TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Berlin – Russland dreht Deutschland das Öl ab: Ab dem 1. Mai soll kein kasachisches Rohöl mehr über die Druschba-Pipeline nach Schwedt fließen. Vergangenes Jahr flossen immerhin 2,1 Millionen Tonnen aus Kasachstan über diese Leitung. Das Öl versorgt eigentlich den Nordosten und Berlin mit Sprit. Hinzu kommt: Wegen der blockierten Straße von Hormus fehlt auch das Öl aus dem Nahen Osten. Wird das Öl bei uns jetzt also knapp?
Energiesicherheitsexperte Dr. Frank Umbach (62) warnt: Es sei „fraglich, wie schnell kasachisches Erdöl ersetzt werden kann“. Entscheidend sei nun, wie gut Bund und Länder auf dieses „erwartbare Szenario“ vorbereitet seien. Angesichts „alarmistischer Stellungnahmen“ gebe es jedoch „Zweifel“ an der Vorbereitung, so Umbach zu BILD.

Energiesicherheitsexperte Dr. Frank Umbach (62) warnt davor, untätig zu bleiben
Foto: EVENTPIC
Energie-Ökonom Prof. Andreas Löschel zieht Parallelen zur Gaskrise 2022: Wie schon beim Gas über Nord-Stream scheine Moskau „mitten in einer der größten Energiekrisen den Transit“ zu stoppen. Daher müssten „rasch Alternativen geprüft werden“, um kurzfristig die Versorgung der Raffinerien zu sichern, so Löschel zu BILD. Außerdem mahnt der Experte, dass es mittelfristig „einen Rückgang des Ölbezugs und robuste und diversifizierte Lieferwege“ brauche.
Regierung: Versorgung nicht gefährdet
Aus Berlin kommen hingegen beruhigende Worte: Laut dem Bundeswirtschaftsministerium ist die „Versorgungssicherheit mit Mineralölprodukten in Deutschland letztlich nicht gefährdet“. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (52, CDU) zeigte sich zuversichtlich, dass die betroffene Raffinerie in Schwedt ihre Produktion „auf dem Niveau halten“ könne, auch wenn das kasachische Öl ausbleibt. Auch Regierungssprecher Stefan Kornelius (60) bestätigte am Mittwoch, dass die „Treibstoffversorgung sichergestellt ist“.
Hinter den Kulissen sucht die Bundesregierung bereits nach Ersatz. Nach Reuters-Informationen will Berlin Gespräche mit Warschau führen, um mehr Rohöl über den Hafen in Danzig nach Schwedt zu bringen. Doch einfach ist das nicht: Polen zeigte sich bisher zurückhaltend – auch wegen der weiterhin bestehenden Rosneft-Beteiligung an der deutschen Raffinerie.
Jedoch: Deutschland verwaltet die Raffinerie Schwedt treuhänderisch. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wollten westliche Partner kaum noch mit einer russisch kontrollierten Anlage zusammenarbeiten. Deutschland hat die Kontrolle staatlich übernommen – ohne formale Enteignung. So konnte es den Betrieb sichern und auf nicht-russisches Öl umstellen.
Dr. Frank Umbach ist Experte für Energiesicherheit. Er leitet die Forschung des European Cluster for Climate, Energy and Resource Security (EUCERS/CASSIS) an der Universität Bonn. Er berät Regierungen und internationale Organisationen.
Prof. Andreas Löschel ist Energie-Ökonom und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Er berät die Bundesregierung zu Energie- und Klimafragen.