In seinem zweiten Jahr kann das neue Führungsduo der Kurzfilmtage Oberhausen schon vor der Eröffnung einen Rekord verbuchen. Die künstlerische Leiterin Madeleine Bernstorff und die kaufmännische Leiterin Susannah Pollheimder freuen sich über mehr als 7600 Wettbewerbseinreichungen von Filmemacherinnen und -machern aus 124 Ländern. So viele waren es noch nie. Die Auswahljury hat daraus 121 Kurzfilme aus 48 Ländern – von Sri Lanka bis Kanada – ausgesiebt, und die gibt es nun vom 28. April bis 3. Mai 2026 im Programm der 72. Ausgabe des ältesten Kurzfilmfestivals der Welt zu sehen.

Das Motto lautet dieses Jahr: „Den Katastrophen der Welt begegnen“. „Die Kurzfilmtage suchen in ihren Wettbewerben nach neuen Stimmen und Bildsprachen, lässt sich Madeleine Bernstorff zitieren. Man zeige „Arbeiten, die uns überrascht haben, deren Qualität unverkennbar ist – die uns in ihrer Komplexität anstrahlen.“

Im internationalen Wettbewerb, dem größten und ältesten des Festivals, treten 50 Filme aus 36 Ländern an, die in neun Programmen in der Oberhausener Lichtburg gezeigt werden. 28 davon sind als Weltpremiere zu sehen.

Die Bandbreite reicht von Experimental- bis zu klassischen Spielfilmen. Ein Thema, das sich durch viele Filme zieht, ist Migration und Exil – vom jahrzehntelangen Kampf einer eingewanderten Familie um die US-Staatsbürgerschaft („Prayer for All Simple Things“, Kanada) bis zur virtuellen Rückkehr eines jungen Geflüchteten aus der Ukraine in seine Heimat – per Roboterhund („Vydkrytyi svit – Homecoming“, Ukraine). Spannend dürfte auch „an open field“ des südafrikanisch-deutschen Regisseurs Teboho Edkins werden. Er besucht den Absturzort des Ethiopian-Airlines-Flugs 302, in dem auch sein Bruder ums Leben kam, und untersucht Trauerrituale in einem nahen Dorf.

17 Filme laufen im deutschen Wettbewerb, zwölf als Weltpremieren. Mehr als die Hälfte der Filmemacher hat einen Migrationshintergrund. Im Programm ist zum Beispiel der Film „Ein neues Wort“ zu sehen, der eine historische Begebenheit zur Grundlage nimmt: 1970 suchte der WDR in einem Wettbewerb ein neues Wort für „Gastarbeiter“ und stellte eine kuriose Liste von Preisen in Aussicht – von einem Auto über einen Teppichboden inklusive Verlegung bis zur Runde Stammtischbier. Im Film macht ein Münchner Chor langjähriger Arbeitsmigranten meist türkischer Herkunft unter viel Gelächter einen Songtext daraus und lässt die Filmemacherin Cana Bilir-Meier dabei zusehen.

Allein für den NRW-Wettbewerb erreichten das Team 260 Einreichungen, neun wurden ausgewählt. Drei Filme kommen von der Kunsthochschule für Medien in Köln, aber Beiträge aus Düsseldorf, Dortmund, Wuppertal und Mülheim/Ruhr zeigen, dass NRW eine breit aufgestellte Szene hat.

In „Beneath the Night“ hadert ein Kölner U-Bahn-Fahrer damit, dass er zum Gesicht einer ÖPNV-Werbekampagne gemacht wurde. In „Borderland“ begeben sich zwei Filmemacher auf eine Reise durch NRW, um die Tagebau-Löcher mit Wasser aufzufüllen oder KI-generierte Wildschweine über Fußballplätze zu jagen.

Dem Ende des klassischen Musikfernsehens zum Trotz wird in Oberhausen bereits zum 28. Mal der Preis für das beste deutsche Musikvideo verliehen. Der Wettbewerb gehört traditionell zu den publikumsträchtigsten Programmen. Die Regisseure müssen zwar aus Deutschland stammen, die Musik aber nicht. Deshalb findet sich unter den elf Beiträgen auch der Clip zum Song „The Way Through The Woods“ von den britischen Pop-Ikonen Pet Shop Boys, den ein Berliner in Szene gesetzt hat. Ungewöhnlicherweise gibt es auch drei dokumentarische Musikvideos und Filme, die eine normale Songlänge von rund drei Minuten weit übersteigen.

Für alle Altersstufen, sogar für Kinder ab drei Jahren, ist im Wettbewerb gesorgt, dessen 34 Beiträge aus 21 Ländern morgens in vier Kinosälen zu sehen sind – neben der Lichtburg im Gloria, Star und Sunset. Die Bandbreite reicht von fantastischen Animationen für die Kleinsten über Bilder vom Leben von Kindern in Kolumbien, Nepal oder Peru bis hin zum Ausbruch aus vorgegebenen Strukturen und einer Teenager-Schwangerschaft im Programm ab 16.

Im Themenprogramm „based on true events?” untersuchen die Kurzfilmtage das Verhältnis von Realität und Fiktion im (dokumentarischen) Film. Zu sehen ist unter anderem eine Auswahl von frühen Kurzfilmen Werner Herzogs, die seit den 1960er-Jahren oft zuerst in Oberhausen gezeigt wurden und in denen die „Wahrheitsmethode“ des Filmemachers, eine spannende Mischung aus Dokumentar- und Spielfilmelementen, sichtbar wird.