2018 verschwand der Multimilliardär und Erbe des deutschen Tengelmann-Konzerns Karl-Erivan Haub unter mysteriösen Umständen bei einer Skitour am kleinen Matterhorn. Sein Verschwinden erregte enormes mediales Aufsehen und trat wilde Spekulationen los.
Weit weniger im Fokus der Berichterstattung standen die 25.000 Mitarbeitenden, die vor rund 25 Jahren bei radikalen Umstrukturierungsmaßnahmen des Unternehmens entlassen wurden, findet der aus Mülheim stammende Autor, Schauspieler und Regisseur Dennis Schwabenland. Seine Familie war einst selbst betroffen von der Entlassungswelle und rutschte wie viele andere unverschuldet in die Mindestsicherung ab.
Der 1. Mai, der internationale Arbeiter*innenkampftag, rückt näher – und im Ringlokschuppen geht es deshalb bewusst politisch zu. Vom 1. bis 9. Mai befasst sich das Programm dort intensiv mit dem Schwerpunkt „Solidarität, Klasse und Bewusstsein“. Workshops und Theaterproduktionen kreisen um Fragen zu gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Klassen, zu Arbeitsplatzverlust und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Das Herzstück bildet dabei die Theaterproduktion „Mülheim Absturz Ruhr“ von Thecodes, der Theatercompany Dennis Schwabenland (1. und 2. Mai, jeweils 20 Uhr).
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Mülheimer Familie litt lange unter der damaligen Entlassung
„Mein Vater wurde bei der Umstrukturierung des Tengelmann-Konzerns entlassen. Ihm wurde vorgeworfen, als Zentraleinkäufer am Standort Mülheim einen Campingstuhl 50 Pfennig zu teuer eingekauft haben“, berichtet Theatermacher Schwabenland. Um die Höhe der Abfindung zu drücken, sei der verdiente Mitarbeiter zusätzlich auch noch der Bestechlichkeit beschuldigt worden – völlig zu Unrecht.
„Ich war damals 16 Jahre alt und habe das alles als ziemlich ungerecht empfunden. Also habe ich ein Sprachrohr gesucht, um Ungerechtigkeiten öffentlich zu machen und im Theater ein geeignetes Medium gefunden. Mein Theater war und ist immer politisch motiviert“, sagt der 42-jährige Wahl-Schweizer, der im Jugendclub des Theaters an der Ruhr aktiv war, bevor er an der Schauspielschule in Bern studierte.

Das Stück „Mülheim Absturz Ruhr“ ist im Mülheimer Ringlokschuppen zu sehen. Es geht dabei auch um einen Gartenstuhl.
© Rob Lewis | Rob Lewis
Immer schon habe er den Erzählungen der Entlassenen von damals Raum geben wollen, so Schwabenland. Aber erst das Verschwinden von Karl-Erivan Haub sei schließlich der Auslöser dafür gewesen, ein Bühnenstück zu entwickeln. Er interviewte seine Eltern, die lange stillschweigend unter den Geschehnissen litten. Das Tonmaterial ist zum Teil integriert worden in die Produktion (Regie: Jan-Stephan Schmieding, früher auch im Mülheimer Jugendclub, Co-Regie: Milva Stark).
Der Einzelfall seiner Familie zeige auf, wie Arbeitsplatzverlust und ökonomischer Fall tief in Biografien von Menschen eingreifen könnten. Wie sie unbegründete Scham erzeugen und gesellschaftliche Zugehörigkeit in Frage stellen könnten, so der Autor, der auch die angebliche Alternativlosigkeit unternehmerischer Entscheidungen hinterfragen möchte.
Ich habe ein Sprachrohr gesucht, um Ungerechtigkeiten öffentlich zu machen.
Dennis Schwabenland, Autor, Schauspieler und Regisseur
Autor will einen Raum für nachträgliche Solidarisierung schaffen
„Die Beschäftigten damals mussten sich sogar gegen Vorwürfe ihres Arbeitgebers wehren“, behauptet Dennis Schwabenland. Durch den zermürbenden Kampf des Einzelnen um seine Existenz sei die Solidarisierung auf der Strecke geblieben. „Ich möchte im Theaterraum diesen Moment der Solidarität nun nachträglich schaffen“, so der Autor, der auch selbst auf der Bühne spielt.
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Er hofft, dass ehemalige Betroffene bei den Aufführungen im Ringlokschuppen zuschauen und danach ins Gespräch kommen. In Bern, Berlin, Hamburg oder Leipzig habe das Stück gute Resonanz gefunden. „Viele haben sich wiedererkannt. Etwa, weil sie aktuell selbst unter Auswüchsen des kapitalistischen Systems zu leiden haben.“
„„Mülheim Absturz Ruhr“ wird flankiert von anderen politischen Veranstaltungen. Direkt am 1. Mai gibt es im Ringlokschuppen den Workshop „Einsam? Gemeinsam! – Ein Solidaritätsworkshop“. Eingeladen sind alle, die sich mit Fragen von sozialer Unsicherheit, Isolation und Solidarität beschäftigen möchten oder sich davon betroffen fühlen. Wie entsteht ein „Wir“? Was trägt, wenn wir uns aufeinander verlassen müssen? Wo liegen die Grenzen von Solidarität? Im geschützten Rahmen können auch persönliche Erfahrungen freiwillig eingebracht werden. Beginn: 16 Uhr. Dauer: 60 bis 80 Minuten. Die Teilnahme ist kostenlos.
Töchter der Arbeiterklasse und ihre persönlichen Geschichten
„Working Class Daughters“ heißt eine Performative Lesung, die ebenfalls am 1. Mai ab 18 Uhr zu erleben ist. Karolina Dreit und Kristina Dreit haben in ihrem gleichnamigen Buch eine Reihe von „Gesprächen am Küchentisch“ entwickelt, in denen Arbeit, Migration, Queerness, Klassismus im Kunst- und Kulturbereich, Erfahrungen des Klassenwechsels sowie Fragen nach Widerstand und Sorge miteinander verwoben werden. Persönliche Geschichten verbinden sich dabei mit strukturellen Fragen. Der Eintritt ist frei.
Zur Veranstaltungsreihe zählt auch das Projekt „Ensemble“ von Marlin de Haan. Die Regisseurin und Künstlerin und ihr Team laden am 8. und 9. Mai jeweils um 20 Uhr zu einem Happening ein. Für die Entwicklung dieser Performance (und um möglichst viele verschiedene Menschen zu treffen) ist de Haan in ein Hans-Böckler-Hochhaus eingezogen. Ihre Wohnung dient als Ort, an dem alle erdenklichen Anliegen diskutiert werden.
Eintritt zu „Mülheim Absturz Ruhr“: 5/12/18/25 Euro nach dem Prinzip „Pay what you can“. Informationen zum Programm des Ringlokschuppens auf ringlokschuppen.ruhr