„Der ist ja gar nicht blau“, blafft eine Zuschauerin ihre Begleitung an, als Paul Adamah von Boko Yout die Bühne am späten Sonntagabend in Köln betritt. Die Aufregung legt sich jedoch schnell, da sich der charismatische Frontmann zwar nicht – so insinuieren es die viral gegangenen Videos der Band – als blau-häutiges Alien herausstellt, aber doch als Kraftbündel extraterrestrischer Qualität.
Zu Feier des Tages trägt die vierköpfige Band Pfadfinderuniformen. Ganz passend zu Adamahs Bewegungsradius während des Konzerts, der sich nicht auf die Bühne begrenzt, sondern deren imaginären Wände von Sekunde eins durchbricht, den Wandervogel mimt, das Publikum umarmt und zwischendurch sogar die Straße vor der Venue Bumann & Sohn besucht.
Das Publikum bedankt sich für solche Sperenzchen und die Performance – dazu sofort mehr – mit einer Elektrisiertheit, die ihresgleichen sucht. Wer hätte das gedacht? Eigentlich standen die Sterne nicht gut für das Konzert. Das große Showcase-Festival c/o pop hat die Stadt eine Woche lang mit Konzerten und Podcasts (über-)versorgt und das notorisch etwas zu bequeme Kölner Publikum hätte gleich etliche Gründe gehabt, am Sonntagabend einfach mal die Füße hochzulegen. Doch die Übersäuerung fährt erst in die Knochen, als sich die wohltemperierte Menschenmasse vom Marionettenspieler Paul Adamah zu linkischen, aber unverfälscht-authentischen Tanzmanövern hinreißen lässt.
Sauber produzierter Rocksound
Warum die Menschen hier sind, hätte man jeden einzelnen fragen müssen, denn Boko Yout, 2022 als Soloprojekt von Adamah gestartet, gibt es in zwei Ausführungen. Da ist jene, die mit einigen Singles, EPs, den bereits erwähnten Videos und zuletzt Ende 2025 mit dem Debütalbum „GUSTO“ viel Wind aufgewirbelt hat. Sehr sauber produzierter, sogar radiotauglicher Rocksound, der ein emotionales Zuhause zwischen den groovigeren Tracks von Bloc Party, Blood Orange und sogar Tame Impala findet. Innovative Genrebezeichnungen erleben da naturgemäß Wildwuchs: „Off-Kilter-New-Alternative“ trifft auf „Cerebral-Funk-Punk“ – vielen merkt man an, wie sie eher projizieren als analysieren.
Adamah selbst präferiert die Bezeichnung Afro-Grunge. Ein wahrscheinlich gut kalkulierter Etikettenschwindel, denn auf der Platte sucht man Grunge und „afro“ vergeblich, selbst wenn Adamah als Schwarzer Sohn von Einwanderern aus Togo und Mozambik gute Argumente hat. Logisch wird das erst, wenn man Boko Yout live sieht. Afro benennt dann zunächst die Einstellung der selbsternannten „Blackest Band Swedens“.
Das Konzert
Boko Yout
20. April, Betty, Hamburg21. April, Urban Spree, Berlin
Adamahs Performance, sein Wille mitzureißen, hat vielleicht dann doch etwas mit Voodoo und anderen Austreibungsritualen gemein – so will es der Künstler zumindest, dessen Gesichtszüge sehr präzise und geübt entgleisen und schamanisch wirken sollen. Dieses hochenergetische Beseelen kennt man gleichwohl auch aus hiesiger Musikhistorie: Live gleicht das Ganze also einer großartigen (Post-)Hardcore-Performance. Inklusive Pulsbass, heftig verzerrten Gitarren und einem umwerfenden Schlagzeugspiel. Eigentlich könnte hier jederzeit der Moshpit losgehen.
Boko Youts Konzert ist eine willkommene Erinnerung daran, dass Hardcore und seine Axiome (Druckkochtopfwut, Dissidenz, stilisierte Verausgabung und/oder Selbstkasteiung und Ähnliches) auch nach 50 Jahren noch fucking Waffen in den richtigen Händen sind. Hier sind sie afropäisch, an Grenzziehungen uninteressiert, haben Performancekunst studiert und wollen nicht, dass es so weiter geht wie bisher. Das ausverkaufte Kölner Haus wäre an diesem Sonntag mit Adamah auf die Straße gegangen und hätte die Revolution gefordert. Vorneweg: ein Alien unter Aliens!