.
Das ist schon so ein merkwürdiger Glaube an die Technik, der geht schon über die kognitive Faulheit hinaus. Das macht mich auch ein bisschen nachdenklich, dass wir daran fester glauben als an unsere eigenen Augen und Ohren.
Das räumliche Leben und der Orientierungssinn seien Eigenschaften, die durch Navigations-Apps leiden. Das eigene Mitdenken würde so zur Seltenheit, beklagt Münzer. Er rät deshalb drei Dinge, um das eigene Mitdenken zu trainieren: Zum einen sollten wir die Navi-Route schon vor der Fahrt checken. Dann sollten wir stets die Umgebung im Blick behalten und nach charakteristischen Gebäuden Ausschau halten – immer und auch egal, ob wir zu Fuß, per Rad oder im Auto unterwegs sind.
Und am Wichtigsten: Wir sollten im Straßenverkehr nie davon ausgehen, dass das Navi Recht immer hat.